Rehberg: Klassenziel erreicht - starke Leistung

Da geht´s lang: Mainz 05-Trainer Martin Schmidt. Foto: dpa

Martin Schmidt hat es vermisst, dass am Wochenende in den heimischen Medien die Erreichung des Klassenziels gewürdigt worden wäre. Gefühlt war das schon nach dem Heimsieg...

Anzeige

. Seit dem vergangenen Wochenende steht auch rechnerisch fest: Die 05er spielen 2015/16 ihre achte Bundesligasaison in Folge. Im Dienstagsgespräch der Journalisten mit Martin Schmidt in einer der Bruchweglogen mahnte der Trainer an, dass nach dem 0:2 in Stuttgart die Erwähnung des erreichten Klassenziels in den Medien zu kurz gekommen sei, teilweise gar nicht stattgefunden habe. Das sei hiermit nachgereicht: Zum siebenten Mal hintereinander gehören die Mainzer am letzten Spieltag nicht zu den Teilnehmern an der von jeher spannenden Erstligabstiegskonferenz beim Bezahlsender Sky oder bei den verschiedenen Radiosendern. Das ist eine bemerkenswerte Leistung für einen Klub mit mittelprächtigen wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Auch, weil die 05er sich durch eine problematische Saison zu kämpfen hatten, die geprägt war vom Verlust von drei Leistungsträgern (Zdenek Pospech, Maxim Choupo-Moting und Nicolai Müller), von nicht unerheblichem Verletzungspech (zum Beispiel Jonas Hofmann und Christoph Moritz), von einem Trainerwechsel kurz nach der Winterpause und von starker Konkurrenz in der unteren Tabellenhälfte (Hamburger SV, VfB Stuttgart, Hannover 96, lange Zeit auch Borussia Dortmund und Werder Bremen). Nun fahren die Mainzer am letzten Spieltag zur Meisterfeier des FC Bayern München ohne existenzielle Sorgen. Schmidt und sein Team haben dem aufgekommenen Druck stand gehalten und rechtzeitig geliefert.

Hoffnung auf gutes Gefühl zum Ausstieg aus der Saison

Vor der Bayern-Partie - in München mussten sich die 05er 2007 mal am letzten Spieltag für zwei Jahre aus der Eliteliga verabschieden - steht noch am kommenden Samstag das Heimspiel gegen den 1. FC Köln auf dem Programm. Nach zwei Niederlagen hintereinander (1:2 gegen den HSV, 0:2 im Schwabenland) geht es darum, nicht mit einem schlechten Gefühl aus dieser Spielzeit auszusteigen. Ziel erreicht, aber hinten raus keine Ergebnisse mehr, das kommt nicht gut an bei den Leuten. Und das kann immer auch atmosphärische Auswirkungen haben auf die nächste Saison. Von daher kündet der Cheftrainer noch mal von einem wilden Abschluss-Heimspiel. Und da auch die Kölner nicht mehr zittern müssen, sollte sich eine sonnige und unterhaltsame Veranstaltung organisieren lassen.

Anzeige

Mit schlechter Einstellung hatten die vergangenen beiden Verlustspiele nichts zu tun. Eher mit einem Spannungsabfall bei den 05ern nach der Zieldurchfahrt und mit dem Spannungshöhepunkt bei den auf Überlebenskampf zusteuernden Notfällen HSV und VfB Stuttgart. "Bei denen ging es übertrieben gesprochen um Leben und Tod", erklärte Schmidt. Es sei schwer gewesen, seiner Mannschaft in Stuttgart diese Mentalität noch einzuimpfen. Und dann kann eine Vorstellung eben mal genau so aussehen wie jene in der Daimler-Arena: Der Gegner dominiert mit einem extrem starken Motivationsthema, das eine extreme Willensanstrengung mobilisiert.

Nebengeräusche beeinflussen die Leistungen

Schmidt hat diese emotionale Problematik früh gespürt. Schon im Hotel. Frühstück, Spaziergang, Teamsitzung, Mittagessen, zurück aufs Zimmer: Dort flimmerten die Nachmittagsspiele über den Bildschirm, die eh schon geringe Abstiegsgefahr hatte sich verflüchtigt nach den entsprechenden Ergebnissen - und dann mussten die Spieler knapp eineinhalb Stunden später auflaufen gegen eine bis an die Zähne bewaffnete, in einer Gefahrensituation extrem fokussierte, auf Vollgas eingestellte Kampfeinheit. "Da ist es schwer, sich auf dem Platz rauszuwinden", so Schmidt.

Und natürlich spielen dann auch andere Nebengeräusche eine Rolle. Etwa die Zukunftsplanungen von Leistungsträgern. "Auch das beeinflusst die Arbeit", sagt Schmidt. Bis zum Sieg gegen den FC Schalke 04 habe die Mannschaft sämtliche Seitenaspekte ausgeblendet. Bis dahin sei alles rausgequetscht worden an Konzentration und körperlicher Energie. Zum Beispiel auch bei den Asiaten Jo-Hoo Park, Ja-Cheol Koo und Shinji Okazaki, die inklusive WM und den folgenden Länderspielen nebst Reisen um die halbe Welt ein Riesenpensum abzuleisten hatten.

Spannungsabfall nach den Topleistungen

Anzeige

Der Verbleib in der Liga sei das große Ziel gewesen. Bis dahin habe sich die aufkommende Müdigkeit überspielen lassen. Die Mannschaft sei ans Limit gegangen. Danach kam die Erleichterung, der Spannungsabfall. "Das ist menschlich." Das mündete in eine Leistungsdelle. "Aber jetzt wollen wir die Kölner aus dem Stadion jagen", betonte Schmidt. "Wir wollen am Ende in der Tabelle vor den Kölnern stehen."

Und natürlich habe in der ersten Halbzeit auch die Aufstellung und der Matchplan nicht optimal gepasst. Die Nominierung von Stefan Bell als Rechtsverteidiger gegen den schnellen Filip Kostic sei nicht der Hit gewesen. Auch nicht Christoph Moritz in der Startelf nach dessen langer Wettkampfpause. Moritz konnte in dieser wichtigen Rolle als rechter Sechser/Achter in der Mittelfeldraute Bell in der Defensive nicht so unterstützen, wie es nötig gewesen wäre. Seit dem Abgang von Thomas Tuchel hatten die 05er kaum noch einmal in der Raute gespielt, da mögen die entsprechenden Abläufe gegen den Ball etwas verloren gegangen sein.

Moritz braucht noch ein paar Spiele Praxis

Mit der Raute lassen sich mit drei Sechsern in der Defensive hervorragend das Zentrum und die Halbräume verdichten. Mit dem kleinen Nachteil, dass für die Sechser die Wege zu den Seiten ein paar Meter länger werden. Da braucht es eine gute Antizipation, Handlungsschnelligkeit und Spritzigkeit. Dafür fehlen Moritz (Schmidt: "Das mit ihm war ein Risiko") noch ein paar Spiele Matchpraxis. Zumal der ebenso sensible wie sympathische Profi einen Hang zu übertriebener Selbstkritik auslebt. Schmidt: "Jetzt weiß er wieder, sie sich Bundesliga anfühlt." Und Julian Baumgartlinger hat schon seit zwei, drei Wochen mit seiner Form zu kämpfen; dem Österreicher ist etwas die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit in seinen Abräum- und Passaktionen abhanden gekommen. Das mag sich nach erfolgter Vertragsverlängerung am Bruchweg wieder legen.

Keine Vorwürfe in dieser Situation

Dass es Mittelfeldspieler wie Johannes Geis und Baumgartlinger immer schwer haben, wenn in der vordersten Linie nahezu gar keine Bälle behauptet und sicher weitergeleitet werden, das kommt dann noch erschwerend hinzu. Aber soll man dem gestressten bis abgearbeiteten Okazaki und dem lange verletzten Jairo einen Vorwurf machen? Nicht zu diesem Zeitpunkt der Saison und nicht in dieser tabellarischen Lage. Alternativen? Die gibt es aktuell nicht. Abgesehen von Pablo de Blasis, aber der Argentinier ist eben auch eine gute (und notwendige) Einwechselwaffe.