Rehberg: Innenverteidiger als Außenverteidiger - auch Mainz...

Zdenek Pospech, ein Beispiel für einen kompletten Außenverteidiger. Archivfoto: Sascha Kopp

Was sollen Innenverteidiger auf den Außenpositionen, und warum stellt man gleich vier in eine Reihe? Die Idee von Joachim Löw ist zumindest nicht neu. Und oft waren solche...

Anzeige

. Vier Innenverteidiger in der Abwehrreihe, diese Idee von Joachim Löw wird heiß diskutiert rund um die WM 2014 in Brasilien. Innenverteidigerhünen auf der Außenverteidigerposition, im Klubfußball ist das schön häufiger praktiziert worden. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle waren und sind das Notlösungen, wenn Sperren oder Verletzungen den Personalbestand reduzieren. Oder ein Klub hat bei der Kaderzusammenstellung Fehler gemacht beziehungsweise die Wunschverteidiger nicht bekommen. Das gab es auch beim FSV Mainz 05 schon.

Blicken wir etwa auf die Zweitligasaison 1996/97. Damals standen die 05er am letzten Spieltag dicht vor ihrem ersten Bundesligaaufstieg. Das legendäre "Endspiel" beim VfL Wolfsburg ging dann mit 4:5 verloren. Die Standardabwehrreihe in jener Saison lautete: Jürgen Klopp, Peter Neustädter, Miroslav Tanjga und Steffen Herzberger. Klopp, gelernter Stürmer, war ein 1,90 Meter großer, in der Defensive kämpferisch starker Rechtsverteidiger, der im Spielaufbau Schwächen hatte, der aber im Angriffsdrittel mit seiner Dynamik und Schnelligkeit Wirkung erzielte. Herzberger war ein gelernter Innenverteidiger, lang, schlaksig, extrem kopfballstark, aber nicht sonderlich antrittsschnell und in der Offensive mit seinem stärkeren rechten Fuß an der linken Leitplanke limitiert. Aber der Pfälzer hatte Spielverständnis. Die Lösung funktionierte mit den erwähnten Abstrichen. Auch, weil die 05er damals im flachen 4-4-2 spielten und mit Christian Hock oder Abdul Ouakili starke, dynamische linke Mittelfeldspieler für den nötigen Druck sorgten.

Alle Schwächen aufgedeckt

Anzeige

Und dann kam jener 11. Juni in Wolfsburg. An diesem Tag wurden alle Schwächen aufgedeckt, die diese Lösung haben kann. Die Wolfsburger hatten mit Roy Präger einen kleinen, wuseligen, enorm schnellen, dribbelstarken und zielstrebigen Rechtsaußen am Start, der Herzberger schwindlig spielte und der mit zwei Toren und zwei herausgeholten Elfmetern zum Matchwinner wurde. Darüber hinaus sah der große, an diesem Tag auf dieser Position und in diesem ungleichen Duell überforderte Mainzer Linksverteidiger auch noch Gelb-Rot. Reinhard Saftig hätte im Spielverlauf reagieren müssen, doch der damalige 05-Trainer schaute der unguten Entwicklung tatenlos zu.

Die deutsche Nationalmannschaft hat das WM-Viertelfinale erreicht. Der Gegner heißt Frankreich. In dieser Partie kann sich das Duell zwischen dem Linksverteidigerhünen Benedikt Höwedes und dem kleinen, wendigen, schnellen, dribbelstarken Rechtsaußen Mathieu Valbuena ähnlich kompliziert gestalten. Im Basketball nennt man das ein Missmatch, wenn die körperlichen Voraussetzungen zwischen bei Kontrahenten extrem ungleich sind.

Abstriche gegen kleine dribbelstarke Flügelstürmer

Es kommt immer darauf an, welcher Typ Innenverteidiger zum Außenverteidiger gemacht wird. Stefan Bell, technisch sehr solide, beweglich und recht flott auf den Füßen, hat im 05-Team in der Bundesliga schon sehr ordentliche Leistungen abgeliefert als Rechtsverteidiger. Der im Passspiel weniger begabte und im Antritt etwas schwerfälligere Niko Bungert auch, aber er hat diese Position dann eher defensiv verwaltet. Die mehr über ihr glänzendes Stellungsspiel, denn über Geschwindigkeit kommenden Nikolce Noveski oder Bo Svensson hätte man diese Aufgabe an der Seitenlinie nie zugemutet.

Grundsätzlich weiß ein Trainer, welche Abstriche er machen muss mit einem groß gewachsenen Innenverteidiger an der Seitenlinie. In der Arbeit gegen den Ball kann es zu Problemen kommen, wenn der Gegner einen kleinen, wendigen, schnellen und dribbelstarken Flügelstürmer im Team hat, dann kann es schwierig werden für einen unbeweglicheren Seitenverteidiger. Im eigenen Ballbesitz hat der Außenverteidiger drei Phasen zu bewältigen: die Spieleröffnung, das Aufbauspiel in Mittelfeldzonen, die Offensivaktionen im Angriffsdrittel.

Anzeige

Für die ersten beiden Aufgaben braucht es Ruhe am Ball, Überblick, eine ordentliche Technik für das Kombinationsspiel auf engen Räumen und Passsicherheit, in der Angriffszone braucht es Geschwindigkeit, im Idealfall auch Fähigkeiten im Dribbling und für Chancen vorbereitende Flanken. Dazu kommt die physische Komponente: Ein Verteidiger muss binnen 90 Minuten viele intensive Läufe und Sprints körperlich gut verkraften können.

Komplexes Anforderungspaket

Dieses ausgesprochen komplexe Anforderungspaket zeigt auf, dass ein Innenverteidiger zwangsläufig nur eine Notlösung sein kann. Welche Bedeutung ein kompletter Außenverteidiger für eine Mannschaft haben kann, das zeigte der famose Zdenek Pospech in seiner Mainzer Zeit. Oder eben Philipp Lahm beim FC Bayern und in der DFB-Elf auf Weltklasseniveau.

Jogi Löw nimmt diese Abstriche aktuell in Kauf. Vier Innenverteidiger in der Abwehrreihe können immer hilfreich sein, das Zentrum sicher zu verteidigen und bei Offensivstandards Stärken in der Luft auszuspielen. Diese wenig antrittsschnellen Hünen hoch verteidigen zu lassen, wie nun gegen Algerien, birgt ein unkalkulierbares Defensivrisiko, insbesondere dann, wenn auch die Mittelfeldsechser nicht überragend flott auf den Füßen sind.

Mag sein, dass man mit dieser Variante weit kommen kann in einem Turnier. Spielerisch ist das keine Augenweide. Louis van Gaal, der holländische Bondscoach, hat mangels Personalangebot mit Dirk Kuijt einen ins Alter gekommen Stürmer zum Außenverteidiger umfunktioniert. Auch eine Idee.