Rehberg: Gnade für Löw

Jogi Löw. Foto: dpa

Jogi Löw ist kein Meister des Live-Coachings – da haben es Klubtrainer leichter, die jede Woche 90 Minuten auf ihre Elf einwirken können. Doch auch wenn es beim 2:2 gegen...

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. Das Länderspieljahr hat ein Ende gefunden. 2018 war ein schwarzes Jahr für den DFB. WM-Aus in der Vorrunde. Abstieg in der Nations League – und damit einhergehend eine womöglich schwere Gruppe in der EM-Qualifikation. Faktisch ein Desaster. Dazu ist alles gesagt. Auch vom Bundestrainer. Joachim Löw hat darauf reagiert. Der Chefplaner ist dabei, eine neue, auch jüngere Mannschaft aufzubauen.

Was verwundert hat nach dem finalen 2:2 gegen Holland, das war die Skepsis, die in vielen Kommentaren von Journalisten und Experten zum Ausdruck kam. Da wurden die letzten fünf Spielminuten, in denen die deutsche Nationalmannschaft den schönen 2:0-Vorsprung nicht über die Runden bekam, als Spiegelbild angesehen für Löws Leistungen im „Katastrophenjahr“ 2018. Der Trainer habe falsch ausgewechselt, wurde moniert. Das sei eine von Löws grundsätzlichen Schwächen. Und deshalb arbeite er auch im kommenden Jahr noch auf Bewährung.

Mit der Brechstange funktioniert es nur selten

Was ist passiert? Zu Zeitpunkten, als wenig bis nichts auf eine Wende hindeutete in diesem Spiel, nahm der Bundestrainer seine überzeugende neue Sturmreihe mit Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané vom Feld. Es kamen: Marco Reus, Thomas Müller und Leon Goretzka. Chancen zum 3:0 ergaben sich. Die blieben ungenutzt. Und dann spielten die bis dahin unterlegenen Holländer, die mit einem Remis Gruppensieger werden konnten, in der Schlussphase auf „Alles oder Nichts“. Mit dem Innenverteidiger Virgil van Dijk im Sturmzentrum. Und genau der traf in der Nachspielzeit zum 2:2.

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Diese Brechstangenmethode funktioniert eher selten. An diesem Abend hat der Bondscoach Ronald Koeman damit Erfolg gehabt. Ein Fehler von Löw? Nicht erkennbar. Die Erkenntnis stammt von der Trainerlegende Ernst Happel, der in seiner großen Karriere immer wieder gepredigt hat: Wenn du einen Vorsprung verteidigen willst, dann bringe frische Stürmer aufs Feld. Nach dem Motto: Es ist oft besser, den Gegner weiter offensiv zu bedrohen, als sich komplett in die eigene Spielhälfte zurückdrängen zu lassen nach der Einwechslung von zwei, drei Defensivspielern. Auch diese Methode funktioniert nicht immer.

An der Holland-Partie lassen sich keine Löw-Defizite festmachen

Natürlich kann es auch vernünftig sein, einem in den Angriff gerückten wuchtigen, kopfballstarken Innenverteidigerhünen durch die Einwechslung eines zusätzlichen Manndeckers die Wirkung zu nehmen. Dann hätte Löw zum Beispiel Jonathan Tah auf den Rasen jagen können. Aber in der 80. Minute war das deutsche Wechselkontingent bereits ausgeschöpft. Personell konnte Löw in den letzten Minuten nicht mehr reagieren.

Die Erfahrung lehrt, dass Löw nicht unbedingt ein Meister des Live-Coachings ist. Auf diesem Gebiet sind ihm die besten Klubtrainer, die binnen 90 Minuten gerne mit drei, vier, fünf strukturellen Änderungen Einfluss nehmen auf den Spielverlauf, überlegen. Warum? Weil sie natürlich viel mehr Übung darin haben als ein Nationaltrainer mit seinen wenigen echten Wettkampfspielen pro Jahr. Und wenn einem Klubtrainer eine Maßnahme misslingt, dann kann er das ein paar Tage später im nächsten wichtigen Spiel schon wieder besser machen. Eine mögliche Fehleinschätzung oder mangelndes Glück hallen nicht so lange nach im Klubfußball (wenn es sich nicht gerade um ein Finale handelt...). Am Beispiel der Holland-Partie lassen sich taktische Defizite des Bundestrainers nicht festmachen.

Fünf Minuten der Konfusion

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Gestehen wir Joachim Löw, der bei großen Turnieren über zwölf Jahre Halbfinals und Finals erreicht und 2014 den Weltmeistertitel gewonnen hat, ein extrem schwaches Jahr zu. Unter Bewährung steht ein Trainer immer und überall. Den Aufbau einer neuen Nationalmannschaft hat er eingeleitet. Fünf Minuten der Konfusion im insgesamt überzeugenden Jahresabschlussspiel sollten diesen Prozess nicht negativ belasten. Und wir werden beobachten, welche Bundesligaelf und warum an diesem Wochenende einen 2:0-Vorsprung nicht ins Ziel retten kann...