Rehberg: Jogi Löw empört - über sich selbst?

Jogi Löw. Foto: dpa

Kein Tempo, keine Beschleunigung: Jogi Löw klingt empört, wenn er über den Auftritt der Nationalmannschaft bei der WM redet. Als hätte ein Vorgänger nur Unfug gemacht....

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. Das war schon lustig. Da saß Jogi Löw vor dem Länderspiel gegen Serbien auf dem Podium und hielt einen Vortrag über Spielstile. Thema: Tempo. „Ja“, erklärte der Bundestrainer, „wir hatten bei der WM gar kein Tempo, wir hatten keine Beschleunigungsphasen, wenn wir ins Angriffsdrittel gekommen sind“. Das klang empört. Das klang wie eine Erkenntnis, die Löw exklusiv hat. Das klang, als hätte da irgendein Vorgänger bei der WM nur Unfug gemacht – und das gelte es jetzt in mühsamen kleinen Schritten zu korrigieren. Das klang in Einzelteilen wie eine Belehrung.

Keiner der anwesenden Journalisten hatte den Mut zu sagen: Herr Löw, Sie erzählen hier nichts Neues, wir wissen das, und der WM-Verantwortliche, das waren Sie – und genau Sie haben nach dem Desaster in Russland acht Wochen gebraucht für eine schonungslose Analyse, und genau Sie haben Monate benötigt, um konkrete Maßnahmen einzuleiten hin zu einem Weg, der den DFB-Schlafwagenfußball beendet. Und jetzt gefällt sich der Bundestrainer in der Rolle des Erneuerers. Der plötzlich festgestellt hat, dass viele andere Mannschaften mehr Geschwindigkeit aufziehen.

Kurios. Man hätte sich gewünscht, dass der Bundestrainer noch mal darauf hingewiesen hätte, dass er es war, der vor und während der WM 2018 den Glockenschlag nicht gehört hat. Schon bei der EM 2016 war die DFB-Elf im Halbfinale gegen Frankreich daran gescheitert, dass dem gemütlichen Kurz- und Quergeschiebe kaum klare Torchancen entsprungen sind. In den folgenden beiden Jahren änderte sich daran wenig. Im Gegenteil. Löw arbeitete stur daran, seinen von Tempo befreiten Ballbesitzfußball noch rigider, bis zum Exzess durchzusetzen. Und jetzt steht da der Missionar, der Geschwindigkeitsfußball predigt. Als hätte er mit der von ihm verantworteten Vergangenheit wenig bis nichts zu tun.

Die Richtung stimmt, das steht außer Frage. Aber Löws Art der Moderation bietet Angriffsflächen. Jetzt fordert er Entwicklungszeit ein. Die jungen Spieler brauchen Zeit. Das wird nicht von heute auf morgen funktionieren. Schon gar nicht nach nur einer einzigen Trainingseinheit vor dem Serbien-Spiel. Ach. Was keiner gedacht hätte...

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Neuaufbau ist ein Prozess

Natürlich braucht der Aufbau einer neuen Nationalmannschaft Zeit. Das ist ein Prozess. Aber dann hätte Löw direkt nach der missratenen WM mit seiner Neuorientierung beginnen sollen. Aber der DFB-Vordenker stand in der Kritik. Er stand unter Erfolgsdruck. Er hat Ergebnisse gebraucht. Um sich zunächst mal über die Runden zu retten. Dafür hat er die Weltmeister noch mal gebraucht. Erst als sich der mediale Gegenwind etwas gelegt hatte, da kam Löw der Gedanke: Die Zeit ist reif für eine Zäsur - ein paar Weltmeister aussortieren, junge Geschwindigkeitsspieler in den Kader aufnehmen. Einen Neuaufbau propagieren, Entwicklungszeit einfordern.

Löw war in dieser Phase sehr berechnend. Und Kompagnon Oliver Bierhoff liefert dazu die nötige Marketingsprache: Wir wollten, dass das neue Gesicht der Nationalmannschaft jetzt sehr eindeutig zum Ausdruck kommt. Es macht keinen Sinn, weiter über Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller zu diskutieren. Vorbei. Der neue Weg ist eingeläutet. Aber man darf durchaus daran erinnern: Im WM-Kader hat sportlich und atmosphärisch wenig gestimmt - diesem Problem haben sich Löw und Bierhoff erst sehr spät angenähert. Da sollte man in der Rolle des Erneuerers etwas mehr Nachdenklichkeit und Demut ausstrahlen.

Der neue Spielstil lässt sich nach dem 1:1 gegen Serbien noch nicht richtig greifen. Es ist nicht damit getan, an den Seitenlinien mit Lukas Klostermann (22) und Marcel Halstenberg (27) zwei fußballerisch mittelprächtig begabte, aber physisch starke Leichtathleten zu positionieren. Es ist nicht damit getan, die Angriffsreihe künftig ausschließlich mit jungen Sprintern zu besetzen. Es braucht auch spielerische und taktische Abläufe, die eine neue Spielweise tragen. Und dafür wird Löw ein Mittelfeldzentrum finden müssen, das gegen die besten Teams der Welt Räume verdichtet, das mit Aggressivität Balleroberungen erzwingt, das strategische Begabung einfließen lässt und das die Kugel schnell macht. Da steht diese Mannschaft noch ganz am Anfang. Das Qualifikationsspiel am Sonntag gegen Holland ist in diesem Erneuerungsprozess eine echte Prüfung.