Rehberg: Klopp und der Traditionsklub von der Anfield Road -...

Motivationsgenie und ehemaliger Mainzer: An der Anfield Road wartet man schon auf Jürgen Klopp. Foto: dpa

Im August 2006 haben Jürgen Klopps 05er den FC Liverpool in einem Testspiel im Bruchwegstadion mit 5:0 vom Platz gefegt. Elf Jahre und eine legendäre Trainerstation in...

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. Drei Klubs in vierzehneinhalb Trainerjahren: FSV Mainz 05, Borussia Dortmund, FC Liverpool. Niemand zweifelt mehr daran, dass die am Bruchweg entstandene Kultfigur Jürgen Klopp spätestens am kommenden Freitag einen Vertrag in der Hafenstadt an der Flussmündung des Mersey unterschreibt. Die englischen Medien überschlagen sich vor Vorfreude. „Der deutsche Vulkan“, titelt eine Zeitung. Und der „Mirror“ erinnerte am Dienstag schon an ein denkwürdiges Zusammentreffen zwischen Klopp und dem Klub von der legendären Anfield Road.

4. August 2006. Bruchwegstadion. Ein Flutlichtabend. Der FC Liverpool, 2005/06 Tabellendritter in der Premier League hinter Meister FC Chelsea und Manchester United, bestreitet fünf Tage vor dem CL-Qualifikationsspiel bei Maccabi Haifa in Mainz sein letztes Testspiel in dieser Sommer-Vorbereitung. Die 05er stehen unmittelbar vor ihrer dritten Bundesligasaison. Ergebnis: Die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp, der sich auf dieses Duell mit dem Traditionsklub aus der Stadt der „Beatles“ gefreut hat wie ein kleines Kind, überrennt den amtierenden Champions-League-Sieger mit 5:0.

Ein Testspiel, klar. Dennoch war das eine Ansage von Klopp. Der danach urteilte: „Die Liverpooler waren nur so stark, wie wir es ihnen erlaubt haben. Wir waren zu diesem Zeitpunkt der falsche Gegner für sie.“ Und der Kollege Rafael Benitez hatte keine Topfenauswahl am Start: In der Abwehr standen Jimmy Carragher und Sami Hyypiä, im Mittelfeld kurbelten die legendären Chefs Steven Gerrard und Xabi Alonso an, im Sturm mühten sich der lange Kopfballspezialist Peter Crouch, der kleine Dribbler Boudewijn Zenden und der Sprinter Gregg Bellamy. Die Tore aber schossen die Mainzer: Markus Feulner (46.), Tobias Damm (61.), Ranisav Jovanovic (85.), Chadli Amri (86.) und der A-Jugendliche Fatmir Pupalovic (88.). „Wir wissen nun, dass wir Einiges zu korrigieren haben“, resümierte Benitez, später Startrainer von Real Madrid.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Die 05er tappten nach dem Überfall auf Liverpool in eine Falle, von den damaligen fünf Torschützen entpuppte sich lediglich Feulner als stabil bundesligatauglich. Das Klopp-Team spielte mit elf Punkten eine desaströse Hinrunde, 23 Zähler in der Rückrunde konnten die Sache nicht mehr retten. Bundesligaabstieg. Jürgen Klopps größte Enttäuschung in seiner Trainerkarriere.

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Klopp liebt die Aufbauarbeit

Gut neun Jahre später wird die Trainerentdeckung von 05-Manager Christian Heidel beim FC Liverpool aufschlagen. Das passt. Klopp liebt die Aufbauarbeit in einer nicht unbedingt komfortablen Situation. Klopp liebt es, der Herausforderer zu sein und Überraschungen zu schaffen. Klopp liebt eine begeisternd dichte Stadionatmosphäre, er liebt Klubs mit großer Tradition und er liebt Städte mit Menschen, die Fußball atmen und Fußball leben. Das hatte die Arbeiterstadt Dortmund zu bieten, das hat die Arbeiterstadt Liverpool zu bieten.

Die „Reds“ belegen aktuell mit 12 Punkten nur den 10. Platz in der Premier League. Nach einem 1:1 am vergangenen Wochenende in Everton ist der schon länger angezählte Nordire Brendan Rodgers beurlaubt worden. Wirtschaftlich steht das Unternehmen auf gesunden Füßen, sportlich ist der Ruhm seit dem CL-Sieg von 2005 (3:2 n. E. im Finale von Istanbul gegen den AC Mailand, 3:3 nach Verlängerung - nach einem Pausenrückstand von 0:3) verblasst. Die ideale Ausgangsposition für Jürgen Klopp, den nach seiner schöpferischen Pause ausgeruhten zweimaligen Deutschen Meister (2011 und 2012) und CL-Finalisten von 2013 mit Borussia Dortmund. Die englischen Medien huldigen dem impulsiven Motivationsgenie und Umschalttempo-Spezialisten aus dem Schwarzwald.

Gemeinsame internationale Vergangenheit

Und dass Borussia Dortmund und der FC Liverpool eine gemeinsame internationale Vergangenheit haben, das schadet der Story auch nicht. Am 5. Mai 1966 gewann der Ruhrpottklub den Europapokal der Pokalsieger. Nach einem 2:1 n. V. im Endspiel im Glasgower Hampdon Park gegen den FC Liverpool. Mittelstürmer Siggi Held brachte die Dortmunder in Führung (61.). Stürmer Roger Hunt, zwei Monate später Weltmeister mit England nach dem 4:2 n. V. gegen Deutschland (das berühmte Wembleytor), glich zum 1:1 (68.) aus. Rechtsaußen Reinhard „Stan“ Libuda schoss in der 109. Minute mit einem herrlichen Heber das umjubelte Siegtor. Im Tor der von Willi Multhaup trainierten Borussia stand der große Hans Tilkowski, im Mittelfeld spielte Rudi Assauer, am linken Flügel stürmte der spätere 05- und Kastel-Trainer Lothar Emmerich.

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Die Liverpooler wurden angeleitet von Bill Shankly, der von 1959 bis 1974 an der Anfield Road wirkte. Von dieser englischen Trainerlegende stammt der Spruch: „Einige Leute denken, Fußball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Haltung nicht. Es ist viel ernster als das.“ Wunderbar. In dieser Tradition tritt nun der ehemalige Mainzer und Dortmunder Kulttrainer Jürgen Klopp beim FC Liverpool an. Dessen weltweit gefeierter Klubsong „You´ll never walk alone“ künftig wahrscheinlich noch inbrünstiger gesungen wird vor jedem Heimspiel in der Coface Arena.