Rehberg: Haarscharf an der Klatsche vorbei

Loris Karius Foto: dpa

Die erste Liganiederlage. Am neunten Spieltag. Das ist verkraftbar für die 05er. Aber, und das war gar nicht gut: Die Mannschaft von Trainer Kasper Hjulmand ist in Wolfsburg...

Anzeige

. Die erste Liganiederlage. Am neunten Spieltag. Das ist verkraftbar für die 05er. Aber, und das war gar nicht gut: Die Mannschaft von Trainer Kasper Hjulmand ist in Wolfsburg nur haarscharf an einer ganz heftigen Klatsche vorbeigeschrammt. Torhüter Loris Karius, der fahrig begonnen hatte, steigerte sich und bewahrte die Kollegen mit Topparaden vor einem Ergebnis, wie es etwa der AS Rom in der Champions League gegen die Bayern kassiert hat. Da stimmte diesmal gar nichts bei den Mainzern. Dieses 0:3 hatte eine Logik, die man als Hinweis werten darf: Die 05er wissen nun, mit welcher Art von Fußball sie überhaupt keine Chance haben in der Bundesliga.

Das Fehlermuster war klar erkennbar: Eigner Ballbesitz ohne Eigenschaften, das heißt, brotlose Kombinationsversuche ohne Präzision, ohne das nötige Freilaufverhalten, ohne Druck auf der Kugel, ohne Zielstrebigkeit, ohne Tiefe, ohne Abschlüsse, insgesamt ohne Überzeugung, ohne Gift. Der Gegner war unter der Woche auf Europapokalreise. Hier wirkte das, als hätten die 05er eine beschwerliche Russlandtour hinter sich gebracht, und zwar nicht komfortabel mit dem Flieger, sondern mit dem Fahrrad. Die Aktionen waren geprägt von Trägheit, am Ende von physischer und psychischer Müdigkeit, ein wenig sogar von taktischer Orientierungslosigkeit. Sagen wir es so: Das kann passieren, aber der krasse Abfall mit feinen 14 Punkten im Kreuz war schon bemerkenswert. Den Ausfall von Jonas Hofmann und Julian Baumgartlinger sollte man erst gar nicht diskutieren, das ist ein Faktor, aber nicht für diesen kompletten Stromausfall.

Wolfsburger mussten sich nicht übermäßig anstrengen

Die Wolfsburger mussten sich spielerisch und taktisch gar nicht übermäßig anstrengen. Die Gastgeber nutzten einfach nur den unergiebigen, schlampigen Ballbesitzvortrag des Gegners aus. Die vielen unerzwungenen Ballverluste der 05er waren Umschaltnahrung für den VfL, insbesondere der flotte Tempodribbler und Passgenius Kevin de Bruyne badete mit Lust in den Gastgeschenken. Acht Großchancen, darunter ein Pfosten- und ein Lattentreffer, spielten sich die Wolfsburger heraus, nahezu durchgehend mittels Konterzügen nach Mainzer Fehlabspielen oder Stolperaktionen. Das Gegenpressing der 05er funktionierte überhaupt nicht. Das Zentrum war meist gut abgedichtet, aber an den Seiten waren die Räume sperrangelweit offen. Dass zwei der drei Treffer aus Eckbällen resultierten, das erleichterte dem Team von Dieter Hecking zusätzlich die Aufgabe. Die Verteidigung von Standards war ein weiteres großes Manko bei dieser schwachen, uninspirierten 05-Vorstellung.

Anzeige

Hjulmand versuchte es nach einer Stunde mit einem Trainerimpuls: Drei Wechsel in einem Zug und eine taktische Strukturveränderung. Aus dem 3-4-3 (offensiv)/5-4-1 (defensiv) wurde ein 4-3-3, in dem nur noch Johannes Geis als Sechser absicherte hinter den eingewechselten offensiven Mittelfeldspielern Ja-Cheol Koo und Yunus Malli. Vier, fünf Minuten deutete sich ein Comebackversuch an, dann mündete die neue Ordnung in ein Chaos. Spätestens diese wirre Schlussphase hätte zu einem nachhallenden Abschuss führen können. 0:3, damit sind die 05er an diesem Tag noch pfleglich davongekommen.

Defensivleistung der Hjulmand-Elf

Die Defensivleistung der Hjulmand-Elf muss man nicht gesondert behandeln. Wer nahezu im 30-Sekunden-Takt in der Vorwärtsbewegung die Kugel abgibt, der kann nicht im nächsten Moment in einer kompakten Blockstellung verteidigen. Schon gar nicht im Duell mit einem Gegner, der für diese Umschaltaktionen mehrere Spezialisten auf dem Platz hat. Kritisch anmerken muss man, dass viele 05-Profis keine gute Tagesform hatten. Das begann bei Daniel Brosinski, der riesige Probleme in seinem Verhalten im Raum hatte. Das setzte sich fort bei Johannes Geis und Elkin Soto, die im Mittelfeld nicht die nötige Handlungs- und Entscheidungsgeschwindigkeit am Start hatten. Und in den offensiven Räumen behaupteten Filip Djuricic, Sami Allagui und Shinji Okazaki viele zu wenige Bälle, und wenn doch mal, dann ging der offensive Zweikampf verloren. Das Abwehrzentrum stand noch ganz ordentlich, wenn man von der Verteidigung von Ecken mal absieht. Naldo ist sicher ein exzellenter Kopfballspieler, der mit Anlauf fast an jeden Standardball herankommen kann, aber die 05er versäumten es, dem langen Innenverteidiger zumindest physische Nähe zu widmen. Für diesen Naldo hätte es an diesem Tag vielleicht des langen Philipp Wollscheidt bedurft. Aber da ist man hinterher immer klüger…

Auffallend ist, dass Hjulmands Abwehrstrategie, die auf Pressing gegen den gegnerischen Positionsaufbau verzichtet, nur dann Wirkung erzielt, wenn die Mannschaft in den relevanten Zonen Überzahl herstellt. Funktioniert das nicht, insbesondere bei schnellen und präzisen gegnerischen Umschaltzügen, dann gehen in der eigenen Hälfte die Räume auf. In diesen Situationen müssen die Mittelfeldspieler auch mann-orientiert denken, dann geht es darum, im direkten und aggressiven Zugriff Pässe in die Tiefe zu verhindern. In Wolfsburg rannten die 05er zu oft nur hinterher. Dass insbesondere Kevin de Bruyne ohne aktive Behinderung schon bei seiner Ballannahme eine tödliche Wirkung entfaltet, das war vorher bekannt.

Unproduktiver, fehlerhafter eigener Ballbesitz

Anzeige

Unterm Strich bleibt es aber dabei: Der unproduktive, fehlerhafte eigene Ballbesitz hat die Probleme erzeugt. Die Wolfsburger zogen sich schon nach ihrem 1:0 mit dem gesamten Verbund zurück in eine Wartestellung, lauernd auf unpräzise Anspiele und auf Konterattacken. Das hat diesmal gereicht für einen ungefährdeten Heimsieg. Die 05er, die in 16 Duellen mit dem VfL schon stattliche 28 Tore erzielt haben in all den Erstligajahren, schossen diesmal nur zwei Mal auf den gegnerischen Kasten, ein Mal pro Halbzeit. Wenig, sehr wenig sogar. Da hätte sogar die in dieser Saison bislang gezeigte Effektivität im Abschluss nicht geholfen. Aber das kann im nächsten Heimspiel gegen Werder Bremen ja schon wieder ganz anders aussehen. Auch wenn der Tabellenletzte mit dem neuen Trainer Viktor Skripnik aufkreuzt: Die Elf von der Weser steckt tief im Schlamassel. Die Wolfsburger dagegen strotzten vor Selbstvertrauen.