Rehberg: Heynckes beim FC Bayern als Helfer in der Not bis...

Hat mit 72 Jahren Carlo Ancelotti als Trainer des FC Bayern München abgelöst: Jupp Heynckes. Foto: dpa

Für Ruhe im Kader sorgen und das vorhandene Potenzial bis Mai 2018 zur Entfaltung bringen: Das ist Jupp Heynckes' Aufgabe als Trainer des FC Bayern. Für den notwendigen...

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. Das, was man heute unter einem Konzepttrainer versteht, war Jupp Heynckes nicht in seiner langen Laufbahn als Fußballlehrer.

Das Spielfeld gedanklich unterteilen in viele gleichgroße Quadrate, den Spielern beibringen, welche Quadrate immer besetzt sein müssen, welches Quadrat mit wieviel Mann besetzt sein darf, wenn im Nachbarquadrat schon zwei Mitspieler stehen, welche von den gedachten fünf Längsbahnen besprintet werden müssen, wenn der Angriff über rechts startet, welche inhaltlich von Presssing- und Absicherungsprinzipien gestützte Kleinraumorganisation sich blitzartig bilden muss, wenn der ballführende Spieler des Gegners eine Passfolge einleitet…, so denken und praktizieren Pep Guardiola, Thomas Tuchel und einige weitere von Pep inspirierte junge Trainer diese Sportart. Vor- und nachbereitet wird all das am Laptop, auf der Basis von hyperintelligenten Analyseprogrammen.

Das ist nicht die Welt des 72 Jahre alten „Don Jupp“, und das ist auch nicht die Welt seiner Mitstreiter Peter Hermann (65) und Hermann Gerland (63). Wir können davon ausgehen, dass das auch die Bosse des FC Bayern München wissen. Uli Hoeneß und Karlheinz Rummenigge ahnen, dass es für ihre im Umbruch befindliche Eliteauswahl irgendwann unerlässlich sein wird, auch konzeptionell wieder eine Antwort zu finden auf die superreichen Klubs in Europa. In diesem Moment ist in der Nachfolge des lässigen Carlo Ancelotti etwas anderes gefragt: Ruhe im Kader, Harmonie, ein neues Gemeinschaftsgefühl, harte und konzentrierte Trainingsarbeit. Elemente, ohne die selbst beim FC Bayern Topleistungen nicht dauerhaft mobilisierbar sind. Das sagenumwobene Triple im Jahr 2013 basierte auf fußballerischer Klasse und Zusammenhalt. Dafür stand der schon damals nicht mehr junge Jupp Heynckes.

Zu verlieren hat der Fußballveteran nichts

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Dem menschlich verlässlichen Altmeister ist zuzutrauen, dass er die Gruppen und Einzelinteressen im Kader wieder zusammenführt. Ob die Ansage, diese Mannschaft brauche wieder eine ausgewogenere Balance zwischen Defensive und Offensive, ausreichen wird, noch mal einen Angriff auf den Henkeltopf zu starten, das steht in den Sternen. Deutscher Meister kann der FCB immer noch werden. Fünf Punkte Rückstand sind schnell aufgeholt, wenn die nicht übermächtigen Dortmunder mal ihre ersten Niederlagen zu verkraften haben. Aber in der Champions League sind die mit jüngeren, frischeren, teilweise auch mental stärkeren Weltklassespielern gespickten Fußballunternehmen wie Manchester City, Real Madrid oder Paris St. Germain um die detailversessenen Konzepttrainer Pep Guardiola, Zinedine Zidane und Unai Emery die werthaltigeren Favoriten. Damit wird sich Heynckes vor seiner vierten Amtszeit in München beschäftigt haben.

Zu verlieren hat der Fußballveteran nichts. Den notwendigen Neuaufbau einer Münchner Weltklassemannschaft nach dem bevorstehenden Karriereende von Arjen Robben und Franck Ribéry sowie einem möglichen Klubwechsel von Robert Lewandowski wird Heynckes nicht betreiben müssen. Ihm stellt sich die Aufgabe, die aktuelle Mannschaft zu befrieden und das vorhandene Potenzial noch mal bis Mitte Mai 2018 zur Entfaltung zu bringen. Gespeist aus Überzeugung, wachsendem Selbstvertrauen und Teamgeist. Das kann der 72-Jährige schaffen.

Die Bayern werden sicher bald wieder mannschaftlich besser verteidigen und eine angemessene Mischung aus Ballbesitzphasen und offensiven Umschaltsituationen auf den Platz bringen. Heynckes, Hermann und Gerland werden zuletzt wackligen Stars wie Jerome Boateng, Mats Hummels, Arturo Vidal, Javier Martinez oder Robben Vertrauen und Wärme vermitteln. Das unendlich erfahrene Trainergespann wird auch den jüngeren Spielern im Kader wie Joshua Kimmich, Corintin Tolisso, Kingsley Coman oder auch Thiago und David Alaba ein guter Lehrmeister sein.

Dennoch, die neuen Gesetze auf der europäischen Spitzenebene wird auch Heynckes nicht außer Kraft setzen können. In der Champions League sind die Bayern - auf der Zielgeraden dieser Mannschaft in dieser Besetzung - ab dem Viertelfinale ein in zwei Spielen gefährlicher Herausforderer. Mehr nicht. Und dann beginnt in der nächsten Saison eine neue Zeit. Wahrscheinlich auch mit einem neuen Cheftrainer. Und mit neuen Klassestürmern. Die sehr, sehr viel Geld kosten werden.