Rehberg: In Braunschweig ist Willensleistung nötig

Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht. Foto: dpa

Englische Woche, der FSV Mainz 05 reist nach Braunschweig. Nach der Partie gegen den Tabellenführer steht nun das Spiel beim Tabellenletzten an. Mit Torsten Lieberknecht...

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. Torsten Lieberknecht vollbringt da in Braunschweig eine bemerkenswerte Leistung. Diese Feststellung bezogen auf den Trainer eines nun schon fünf Punkte hinter dem Relegationsplatz hinterherhinkenden Tabellenletzten mag verwundern. Aber wenn eine Mannschaft, die in 26 Spielen nur vier Siege gefeiert hat und 16 Niederlagen verkraften musste, dennoch konstant mental lebendig, wettbewerbsfähig, immer nah dran am jeweiligen Gegner bleibt, im Spielverlauf fast immer Chancen hat auf ein positives Ergebnis, dann spricht das für Trainerqualität.

Lieberknecht hat den größten Teil seiner Spielerkarriere beim FSV Mainz 05 verbracht. Von 1995 bis 2002. Zweite Liga. Der in Bad Dürkheim geborene Pfälzer sagt immer wieder, die Erlebnisse in Mainz, der Weg der 05er, der Umgang mit den wirtschaftlich begrenzten Möglichkeiten, die verpassten Aufstiege 1997 (4:5 in Wolfsburg) und 2002 (1:3 bei Union Berlin), der Start des Jungtrainers Jürgen Klopp, all das habe ihn geprägt. Als die Mainzer 2003 trotz des 4:1-Erfolgs am letzten Spieltag in Braunschweig zum zweiten Mal hintereinander den Aufstieg verpassten, stiegen die Norddeutschen in die Regionalliga ab. Just in jenem Sommer wechselte Lieberknecht nach einem Jahr beim 1. FC Saarbrücken zu Eintracht Braunschweig. Er wurde dort später Nachwuchschef und U19-Trainer. 2007 übernahm er die Verantwortung für das am Boden liegende Regionalligateam. Die Höhepunkte seiner Trainerkarriere waren der Zweitligaaufstieg 2011 und der fast schon sensationelle Sprung in die Bundesliga 2013.

Immer wieder Spieler aus dem Südwesten verpflichtet

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Die Herkunft des Trainer spiegelt sich auch im Kader wider. Immer wieder hat Lieberknecht Spieler aus dem Südwesten der Republik verpflichtet: Torhüter Daniel Davari, Rechtsverteidiger Benjamin Kessel sowie die Mittelfeldspieler Damir Vrancic und Marco Caligiuri kickten einst am Bruchweg, die torgefährlichen Mirko Boland und Domi Kumbela beim 1. FC Kaiserslautern, Norman Theuerkauf bei der Frankfurter Eintracht.

Was erwartet die 05er in Braunschweig? Das Team von Torsten Lieberknecht ist Letzter, weil die spielerischen Mittel, insbesondere auch die individuelle Qualität in der Offensive auf Bundesliganiveau nicht ausreichen. Nur zehn Tore in 17 Hinrundenspielen, 21 Tore nach 26 Spieltagen. Das ist zu wenig. Mit Hilfe von kreativen Eckballvariationen hat sich die Eintracht halbwegs über die Runden gerettet. Festzustellen ist aber: Die Elf ist defensiv sehr gut organisiert, die physischen Daten sind hervorragend, Kampfgeist, Willenskraft und Gemeinschaftsgefühl sind ausgeprägt. Deshalb ist und bleibt diese Mannschaft unbequem, schwierig zu bespielen.

120,2 gelaufenen Kilometer gegen Schalke

Schaut man sich die Trackingdaten der Eintracht beim jüngsten 1:3 in Schalke an, dann muss man konstatieren: In sämtlichen physischen Bereichen war die Lieberknecht-Elf mindestens gleichwertig. 120,2 gelaufene Kilometer entsprechen dem Wert der 05er gegen den FC Bayern. Dazu kamen 452 schnelle Läufe (Schalke: 402), 197 Sprints (Schalke: 192), eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,1 km/h (Schalke ebenfalls 7,1), auch in der Statistik der gewonnenen Zweikämpfe war die Eintracht auf Augenhöhe (51:49 Prozent). Die Aufgabe für die 05er ist damit klar umrissen: Läuferisch und kämpferisch zumindest ebenbürtig sein - und auf dieser Basis die spielerischen Vorteile und die höhere offensive Qualität durchdrücken. Da ist nach dem "Bayern-Fight" auch eine Willensleistung gefragt.

Im vergangenen Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (1:1) erarbeiteten sich die Braunschweiger nur eine einzige klare Torchance, diese führte zum Ausgleichstor durch den technisch glänzenden, in der Arbeit gegen den Ball aber häufig wenig disziplinierten Dribbelstürmer Karim Bellarabi. Lieberknecht probierte es im 4-2-3-1 mit Angriffspressing, das ebbte aber schon nach rund 15 Minuten merklich ab, die Gäste dominierten bis zur Pause. Der Trainer stellte nach der Pause um auf ein 4-1-4-1, die defensive Stabilität kehrte zurück, Wolfsburg hatte kaum mehr gefährliche Szenen, aber auch die Braunschweiger blieben im Angriff harmlos. Torjäger Kumbela (sechs Saisontreffer) rannte und rackerte, er bereitete auch das 1:1 vor, aber der Mittelstürmer wartete vergeblich auf verwertbare Vorlagen. Dafür zuständig wäre Jan Hochscheidt, ein guter Techniker, doch dem vom FC Aue gekommenen Techniker mangelt es etwas an Geschwindigkeit, auch an Handlungsschnelligkeit. Ein interessanter Mann ist der im Winter von RB Salzburg gekommene Stürmer Havard Nielsen (22), 1,87 Meter groß, spielerisch veranlagt, aber (noch) ohne Abschlusseffizienz.

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Zum Ex-05er Marco Caligiuri, einer der wenigen im Team mit ausgeprägter Erstligaerfahrung, lässt sich sagen: Zum Leistungsträger hat sich der hoch begabte Allrounder auch in Braunschweig nicht aufschwingen können.