Rehberg in Evian: Enge Zeitfenster für den Kontakt zu Spielern

Meistens nur auf Distanz sehen und erleben die Journalisten die Spieler. Foto: rscp / René Vigneron

Neue Notizen aus Evian schickt Reinhard Rehberg. Dort wird im kommenden Jahr die DFB-Elf ihr EM-Lager aufschlagen. Derzeit ist Mainz 05 hier zu Gast. Und bietet den mitgereisten...

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. Der Wecker steht draußen auf der Straße. Kurz vor sieben Uhr beginnt es an diesem sonnigen Sonntagmorgen zu scheppern in unserer Fußgängerzone in Evian. Direkt unter dem Hotelfenster. Die Marktstände werden wieder aufgebaut. Andere als am Samstag, wie sich bei einem kleinen Spaziergang nach dem Frühstück zeigt. Dort, wo am Samstag Hausschlappen mit Fellfutter angeboten wurden, steht heute eine Stand mit utopisch bunten Babyklamotten. Und dort, wo am Samstag Hunderte von verschiedenen Taschenmessern feilgeboten wurden, hat jetzt ein Keramikgeschirr-Händler seine Chance. Überlebt hat der 14 Meter lange "Haribo"-Stand mit seinen grell-neonfarbenen und dramatisch süßen Lutschkostbarkeiten, für die Kinder ihr letzten Taschengeldcent opfern würden.

Und da stelle ich mir vor, wie im Juni 2016 während der EM 2016 in Frankreich die deutschen Nationalspieler durch diese Gassen schlurfen werden, ich höre schon das Schleifen der lässig über den Asphalt geschrubbten Adiletten. Evian ist bekanntlich der DFB-Standort auf dem Weg zum ersten EM-Titel für den Weltmeistertrainer Jogi Löw. Wahrscheinlich wird dann ein Shuttleservice die Spieler vom Mannschaftshotel Ermitage in die Stadt bringen. Über- und Fehlbelastungen ist vorzubeugen. Alles in diesem in den Hang gebauten Städtchen ist steil. Sehr steil. Für die knapp zwei Kilometer von unserer Fußgängerzone aus hinauf zum Ermitage bräuchte man zu Fuß locker eine Stunde. Und die Pulsuhr am Handgelenk der Profis würde Werte ausspucken wie während einer Konditionseinheit.

Quartier der DFB-Elf sicher mit Bedacht gewählt

Oliver Bierhoff hat dieses Quartier sicher mit Bedacht gewählt. Übermäßig abgelenkt werden die Nationalspieler hier nicht, mal abgesehen von dem prächtigen Casinobau unweit der Uferpromenade am Genfer See. Die Bürgersteige werden hier abends zeitig hochgeklappt. Da kann es passieren, dass man in einer Brasserie schon um 22 Uhr die Rechnung auf den Tisch geknallt bekommt, fünf Minuten später sind die Türen geschlossen und die Rolläden unten. Und dann muss man schon ein wenig Glück haben auf der Suche nach einer Bar, die erst um 23 Uhr dicht macht.

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Die stattlichen Preise hier im Grenzgebiet zwischen der Schweiz und Frankreich werden die deutschen EM-Fahrer nicht stören. 2,50 Euro für ein einziges Eiskügelchen, 3,50 Euro für ein 0,25-cl-Fläschlein Apfelsaft, 6 Euro für ein Viertelchen Weißwein oder ein Glas Bier, na ja, das wird eher ein Problem für die anreisenden Anhänger mit kleiner Geldbörse.

Das deutsche Mediencenter wird unweit des Casinos entstehen. Da nudeln dann wieder 500 deutsche Journalisten nach einer Pressekonferenz mit einem Fußballsternchen synchron eine gleich geschaltete Floskelwelle nach Hause. Und das Gemecker unter den Medienschaffenden wird wieder groß sein ob der fehlenden persönlichen Kontakte zu Spielern, ob der fehlenden Exklusivität von Informationen, ob der totalen medialen Gleichschaltung durch den DFB.

Keine Chance, an die Spieler zu kommen

Und damit wären wir bei den 05ern. Auch beim Bundesligisten ist die moderne Medienwelt längst angekommen. Nein, wir schwenken jetzt nicht die große Moralkeule. Aber wir meckern. Tagtäglich. Weil wir an die Spieler überhaupt nicht mehr herankommen. Es gab Zeiten, da ist man nach einer Trainingseinheit an der Seite eines Spielers zum Hotel geschlendert, und in diesen drei bis fünf Minuten hat man mehr erfahren und mehr an persönlichem Kontakt aufgebaut als in sämtlichen offiziellen Pressekonferenzen. Und gerade die jüngeren Profis haben sich gefreut, wenn ein Schreiber auch mal Notiz nahm von einem Spieler, der noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit steht. Will man als Pressemann Entwicklungen und Leistungen in der erforderlichen Komplexität beurteilen, dann braucht man auch einen kleinen Einblick in die jeweiligen Persönlichkeiten. Wir stellen fest: Das geht gar nicht mehr.

Auf dem Weg zwischen Hotel und Trainingsplatz dürfen die Profis nicht mehr angesprochen werden. Ein kleiner spontaner Plausch auf der Hotelterrasse? Wird nicht gerne gesehen. Die an den Genfer See angereisten Journalisten aus Mainz dürfen einen Spieler bestellen für einen mittäglichen oder abendlichen Talk. Und der, das betont die 05-Medienabteilung stetig, hat ein "sehr enges Zeitfenster". Fünf bis sieben Fragen - und die hastig hingeworfenen Standardantworten nudeln AZ, Kicker, Bild, nullfünfmixedzone, Sport aus Mainz oder dpa dann in einem harmonischen Gleichklang in die Heimat. Exklusiv bleiben da bestenfalls noch die möglicherweise unterschiedlichen Interpretationen des Gesagten.

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Festzustellen ist: Die klubeigenen medialen Aktivitäten für die 05-Homepage haben immer Vorrang. Nicht selten ist es auch so, dass ein Medienmann des Klubs den Journalistentalk mit einem Spieler zeitgleich ins Laptop hackt, direkt auf die Homepage packt und in die sozialen Netzwerke entsendet - da sind die Schreiber auf der Hotelterrasse noch nicht mal von der Couch aufgestanden.

Nur ein Beispiel. Samstagabend. Yoshinori Muto. Der Japaner sollte über seine ersten Eindrücke erzählen, das sollte auch eine Kennenlernchance sein. Man bereitet sich vor, liest noch mal im Internet nach über seine Karriere, über seine Herkunft, man schafft sich ein paar Kenntnisse über Japan drauf. Und dann? "Ganz enges Zeitfenster, Yoshi muss in einer Viertelstunde zum Abendessen." Aha. Also ein wenig Blabla - das Kommunikationsproblem, das nicht so schlimm ist, weil die Mitspieler und die Trainer sehr nett sind, die ersten Fußballbegriffe auf deutsch, der kaum existente Unterschied zwischen Training in Japan und in Deutschland, Essen in Mainz, die Wohnungssuche, die baldige Ankunft der Ehefrau - und tschüss. Der Dolmetscher muss für Muto die Fragen übersetzen, danach muss er dessen Antworten für die deutschen Schreiber übersetzen. Da sind 15 Minuten tatsächlich "ein ganz eng getaktetes" Zeitfenster.

Nicht mal mehr in Mainz...

Und dann schaut man sich um. Am anderen Ende der Hotelterrasse sitzt Fabian Frei. Ganz entspannt. Vor einem Laptop. Der Klub hat mit dem Sommerzugang aus Basel einen Facebook-Chat organisiert. 30 Minuten lang kommuniziert der Schweizer Nationalspieler vor dem Abendessen mit den Fans. Ein großzügiges Zeitfenster. Vielleicht müssen sich Journalisten künftig in diese Klubmaßnahmen einloggen…

Die Bundesligaklubs steuern ihren Auftritt in der Öffentlichkeit selbst. Die Klubs wollen sich mehr und mehr unabhängig machen von dem Bild, an dem die unabhängigen Medien werkeln. Wer sie sind und als was sie wahrgenommen werden wollen, das bestimmen und lenken die Klubs selbst. Das ist der Plan. Bindung zwischen Journalisten und Spielern? Nicht mal mehr in Mainz. Ein Gespräch mit einem Profi ohne die kontrollierende Anwesenheit eines Vertreters der klubeigenen Medienabteilung? Nicht mal mehr in Mainz. Interviews ohne Autorisierung? Nicht mal mehr in Mainz. Da könnte ja jemand auf die Idee kommen, mit Muto die japanische Atomreaktoren-Politik diskutieren zu wollen…, klar.

Keine Oase in der kontrollierten Gleichmacherei

Das ist letztlich eine Kritik an der Medienstrategie des gesamten deutschen Profifußballbetriebs. Das Team um 05-Medienchef Tobias Sparwasser geht diesen Weg einfach nur mit. Warum nicht wenigstens Mainz 05 noch eine kleine Oase darstellt in dieser kontrollierten und kontrollierenden Gleichmacherei, das diskutieren wir immer mal wieder. Hie und da gibt es eine Kompromiss-Lösung. Aber immer seltener.

Bleibt als Lichtblick Cheftrainer Martin Schmidt, der - ganz anders als sein Vorgänger Kasper Hjulmand - täglich interessante Einblicke gewährt in seine Arbeit. Dass der Schweizer, der gerade sein erstes eigenverantwortlich geführtes Trainingslager erlebt als Bundesligatrainer, hier am Genfer See auch etwas hektischer wirkt als gewohnt, dass auch er etwas mehr auf Kontrolle und Abschottung der Spieler aus ist, das mag verständlich sein. Zwingend notwendig ist das nicht. Nicht am Standort Mainz.

Eines werden die Klubs niemals kontrollieren und lenken können: Die fachliche Beurteilung der Leistung auf dem Rasen. In dieser Nische können wir Journalisten uns noch frei und unabhängig austoben. Herrlich.