Rehberg: Hjulmand und Klopp - Zwei Trainer, zwei Situationen

Jürgen Klopp, geknickt. Foto: dpa

Viele Experten schreiben und erzählen in diesen Tagen, Jürgen Klopp erlebe in Dortmund gerade die schwerste Krise seiner Trainerlaufbahn. So ganz stimmt das nicht.

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. Denn da wird vergessen, dass der einstige Mainzer Kulttrainer ja mit den 05ern 2004 nicht nur den ersten Bundesligaaufstieg in der Klubgeschichte geschafft hat, sondern 2007 auch den ersten Bundesligaabstieg verkraften musste. Dessen Ausgangspunkt mickrige elf Punkte nach 17 Vorrunden-Spieltagen waren. Also, Klopp hat schon härtere Zeiten erlebt als diese sieben Zähler sowie die Nähe zu den Abstiegsrängen mit der schwarz-gelben Borussia nach acht Spieltagen.

Der Unterschied mag in der Betrachtungsweise liegen, in der sehr unterschiedlich gelagerten Erwartungshaltung, in der unterschiedlichen Vorgeschichte am Standort. In Mainz wurde der damalige Abfall als Normalität empfunden. Zwei Jahre auf gutem Niveau reingeschnuppert ins große Geschäft, dem Klub wurden die ersten besseren Spieler weggekauft, der mit kleinem Geld organisierte Nachschub funktionierte nicht. Abstieg. Neuer Anlauf. Da war keine sportliche Katastrophe passiert. Und da wurde dann auch der Trainer nicht in Frage gestellt, nicht nur die Verantwortlichen blieben gelassen, auch die Anhänger.

Immobile und Ramos sind (noch) nicht Götze und Lewandowski

In Dortmund reden wir von einem traditionsreichen Spitzenklub, der nationale und internationale Trophäen im Museumsschrank stehen hat. Klopp holte zwei Meisterteller, einen DFB-Pokal und seine Mannschaft stand im Champions-League-Finale. Höchstes europäisches Niveau. Da wird eine zwischenzeitliche Leistungsdelle, die erste markante im sechsten Jahr von Klopps Schaffen am Borsigplatz, umgehend als Desaster eingestuft. In dieser regionalen, nationalen und internationalen Drucksituation ist es extrem schwierig, ein Bewusstsein zu schaffen für Phasen, in denen vielleicht auch mal - mit der nötigen Geduld und den üblichen zeitlichen Verzögerungen - neue Entwicklungen eingeleitet werden müssen.

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Auch in Dortmund hat Klopp mit Mario Götze und Robert Lewandowski zwei für das Team sehr wichtige Spieler nicht halten können. Offensivspieler, die Weltklasse verkörpern. Diese zu ersetzen, ist nicht nur eine Frage des Zasters. Die Borussia hat inzwischen viel Geld, aber für den Weltklassemarkt reicht es noch nicht, nicht bei der Ablöse, nicht beim Gehalt. Die Lewandowski-Vertreter Ciro Immbolie und Adrian Ramos sind gut (und auch schon recht teuer), aber sie repräsentieren (noch) keine internationale Spitzenklasse. Dazu gesellen sich dann noch dramatische Verletzungsserien, die ein oder andere Formkrise, dazu der Versuch, das Balljagd- und Umschaltmuster zu bereichern durch ruhigere Passfolgen im eigenen Ballbesitz - und schon kommt eine Entwicklung in Gang, die Seriensiege nicht mehr garantiert. Dass diese Phase dann auch emotional und mental Spuren hinterlässt, wenn eine Mannschaft es über Jahre gewohnt war, konstant unter den Topdrei der Liga zu logieren, ist einfach nur normal.

Im Dortmunder Umfeld aber nun eine Neuorientierungsphase auszurufen, Geduld und Entwicklungszeit einzufordern, das ist nahezu unmöglich. Der Anspruch lautet: Wir müssen der erste Bayern-Jäger sein und ein Aspirant für das CL-Halbfinale. Alles darunter ist eine Krise, eine Enttäuschung, ein Abschwung. Und diese Atmosphäre erschwert die Aufbau- und Renovierungsarbeiten dramatisch. Das ist längst (auch) eine Kopfsache geworden im Dortmunder Edelkader.

Entspannte Atmosphäre in Mainz

Von dieser wesentlich entspannteren Atmosphäre in Mainz profitiert gerade in hohem Maße Kasper Hjulmand. Da kam schon medialer Stress auf nach dem misslungenen Start mit dem frühen Ausscheiden in der Europaliga und im DFB-Pokal. Aber am Bruchweg ist man es gewohnt, nach strukturell tiefgreifenden Änderungen im Kader und im Trainerstab die nötige Entwicklungszeit zu positionieren und zu gestatten. Viele der gewohnten 05-Elemente waren nicht zu sehen zu Saisonbeginn. Hjulmand musste sachliche Kritik, Gegenwind ertragen, aber das war kein Tornado. Inzwischen zeigt es sich, dass der Däne und seine Crew spielerisch und taktisch ein Baukastensystem am Start haben, das Schritt für Schritt wettbewerbstaugliche Strukturen erkennen lässt. 14 Punkte, keine Niederlage, Rang vier - davon können die schwer angeschlagenen Dortmunder aktuell nur träumen.

Die Mainzer spielen noch überhaupt nicht sonderlich gut, schon gar nicht konstant gut binnen 90 Minuten, aber sie haben eine Basis, die Punkte möglich macht. Dieses Fundament ist die Defensive. Der Angriffsfreund Hjulmand konnte es sich erlauben, seine hohen Ansprüche etwas zurück zu schrauben und auf sehr pragmatische Art und Weise zunächst mal mit einem Punktepolster eine höherwertige spielerische Entwicklung überhaupt möglich zu machen. Wenn sich der Begriff "Abstiegskampf" früh in einer Saison einnistet, dann ist es extrem schwierig, den Glauben hochzuhalten an eine in der Zukunft liegende bessere Qualität. Sportlicher Überlebenskampf lässt nur in seltenen Ausnahmefällen positive/innovative spielerische und taktische Entwicklungen zu. Dafür braucht es in der Regel Ruhe und jede Menge an Überzeugung. Eigenschaften, die Kasper Hjulmand auch im Misserfolg immer ausgestrahlt hat. Die Fallhöhe war wesentlich geringer als jene, mit der Klopp in Dortmund zu kämpfen hat.

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"Wir brauchen Mut und Vertrauen"

Jetzt ist der Däne in der komfortablen Lage, gute Ergebnisse auch mit der gezeigten Leistung abgleichen zu können. Und die Spieler stört es überhaupt nicht, dass der Vordenker unzufrieden ist mit zwei Dritteln der Vorstellung nach einem 2:1-Heimsieg gegen den unangenehmen FC Augsburg. Während Jürgen Klopp alles, aber auch alles geben würde für das nächste - die geschundene Seele labende - Erfolgserlebnis, die Gesamtleistung wäre dem emotionalen Trainer in diesem Fall wahrscheinlich ziemlich egal.

Und so konnte Hjulmand am Dienstag beim Wochengespräch am Bruchweg seelenruhig darüber plaudern, dass der jüngste Sieg sicher nicht unverdient gewesen sei, "aber die zweite Halbzeit hätten wir besser spielen müssen". Er konnte anfügen, dass noch nicht alle Spieler in bestimmten Situationen im Taktikbuch auf derselben Seite lesen. Er konnte ausführen, dass es manchmal wichtig sei, gerade auch nach Siegen die fehlerhaften Inhalte objektiv zu analysieren. Er konnte kritisch anmerken, dass es nicht gehe, wenn eine Mannschaft nach einer schönen 2:0-Führung erst mal daran denke, entspannt durchzuatmen. "Wir brauchen Mut und Vertrauen, gerade nach einem 2:0 gibt es Möglichkeiten für schnelle Angriffe." Sätze, die Jürgen Klopp nach dem nächsten Dortmunder Sieg so nicht äußern wird. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.