Rehberg: Handspiel-Diskussion verunsichert Schiris und Spieler

Shinji Okazaki und Tony Jantschke beim Zweikampf. Foto: dpa

Was ist ein Handspiel? An dieser Frage diskutiert sich Fußballdeutschland derzeit die Köpfe heiß. Kann Ex-Profi Thomas Strunz die Antwort geben? Oder ist es im Prinzip egal,...

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. Die Diskussion geht munter weiter. Was ist ein Handspiel? Am vergangenen Sonntag hat sich Lucien Favre aufgeregt. Der Elfer, der dem FSV Mainz 05 das 1:1 brachte in Mönchengladbach, war für den Borussia-Trainer ein Anschlag auf den Fairplay-Gedanken im Fußball. Man mochte sich spontan der aufgewühlten Gefühlswelt des Schweizers anschließen. Dann flimmerten die diversen bewegten Bilderfolgen in unterschiedlichen Tempi und aus unterschiedlichsten Kameraperspektiven über den Bildschirm, und allmählich schlich sich das Empfinden ein: Na ja, so ganz unschuldig war der Gladbacher Rechtsverteidiger Julian Korb nicht, als er die Flanke von Junior Diaz mit seinem ausgestreckten Greifwerkzeug über die Torauslinie beförderte.

Am Montagabend entschied in der Nachbetrachtungssendung bei Sport1 der von Jürgen Klopp als "bester deutscher Fußballanalytiker" geadelte Ex-Profi Thomas Strunz nach der Betrachtung mehrer Zeitlupen: "Klarer Elfmeter, den kann man geben, den muss man geben." Strunz erklärte, dass er bei einer entsprechenden Schulung gelernt habe, dass die Schiedsrichter darauf zu achten hätten, ob der Arm beim Kontakt mit der Kugel Spannung hat, was auf Absicht hindeute, oder ob der Arm schlapp zurück pendelt, was man früher unter "angeschossen" und damit als nicht strafwürdig eingestuft hat. Interessant. Davon hatte bislang keiner der Regelhüter etwas erzählt. Damit das auch Brothirne wie wir verstehen, warf Moderator Thomas Helmer im Studio dem Koanalytiker Stefan Schnoor jeweils einen Ball an einen angespannten und an einen schlapp herunterhängenden Arm. Nichts geht über Demonstration in der Praxis.

Nur noch mit Rhetorikkurs

Was haben wir kapiert? Nicht nur Bewegungswissenschaftler, Psychomotoriker und Verhaltensforscher sind gefragt bei dieser Regelinterpretation. Noch wichtiger ist es, dass die Schiedsrichter und Analytiker einen Rhetorikkurs (mit Prädikatsexamen) abgeschlossen haben. Denn: Wer in der Lage ist, zu argumentieren wie ein Rhetorikweltmeister, der erklärt aktuell nahezu jede Entscheidung zur Handregel inhaltlich sauber und überzeugend. Was im Umkehrschluss auch für den Experten gilt, der das Gegenteil behauptet. Das nervt.

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Die Hilfskonstruktion "Vergrößerung der Körperfläche" hat demnach auch nicht zum Ziel geführt. Denn auch Spieler, die wie ein Soldat die Hände an der Hosennaht haben, vergrößern ihre Körperfläche um beidseitig fünf bis zehn Zentimeter. Nun beobachten wir die ersten Profis, die pflichtschuldig ihre Hände auf dem Rücken kreuzen, als habe ihnen ein Polizist die "Acht", also die Handschellen angelegt. Was zum Beispiel bei der Partie Eintracht Frankfurt gegen den 1.FC Köln dazu führte, dass Eintracht-Mittelstürmer Haris Seferovic vor dem Treffer zum 1:1 gegen einen in dieser form passiven Abwehrspieler mit dem Außenrist seines inneren Fußes eine wunderbare Flanke schlagen durfte. Diese Abwehraktion hatte mit Fußball nichts mehr zu tun. Und um es ganz deutlich zu sagen: Eine unnatürlichere Armbewegung, als die Hände im Bereich der Lendenwirbel zu verstecken, gibt es im Sport nicht. Wir stellen uns vor, dieser Abwehrspieler vollführt bei der Abwehraktion eine volle Drehung und seine am Rücken angelegten Hände werden angeschossen: Elfmeter ja oder nein?

Schiris verunsichert

Es heißt ja auch, Spieler dürften ihr Gesicht oder ihre Weichteile bei einer Abwehraktion nicht mit den Händen schützen. Beim Derby in Frankfurt klärte 05-Innenverteidiger Stefan Bell einen Schuss auf der Torlinie mit im Bereich der Magengegend gekreuzten Armen. Alle Experten waren sich einig: kein Elfmeter - richtig entschieden. Tja, so genau weiß das niemand.

Gegenvorschläge? Angelegter Arm oder ausgestreckter Arm, diese Beobachtungsstütze hat eigentlich viele Jahre lang ganz ordentlich funktioniert. In der derzeit tobenden Diskussion war der Handelfmeter gegen den Gladbacher Julian Korb zumindest mal keine Fehlentscheidung. Was die Angelegenheit schwierig macht, ist die Tatsache, dass die Schiris inzwischen derart verunsichert sind, dass in der Regelauslegung keine Einheitlichkeit mehr festzumachen ist.

Das ähnelt sehr dem Wildwuchs bei den Ellbogenschwingern in den Luftkämpfen. Was in diesen Szenen den Ausschlag gibt für eine Bestrafung, das ist ebenfalls längst eine Frage der Argumentationskunst. In diesem Fall aber haben die betroffenen und auch die getroffenen Profis zumindest eine Teilschuld. Es gibt dazu keine wissenschaftliche Studie, aber man hat den Eindruck, dass sich in 50 Prozent aller Luftduelle der unterlegene Spieler nach der Aktion am Boden wälzt, schreit wie am Spieß, mit der Hand seine Rübe betastet und prüft, ob irgendwo schon das Blut in Strömen fließt oder Gehirnmasse austritt. Wenn Trainer von Automatismen reden - das ist eine. Auch das nervt.

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Benehmt euch nicht wie Weicheier und Warmduscher

Der Versuch, den Schiri derart lärmend und gestenreich zu beeinflussen, und das am Fließband, macht den Regelhütern die Arbeit nicht einfacher. Da zeigt dann die Zeitlupe, dass der Spieler einen Armwischer an die Nase bekommen hat, er reibt sich aber wie wild den Hinterkopf. Man möchte vielen schauspielerisch begabten Kickern sagen: Benehmt euch nicht wie Weicheier und Warmduscher, nicht jeder Armtouch tut fürchterlich weh, und der Hirnknochen zerbirst auch nicht so schnell… Und auf der anderen Seite ist es auch nicht zwingend notwendig, bei jedem Kopfballduell beim Gegenspieler mit dem Ellbogen die Festigkeit der Zahnreihe oder des Wangenknochens zu überprüfen…

Das ist auch eine Aufgabe der Trainer. Wer maximale Aggressivität predigt, der sollte seinen Spielern auch vermitteln: Wenn die Schmerzen nach einem harten Zweikampf nicht auf einen längeren Krankenhausaufenthalt hindeuten, dann steht auf, schüttelt euch und spielt weiter. Wenn ein eigener Konterzug abgebrochen wird, weil sich ein Mitspieler irgendwo noch leidend auf dem Rasen lümmelt - als müsste umgehend ein mit sämtlichen Fachrichtungen besetztes und mit einem Wiederbelebungsgerät ausgerüstetes Ärzteteam aufs Feld eilen und Erste Hilfe leisten -, dann schadet das zuweilen der eigenen Mannschaft.

Bei der WM 2014 in Brasilien war es durchaus wohltuend, dass einige Schiedsrichter am Boden liegende Spieler mehrfach ignoriert haben. Das sah zwar merkwürdig aus, gravierende Verletzungen sind dabei aber nicht übersehen worden. Und was passierte danach? Das deutsche Schiedsrichterwesen kritisierte die internationalen Kollegen für diese Handlungsweise heftig.

Der Fußballmissionar hat gesprochen. Ende der Moralpredigt.