Rehberg in Evian: Die Neuen im ersten echten Test für 05

Fabian Frei im Duell mit Francois Clerc beim Testspiel zwischen Mainz 05 und AS Saint-Etienne. Foto: rscp / René Vigneron

Neue Dimensionen hat Reinhard Rehberg beim Trainingslager ausgemacht: Fünf Stunden An- und Abfahrt für ein Testspiel, das hat eine neue Qualität. Und im Spiel zeigten dann...

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. Der Kollege am Steuer war am Abend fix und fertig. Insgesamt fast fünf Stunden Autofahrt für ein Testspiel, das sind neue Dimensionen in einem Sommer-Trainingslager. Für die Fahrt von Evian nach Albertville hatten wir bei der Navi die kürzeste Strecke bestellt. Also führte uns die nette Frauenstimme mal eben durch die Berge. Mitten durch die französischen Alpen. Atemberaubende Panoramablicke auf das Mont-Blanc-Massiv. Nicht enden wollende Serpentinen. Bekannte Weltcup-Skiorte. Eine kleine Umleitung (französisch: Déviation), die uns ein paar zusätzliche enge Spitzkehren bescherte. Hat sich gelohnt, die Anfahrt war ein Abenteuer.

Albertville, die Stadt der Olympischen Winterspiele von 1992, muss man nicht gesehen haben. Wenig reizvoll. Das sogenannte Olympiastadion, in dem damals Eröffnungs- und Schlussfeier stattfanden, hat eine steile Tribüne mit einem langgezogenen Betondach darüber, spannend ist das nicht. Aber die Leute sind nett. Der schwergewichtige Getränke- und Sandwichverkäufer im Stadion will wissen, wo wir herkommen. Er erzählt, er stamme aus Uruguay. Mein Kollege berichtet ihm davon, dass jener Gonzalo Jara, der bei der Copa America Uru-Star Edinson Cavani in den Hintern gekniffen hat, heute für Mainz 05 aufläuft im Test gegen die AS St. Etienne. Ein Gesicht verfinstert sich. "Ach, ja? Und ich habe mein Handy nicht dabei…", stöhnt der Uruguay-Franzose. Was auch immer das heißen sollte…, womöglich hätten ansonsten nach dem Abpfiff ein Dutzend maskierter und bewaffneter Exil-Urus mit gekreuzten Patronengurten über den Schultern auf den chilenischen 05-Profi gewartet hinterm Mannschaftsbus…

Es bleibt alles friedlich hinterm Uru-Stand

So bleibt alles friedlich. Und als wir das Stadion verlassen, bekommen wir am "Uru-Stand" die übrig gebliebenen Camembert-Baguettes geschenkt. Lange Teile, gut belegt. Dazu spendiert uns Trainer Martin Schmidt eine 1,5-Liter-Wasserflasche aus dem 05-Kontingent. Mit diesem Proviant geht es auf die Rückreise. Diesmal durchs Tal. Vorbei am Lac d´Annecy, ein riesiger See zu Füßen der Alpen. Auch sehr schön.

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Das Testspiel gegen den letztjährigen Fünften der Ligue 1 war unterhaltsam. Und lehrreich. Müßig zu betonen, dass man diesen Darbietungen bei 30 Grad in der Abendsonne, begleitet von schweren Beinen und leerem Kopf am toten Punkt dieser Sommer-Vorbereitung, nicht zu viel Grundsätzliches abringen sollte. Aber wir können festhalten: Die 05er hatten spätestens ab der 15. Minute deutlich mehr Struktur in den spielerischen und taktischen Abläufen als der französische Europaliga-Qualifikant. Das Team von Martin Schmidt erarbeitete sich Dominanz, auch gute Umschaltchancen. Auch begünstigt durch das teilweise chaotische defensive Umschaltverhalten des anfänglich offensiv sehr munteren Gegners.

Der Blick auf die Neuen

Werfen wir einen Blick auf einige der Neuzugänge in ihrem ersten ernsthaften Test im 05-Trikot.

Da interessierte natürlich in Abwesenheit des angeschlagenen Julian Baumgartlinger das neu formierte Mittelfeldzentrum mit Fabian Frei und Danny Latza. Wenn ein Spieler hundemüde ist, dann vertraut er in erster Linie seinen tief verankerten Gewohnheiten. Die haben Fabian Frei in Albertville signalisiert: Kein Risiko eingehen, nicht zu viel machen, vor allem keine Fehler produzieren, nicht jeden Zweikampf führen, mit Ruhe und Übersicht ein paar präzise Verteilerpässe streuen. Clever gespielt von dem Mann aus Basel. Aber in der Intensität doch noch sehr überschaubar. Der junge, noch für die U19 spielberechtigte Suat Serdar stürzte sich nach der Pause leidenschaftlich in jeden Zweikampf. Danny Latza bekam lange Zeit auch nicht so recht den Zugriff in seinem Raum, doch der Techniker blieb dran, er arbeitete sich rein. Seine Topstärke: öffnende Diagonalpässe in Richtung Seitenplanken, sehr präzise, gutes Timing.

Ein sehr interessantes Projekt entsteht da mit Florian Niederlechner. Sagen wir es so: Der Mittelstürmer übt noch, aber er strahlt schon etwas aus. Bälle sicher festmachen in der Spitze, das kann und muss der 24-Jährige noch lernen (dafür hat einst Adam Szalai einige Monate gebraucht, auch Shinji Okazaki hatte das zunächst nur ansatzweise im Programm). Ansonsten ist Niederlechner ein Typ, dem kein Weg zu weit ist, der im Anlaufverhalten gegen die gegnerische Spieleröffnung brummt wie sein Vorgänger aus Japan. Niederlechner kann sich auch im Kombinationsspiel behaupten. Und dieser Kerl mit dem breiten Kreuz hat eine wichtige Basisgewohnheit: Er will zügig, sehr direkt und unkompliziert zum Abschluss kommen - geschickter Laufweg im Strafraum, schnelle Drehung, kurzer Abzug, Bumm. Ein Aktionsmuster.

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Zur zweiten Halbzeit kam dann Yoshinori Muto ins Team. Martin Schmidt hatte in der Pause auf dem Rasen ein großes Taktikplakat ausgerollt vor dem Außenstürmer, die Fotografen aus Japan robbten auf dem Bauchnabel heran für Aufnahmen knapp über der Grasnarbe. Auch einige japanische Schreiber waren aus Mainz eingeflogen. Also, Muto ist schnell und entscheidungsfreudig. In allem, was er anpackt. Er ist ständig unterwegs, immer auf der Suche nach bespielbaren Räumen, dabei hat er den Kopf oben. Zwei gute Flanken und ein nur knapp zu lang geratener Tiefenpass aus dem Zentrum heraus. Das war schon mal eine nette Vorstellung. Man bekommt eine Ahnung davon, dass Muto ein Tempospezialist werden kann, der eine Abwehr verrückt macht. Wie lange das dauern mag? Am nötigen Selbstbewusstsein mangelt es dem Japaner nicht.

Das gilt hier auch für Maximilian Beister. Der ist pyhsisch natürlich schon weiter als Muto, stabiler im Oberkörper und in den Beinen. Ein Kraftwürfel, ein Tempodribbler, dynamisch, zielstrebig, auch ein Tiefensprinter. Beister, Christian Clemens (der physisch und im Selbstvertrauen jetzt einen viel besseren Eindruck hinterlässt als in der vergangenen Rückrunde), Jairo (auch der Spanier wirkt jetzt körperlich kompakter und stabiler), dazu Muto - da ist Geschwindigkeit auf den Außenbahnen.

Eine bulgarische Überraschung

Eine echte Überraschung an diesem Tag war: Todor Nedelev. Der teure Bulgare, der in seinem ersten Jahr in Mainz ständig verletzt, nie mal richtig fit war. Gegen die AS Saint-Etienne hatte Nedelev sehr starke Szenen. Als laufstarker, flinker, technisch starker Zehner, der sich die Bälle auch mal auf Höhe der Mittellinie abholte. Der 05-Trainer wertet das Talent als Neuzugang. Vielleicht ein Spätentwickler, einer, der in Deutschland zunächst mal heimisch werden und Vertrauen aufbauen musste. Schmidt sagt, der Bursche habe außer der absoluten Höchstgeschwindigkeit alles im Repertoire. Konkurrenz für Yunus Malli und Ja-Cheol Koo? Schaden würde das nicht.