Rehberg: Identitätsfrage stellen auf dem Weg zurück zum Erfolg

Kampf um jeden Ball: 05-Akteur Julian Baumgartlinger (rechts) zeigt gegen den Münchener Daylon Claasen, wie es laufen sollte. Foto: dpa

Haben die 05er schon eine Krise - oder sind wir erst auf dem Weg dahin? Diese Frage ist belanglos, findet unser Kolumnist Reinhard Rehberg. Viel wichtiger ist der Weg zurück...

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. Jürgen Klopp hat mal in Mainz in der Bundesliga in einer kompletten Vorrunde nur elf Punkte geschnappt, er hat mal die ersten fünf Saisonspiele verloren und der Motivationsmeister hat auch mal saisonübergreifend in 13 Spielen hintereinander nicht gewonnen. Thomas Tuchel hat mal in Mainz in neun Spielen hintereinander keinen Drei-Punkte-Erfolg geschafft, der Taktikmeister hat mal in einer kompletten Rückrunde nur zwei Spiele gewonnen. Diese Misserfolgsserien sind nicht neu am Bruchweg, die gab es auch unter den größten Trainertalenten. Wie ist der Klub mit diesen schwierigen Phasen umgegangen? In der Öffentlichkeit: Ruhe ausstrahlen, Trainer stärken, Zusammenhalt erzeugen, Signale senden: Wir haben Vertrauen in das Projekt. In den eigenen vier Wänden: knallharte Fehleranalyse, Aufarbeitung von Teamgeistdefiziten, Mobilisierung von Energie erzeugender Reibung.

Jede Misserfolgsserie hat ihre eigene Geschichte

Jede Misserfolgsserie hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Ursachen und unterschiedliche Wendungen. Welchen Verlauf die aktuelle Problemphase nimmt, das wissen wir nicht. Trainer Martin Schmidt ist als Troubleshooter gefragt, zum ersten Mal, seit er den eigensinnig-erfolglosen Kasper Hjulmand beerbt hat. Über die Branchenbezeichnung „Krise“ wird oft gestritten: Haben wir schon eine - oder sind wir erst auf dem Weg dahin? Diese Frage ist belanglos, völlig wurscht. Der aktuelle Zustand der Mainzer Mannschaft ist schlecht, welches Etikett da auf der Verpackung klebt (zum Beispiel: „Vor dem Öffnen gut durchschütteln“ oder „Vorsicht, zerbrechlich“), gibt im Fußball eher selten einen Hinweis auf die geeigneten Maßnahmen.

Den 05ern ist die Klarheit in der Spielidee abhanden gekommen, da stellt sich die Identitätsfrage: Wer sind wir, was und wie wollen wir spielen – was müssen wir veranstalten, um in dieser Liga Spiele zu gewinnen? Die beiden Aspekte müssen nicht immer deckungsgleich sein. In diesem Moment gibt es nur eine Entscheidung: Einfach spielen, kämpferisch spielen, leidenschaftlich spielen, gemeinschaftlich und willensstark auftreten – und damit wieder ein Fundament bauen für die schrittweise Rückgewinnung von Überzeugung, Selbstvertrauen und Zuversicht.

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Starker FCA-Auftritt beim SC Freiburg

An diesem Samstag geht es nach Augsburg. Der Ansatz des Tabellenletzten, der mit 1:5 in Dortmund untergegangen ist und danach im DFB-Pokal mit einer bockstarken Leistung beim Zweitliga-Spitzenreiter SC Freiburg Wiederauferstehung gefeiert hat, ist bekannt. Der Gegner verteidigt nach vorne gerichtet, eng, gut organisiert und in seinen Pressingzonen ausgesprochen aggressiv – und nach der Balleroberung kann diese Mannschaft ballsicher und konstruktiv aufbauen oder höllisch schnell über die Flügel umschalten. Die 05er sollten auf das Gefühl vorbereitet sein, da würde eine in Panik geratene Büffelherde angestürmt kommen.

Kunst und Wunder lassen sich für die 05er nicht mobilisieren nach dem 1:3 gegen Werder Bremen und nach dem trostlosen 1:2 im Pokal gegen die Münchner Babylöwen. In diesem Moment geht es - nach den vielen läppischen, oft durch grobe Eigenfehler verschuldeten Gegentoren in den vergangenen Wochen – um die Rückgewinnung von defensiver Stabilität. Einfach nur einen der beiden verunsicherten Innenverteidiger auszutauschen, das wäre zu simpel gedacht. Die letzte Reihe muss auch durch die Linien davor geschützt werden. Durch Laufstärke. Durch enge Abstände innerhalb des Defensivblocks. Durch Zweikampfgift, das permanent Druck auf den gegnerischen Passgeber ausübt. Durch funktionierende Helfer- und Absicherungsabläufe. Und natürlich auch durch eine stabile Entlastung im eigenen Ballbesitz.

Neustart ausrufen

Man kann in schwierigen Situationen hadern, im Unglück baden und liegen bleiben. Man kann aber auch grimmig-lustvoll Fragen beantworten: Was zeichnet einen Wettkämpfer aus, was zeichnet eine Wettkampfgemeinschaft aus? Die Augsburg-Partie kann dazu dienen, einen Neustart auszurufen, ein Grundlagenspiel zu organisieren, in dem die 05-typischen Basisprinzipien neu belebt werden. Das gute Gefühl stellt sich dann ein über gelungene Abwehraktionen, über Balljagd und Balleroberungen, über die den Passweg weisenden zielstrebig durchgezogenen Tiefenläufe im Sprinttempo. Das ist immer mobilisierbar. Und dann könnte sich in den 90 Minuten herausstellen, dass die in die Spielmacherrolle gedrängten Augsburger noch nicht ganz so gefestigt sind, wie sich das für die Elf von Markus Weinzierl nach dem Dominanz-Sieg in Freiburg möglicherweise anfühlt.