Rehberg in Evian: Körperertüchtigung und Grillabend

Mainz 05-Trainer Martin Schmidt. Foto: rscp / René Vigneron

Heiß, heißer, Evian. Im Trainingslager haben die 05er mit den hohen Temperaturen zu kämpfen. Rennen, passen, schießen, grätschen, sprinten bis die Rübe glüht und die...

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. Eingangs unserer Fußgängerzone in Evian hängt ein großer Thermometerapparat an einer Hauswand. Beim Blick auf die Digitalanzeige an diesem Dienstag (14.38 Uhr) wird es einem spontan noch heißer: 43 Grad. Da möchte der normale Mensch definitiv nicht den ganzen Tag Sport treiben, und wenn überhaupt, dann nur im Wasser. Den 05-Profis bleibt nicht viel anderes übrig hier am Westufer des Genfer Sees. Körperertüchtigung. Das Berufsbild erfordert das. Rennen, passen, schießen, grätschen, sprinten bis die Rübe glüht und die Socken qualmen. Kurze Trinkpause. Und wieder von vorne. Über stramme 110 Minuten erstreckte sich die Belastungseinheit an diesem Vormittag in der prallen Sonne, eine Art Kleinfeldturnier im "Stade Camille Fournier" unter besonderer Berücksichtigung defensivtaktischer Prinzipien.

Die Fortschritte in diesem Sommer-Trainingslager werden dann am Mittwochabend wieder in der Wettkampfpraxis abgeprüft. Dann messen sich die 05er in einem kleineren Stadion in Genf mit dem AS Monaco. Das ist eine Aufgabe. Der Klub aus dem Fürstentum, im Vorjahr Dritter in der französischen League 1, startet in ein paar Tagen in der dritten Qualifikationsrunde der Champions-League, Gegner ist Young Boys Bern. Die Mannschaft des portugiesischen Trainers Leonardo Jardim steht also kurz vor einem ersten Höhepunkt, entsprechend weit sind die Monegassen auch schon in ihrer Vorbereitung.

Gute Beine benötigt

Wer des Nachts in diesem stickigen Hotelzimmer nicht schlafen kann, der nimmt eine kalte Dusche und macht mal den Fernseher an. Und was gab es da am Samstag als Wiederholung zu sehen: AS Monaco - PSV Eindhoven, ein Testspiel in Italien. Die spontane Gegnerbeobachtung hat ergeben: Die 05er sollten gute Beine haben am Mittwochabend - AS Monaco betrieb bei diesem 3:1 gegen die Holländer ein laufintensives, hoch aggressives Angriffspressing. Das gibt Arbeit für das müde Team von Martin Schmidt.

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In der vergangenen Saison hat der AS Monaco in der Champions-League zweimal Bayer Leverkusen bezwungen in der Gruppenphase (1:0, 1:0), im Achtelfinale killten die Franzosen Arsenal London (3:1 und 2:0), erst im Viertelfinale kam das Aus gegen Juventus Turin (0:0 und 0:1). Ganz so hochkarätig wie noch 2013 kauft Dmitri Rybolowlew inzwischen nicht mehr ein, der Monaco-Investor ist in seinem knüppelharten Scheidungsprozess vor einem Genfer Gericht dazu verdonnert worden, seiner Ex-Frau drei Milliarden Euro aufs Konto zu tun.

Das leitete beim AS Monaco einen kleinen Sparkurs ein. Der teure Torjäger Radamel Falcao ist weg, Dimitar Berbatov und James Rodriguez sind schon länger weg. Zuletzt geholt worden ist Stephan Shaarawy (vom AC Mailand), der 22 Jahre alte italienische Nationalstürmer mit ägyptischen Wurzeln. Auch nicht so ganz schlecht - als Ergänzung zu den ins Alter gekommenen Stars Ricardo Cavalho und Jeremy Toulalan, nicht zu vergessen der portugiesische Edeltechniker Joao Moutinho.

Grillabend zum Teambuilding

Was können die 05er gegen einen solchen europäischen Hochkaräter leisten in diesem Moment, in dem die Profis eine Laufleistung von 70 bis 75 Kilometern pro Woche abreißen während der Arbeit mit dem Ball? "Wir wollen mehr laufen als der Gegner und wir wollen nicht verlieren", erklärt Martin Schmidt. "Und wir wollen wieder ein Stück mehr ein Team werden." Handlungsziele, Zwischenziele, Prozessziele. Keine überdimensionierten Hürden aufbauen, aber auch keine Unterforderungen akzeptieren. Immer schön realistisch. Das ist Schmidts Fahrplan. Eigentlich für die gesamte Saison.

Die Voraussetzungen für einen wachsenden Teamspirit hat der Cheftrainer am Regenerationstag geschaffen. Nicht mittels einer dieser berühmten Teambuildingmaßnahmen. Als da wären die Klettertour auf dem Mountainbike, die Bergwanderung mit Proviantrucksack und finaler Hüttenfeier, das Kanufahren im wilden Bergbachwasser oder das Tretboot-Abenteuer auf dem Baggersee, der Angelkurs, die Partnerarbeit im Hochseilgarten oder der Spaß-Triathlon, nicht zu vergessen das Playstation-Turnier. Nein, der Schweizer, ein Kletterfreak und Extremskifahrer, hat seinen Kader einfach nur ins nahe Golf-Ressort geladen, er hat dort einen Vortrag gehalten, ein paar gruppendynamische Prozesse angeschoben und einen Grillnachmittag mit anschließender freier Abendgestaltung eingeleitet.

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Evangelischer Kirchentag? Eindeutig.

Teamstrukturen aufbauen. Da geht es um Regeln, um Ziele, um das soziale Miteinander. Es geht um Vereinbarungen, die beschlossen und gelebt werden. Abgeschlossen wird diese Gruppenarbeit mit einem schriftlich niedergelegten "Zusammenarbeits-Vertrag". Da geht es um Pünktlichkeit, um Disziplin, um Respekt, um Vertrauen, um Verantwortung, um Gemeinsamkeit, um Rechte und Pflichten, "Leitplanken für das Miteinander", nennt das Schmidt.

Man kann darüber lächeln. Aber ob ein Team dann während der Saison in einer schwierigen Situation kollektive Energie entwickelt - Behauptungswille, Widerstandsgeist, Comebackleidenschaft - das entscheidet sich oft schon vorher. Wenn die Rollen im Kader verteilt werden, wenn die unterschiedlichen Aufgaben skizziert und zugeordnet werden, wenn im Idealfall eine funktionierende Streit- und Verständigungskultur geschaffen wird. Sie meinen, das klingt nach evangelischem Kirchentag? Eindeutig. Aber wir halten fest: Man sieht es Fußballmannschaften sehr oft an, ob sich die Spieler auf gemeinsam zu lebende Werte verständigt haben - oder eben nicht.