Rehberg: Handspiel im Fußball: Akzeptanz muss her

Der Hinweis für den Video-Assistent auf der Anzeigentafel in der Leverkusener BayArena. Foto: dpa

Nach dem zurückliegenden Bundesliga-Spieltag geht die emotionale Diskussion um die Handspiel-Regel im Fußball wieder weiter. Doch unser Kolumnist Reinhard Rehberg meint: Auch...

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. Handspiel. Die Aufregung ist groß. Die Chancen, zum Unwort des Jahres gewählt zu werden, stehen gut für diesen Begriff aus dem Regelwerk des Fußballs. Und daran maßgeblich beteiligt ist die für die Regelauslegung zuständige DFB-Jury. Die nennt sich „Schiedsrichter-Kommission Elite“.

Schiri-Chef Lutz Michael Fröhlich diskutiert in dieser Runde an jedem Wochenende mit einstigen Spitzenschiris über Entscheidungen der Kollegen vom abgelaufenen Bundesliga-Spieltag. Wie muss man sich das vorstellen? Videokonferenz. Umstrittene Szenen werden vorgestellt. Und dann wird debattiert. Nee, du meine Güte, puuuh, spul noch mal zurück, noch mal vor, zoom mal näher ran, noch näher, wieder zurück, geh noch mal ganz zurück zum Anfang, jetzt noch mal in den Strafraum, puuuh, komm, noch mal die Zeitlupe, leck mich am Schlappen ist das eng, komm, noch mal die Superzeitlupe, boah, nee, da kann ich mich nicht entscheiden, da ist ja nix richtig und nix falsch...

Und dann kommt am Sonntagabend über die Agenturen die „Elite“-Stellungnahme für die Öffentlichkeit: Eindeutig, das hätte Elfmeter geben müssen! Oder: Eindeutig richtige Entscheidung des Schiedsrichters auf dem Platz! Oder: Eindeutig, da hätte der Video-Assistent nicht eingreifen dürfen, wahlweise eingreifen müssen!

Am vergangenen Wochenende waren es wieder mehrere Handspielszenen, die knapp waren, die umstritten waren. Dem Schiri auf dem Platz bleiben ein paar Sekunden für seine Entscheidung, den Wachposten im Kölner Keller bleiben ein paar Sekunden mehr. Beim strafbaren/nicht strafbaren Handspiel geht es eher selten um klare Fehlentscheidungen, sondern fast durchgehend um strittige Regelinterpretationen.

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50:50-Situationen

Hilft es tatsächlich weiter, wenn diese 50:50-Handsituationen sonntags noch mal von einer Elite-Kommission überprüft und mit allen Mitteln der Argumentationskunst in eine vermeintlich eindeutige Bewertung gepresst werden? Das hilft überhaupt nicht weiter. Im Gegenteil. Das steigert die Verunsicherung bei den Kollegen, bei den Spielern, bei den Trainern, bei den TV-Reportern, bei den Schreibern, bei den Fußballanhängern. Auch in Deutschland muss es möglich sein zu akzeptieren, dass es Handspielszenen gibt, die zweifelsfrei nicht eindeutig sind. Und das wird auch nicht eindeutiger dadurch, dass eine Schiri-Elite noch mal vor- und zurückspult, zoomt und Rhetorik-Akrobatik betreibt.

Strammer Arm raus – aber kam der Vollspannschuss nicht aus zu kurzer Entfernung, als dass der Abwehrspieler in der dem Menschen möglichen Reaktionszeit die Hand noch hätte wegziehen können? Stützarm am Boden nicht mehr strafbar - aber war der Arm nicht doch zu weit weg vom Körper? Arm in einer Körperverbreiterungsposition – aber wurde der Ball aus nächster Nähe nicht doch vom einem Gegenspieler oder Mitspieler oder vom eigenen Körper des Abwehrspielers so abgelenkt, dass eine absichtliche, strafbare Handaktion nicht unterstellt werden darf?

Irgendeiner hat nach bestem Wissen eine Entscheidung gefällt im jeweiligen Stadion. Mal der Schiedsrichter, mal der VAR. Und damit sollte es gut sein. Mögen die (vermeintlich) bevorteilten oder (vermeintlich) benachteiligten Fans darüber streiten bei Bier und Schnaps. Die Elite-Kommission sollte eine 50:50-Situation das sein lassen, was es im Fußball nun mal gibt: 50:50-Situationen.

Auf der Fachebene ständig neue und unterschiedliche Bewertungs-Schwerpunkte zu konstruieren, das macht keinen Sinn. Die Handspiel-Regel ist präzisiert und zumindest klarer geworden. Auch die Ergänzungspunkte ermöglichen nicht in allen Fällen eine zu 100 Prozent eindeutige Bewertung. Damit kann der Fußball leben.