Rehberg: Jürgen Klopps letzter Walzer mit Borussia Dortmund

Dortmunds Trainer Jürgen Klopp geht am DFB-Pokal vorbei. Foto: dpa

War der Sieg der Wolfsburger verdient? War die Dortmunder Niederlage unglücklich? Das Ergebnis von 3:1 sagt wenig aus über die Spielqualität beider Mannschaften....

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. Jürgen Klopps letzter Walzer mit Borussia Dortmund. Herausgekommen ist keine wilde Pokalsiegerfeier, sondern "nur" eine melancholische Abschiedsparty. Nachfolger Thomas Tuchel wird sich darüber nicht grämen. Die Messlatte für ihn liegt nun zumindest nicht auf Rekordhöhe - der Kult- und Legendenstatus des Vorgängers hat irdische Dimensionen.

Klopps alter Hessenauswahlkumpel Dieter Hecking hat sich den Pokal geschnappt. Der erste Titel eines 50-Jährigen, der seit Beginn seiner Trainerkarriere (SC Verl im Juli 2000) jede Mannschaft besser gemacht hat, die er übernehmen durfte - und dessen Höhepunkt bis zu dieser Triumphnacht im Berliner Olympiastadion der Bundesligaaufstieg mit Alemannia Aachen war (2006).

VW der ganz große Gewinner des Abends

Der ganz große Gewinner an diesem Abend war: VW. Die Konzerntochter VfL Wolfsburg Fußball GmbH darf sich nach dem Meisterteller von 2009 nun auch den ersten goldenen Pokal in die Vitrine stellen. Und da der Volkswagen-Konzern auch den gesamten Pokalwettbewerb sponsert, lief auch der Finalgegner Borussia Dortmund mit dem Konzern-Logo auf dem Trikotärmel vor den Fernsehkameras umher. Ist das noch gesund für den deutschen Profifußball? 16 Klubs in der Ersten und Zweiten Liga werden inzwischen unterstützt von diesem Auto-Konzern, dem der VfL Wolfsburg zu 100 Prozent gehört und dessen Tochter Audi 8,3 Prozent Anteile am FC Bayern und 20 Prozent Anteile am Bundesligaaufsteiger FC Ingolstadt hält. Mächtig.

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War der Sieg der Wolfsburger verdient? War die Dortmunder Niederlage unglücklich? Das Ergebnis von 3:1 sagt wenig aus über die Spielqualität beider Mannschaften. Die Borussia dominierte in den ersten 20 Minuten. Das frühe 1:0, die Riesenchance von Marco Reus zum 2:0. Dann schoss der VfL, der bis dahin überhaupt keine klare Spielanlage hatte und mehr Bälle verstolperte, als man es einem Bundesligazweiten und künftigen Champions-League-Teilnehmer zugestehen möchte, dreimal aufs Tor - und an der Anzeigentafel stand ein 3:1. Das die Wolfsburger defensiv sehr gut organisiert, clever, routiniert und auch mit etwas Matchglück ins Ziel verteidigten.

Langerak hatte nicht seinen glücklichsten Tag

Ein überragender Torwart hätte an einem seiner guten Tage die ersten beiden Gegentreffer wahrscheinlich verhindert. Der Dortmunder Mitchell Langerak ist (noch) kein überragender Keeper - und seinen besten/glücklichsten Tag hatte der junge Australier in diesem Endspiel auch nicht. Entscheidender für die Dortmunder Niederlage war: Der Erfolgsstil von Jürgen Klopp ist bei dieser Mannschaft nur noch sehr bedingt erkennbar, ultimative Vollgasveranstaltungen bekommt diese Elf nicht mehr auf den Platz gebrannt.

Den in sieben Jahren eingeschliffenen Abläufen fehlt es längst an der einst zur Normalität gewordenen Konstanz, Konsequenz und Intensität. Alle Spieler bemühen sich. Aber die kollektive Energie hat gelitten. Warum Jürgen Klopp seine "große Liebe" verlässt, das wurde auch in diesem Pokalfinale deutlich. Die gelb-schwarze Flamme, die den Gegnern zwischen 2011 und 2013 national und international Angst und Schrecken eingejagt hat, lodert nicht mehr. Da ist tatsächlich eine Ära zu Ende gegangen.

Die einstige Wucht und die einstige Siegermentalität sind nicht mehr mobilisierbar

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Diese Borussia hat sich selbst in einem Endspiel nicht mehr aufraffen können zu einer besonderen Leistung. Auch nicht von der Mentalität her. Mats Hummels, Neven Subotic (der in seiner nunmehr schon acht Jahre andauernden Profikarriere noch nie unter einem anderen Trainer als Jürgen Klopp gearbeitet hat), Marcel Schmelzer oder Marco Reus, auch nicht Ilkay Gündogan und schon gar nicht Henrikh Mkhitayan und Shinji Kagawa sind in der Form, mit der sich die alte Pressing- und Gegenpressing-Maschinerie sowie die einst von den Gegnern nicht zu kontrollierenden Umschaltüberfälle im Raketentempo noch organisieren ließen.

Die einstige Wucht und die einstige Siegermentalität sind nicht mehr mobilisierbar. Schon nach dem Treffer zum 1:1 wirkte diese Elf beeindruckt, eingeschüchtert. Und nach dem Treffer zum 1:2 hatte man das Gefühl, als würden in einigen Spielern wieder die vielen schlechten Bilder aus dieser missratenen Saison Besitz ergreifen von Geist und Seele. Natürlich steckt nach wie vor Klasse in dieser Mannschaft. Aber nicht mehr diese Selbstverständlichkeit, dieser Punch, diese Leidenschaft, dieser sportliche Fanatismus, diese Willenskraft aus den besten Tagen.

Das ist Sport. Jürgen Klopp wirkte emotional sehr angefasst nach dem Abpfiff. Diese letzte große Niederlage hat dem 47-jährigen weh getan. Nicht, weil ihm sein Abschied versaut worden wäre. Nein, es war dieses 1:3, dieses verlorene Finale, dieses schwer verdaubare Gefühl, dass da keine typische Klopp-Mannschaft mehr auf dem Feld stand, sondern ein fehlerhaftes und in der Mentalität anfälliges Team, das einem überschaubar starken Gegner den Pokal überlassen hat.

Und damit war noch einmal dokumentiert: Die Borussia braucht einen neuen Impuls - und Jürgen Klopp braucht eine neue, begeisterungsfähige Mannschaft. Wo auch immer in Deutschland oder in Europa.