Rehberg: Gladbach geht es genauso wie Mainz 05

Marvin Schulz von Mönchengladbach im Zweikampf mit Dortmunds Marco Reus. Foto: dpa

Borussia Mönchengladbach geht es ähnlich wie den 05ern, die mit Johannes Geis und Shinji Okazaki Schlüsselspieler verloren haben. Trainer Lucien Favre muss Weltmeister...

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. Vier Gegentore binnen 90 Minuten, so kennt man Borussia Mönchengladbach nicht. Trainer Lucien Favre ist ein Disziplinfanatiker, wenn es um defensivtaktisches Verhalten geht. Wenn am Sonntag die 05er in Gladbach auflaufen, dann darf man gewiss sein: Der Schweizer Trainer wird seine Mannschaft in der Arbeit gegen den Ball neu eingenordet haben. Ein wenig hatten die Gladbacher sogar noch Glück beim 0:4 als vermöbelter Gast von Borussia Dortmund. Der Gegner hatte Chancen für ein 5:0 und 6:0. Und in der öffentlichen Darstellung ist nachher die Dortmunder „Meisterleistung“ unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel ausgiebiger bewertet und besprochen worden als die rabenschwarze Leistung der Favre-Elf.

In der Vorsaison stellten die Gladbacher mit nur 26 Gegentreffern die zweitbeste Defensive der Liga hinter dem Meister FC Bayern (18 Gegentore) und mit Abstand vor Bayer Leverkusen (37) und Vize VfL Wolfsburg (38). Vier Gegentore in einem Spiel, das hat die Borussia letztmals im April 2014 erlebt, am 31. Spieltag der vorvergangenen Saison, bei einem 2:4 in Freiburg. Verdammt lang her. Das Desaster in Dortmund wird den Defensivstrategen Favre fürchterlich geärgert haben.

BVB-Lobpreisungen verdrängen Gladbachs Schwächen

Aber, wie gesagt, die Lobpreisungen für die Tuchel-Elf verdrängten die strukturellen Schwächen in der Gladbacher Abwehrarbeit. Der Tenor lautete: Diese Dortmunder waren einfach zu stark – und diese Tuchel-Dortmunder werden die Bayern herausfordern. So schnell geht das.

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Mit Blick auf den Mainzer Ex-Trainer lässt sich nüchtern feststellen: Wenn Thomas Tuchel über fünf Jahre mit den mittelprächtig besetzten 05ern relativ viele Spiele gewonnen hat, dann wird der Taktikmeister mit einer Auswahl von international bewährten Klassekickern und Weltmeistern sehr viele Spiele gewinnen. Was da jetzt allerdings in den Fußballlehrer, der als Intellektueller ein Anhänger der „kreativen Unruhe“ ist, an angeblich modernen Ideen und Methoden hineininterpretiert wird, das ist eher lustig.

Warum sind Tuchels Methoden plötzlich neu?

An einer Mischung aus Ballbesitz- und Umschaltfußball hat der 41-Jährige auch in Mainz schon gewerkelt, der Einsatz von GPS im Trainingsbetrieb zur Ermittlung von aussagekräftigen physischen Daten gehörte schon in Mainz zum Alltag (auch heute noch), Ernährungsfragen haben den detailversessenen Tüftler schon immer umgetrieben - und dass Tuchel junge Spieler fördern und in die nächste Leistungsklasse hieven kann, das hat der im Umgang zuweilen ausgesprochen ruppige Motivator auch am Bruchweg schon bewiesen.

Jetzt soll das alles plötzlich neu, überraschend und modern sein. Das mag den Dortmunder Journalisten so vorkommen. Aber der Klub war zweimal Deutscher Meister in der Ära zuvor, ein Triumph im DFB-Pokal und ein Champions-League-Finale kamen noch dazu. Bis zu diesen Erfolgen ist es noch ein weiter Weg für die „moderne“ Dortmunder Borussia.

Gladbachs Innenverteidiger heillos überfordert

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Lucien Favres mutige Startelfnominierung und die schwache Tagesform seines Teams haben den zweifellos furiosen Dortmundern auf jeden Fall in die Karten gespielt. Insbesondere die – vom defensiven Mittelfeld sicher nicht ausreichend geschützte - Innenverteidigung mit Marvin Schulz und Andreas Christensen war heillos überfordert im Signal-Iduna-Park.

Schulz stammt aus der eigenen U19, danach hatte der 20-Jährige als Mittelfeldspieler 16 Einsätze im Regionalligateam von Gladbach II (sein Trainer hieß Sven Demandt). Dünne Erfahrungswerte. Christensen ist ausgeliehen vom FC Chelsea, dort hat der 19-Jährige exakt 13 Minuten in einer Premier-League-Partie auf dem Feld gestanden, das war eine Einwechslung am vorletzten Spieltag der Vorsaison gegen den FC Sunderland. Da war der Elf von José Mourinho der Titel schon nicht mehr zu nehmen. Ansonsten: Christensen war Stammspieler bei Chelsea II und zweimal Meister in der U21-Premier-League. Bundesligafußball im riesigen und lauten Dortmunder Stadion gegen ein Tuchel-Team ist eine andere Herausforderung.

Laufen die Grünschnäbel auch gegen Mainz 05 auf?

Mit diesen Grünschnäbeln in der Abwehrmitte wird Favre wohl nicht mehr antreten in der Bundesliga. Oder doch? Der Schweizer gilt als stur. Der Übungsleiter setzte in Dortmund auch wieder den am Saisonende überragenden Patrick Herrmann auf die Bank, die Begründung: Der Außenstürmer sei ein Spätstarter. In der Vorbereitung hatte Favre verkündet, die Journalisten sollten sich mal gut die Namen Marvin Schulz und Andreas Christensen merken. Jetzt stellt er die Talente direkt in die Startelf. Das ist dramatisch schief gegangen. Was macht der Trainer nun gegen die 05er?

Womöglich wird zumindest Kapitän Tony Jantschke (25), im Vorjahr ein Top-Innenverteidiger, in Dortmund als rechter Verteidiger eingesetzt, wieder als Stabilisator ins Deckungszentrum zurückkehren. Die Routiniers Martin Stranzl (35) und Roel Browers (33), die noch Trainingsrückstand haben nach Verletzungen, werden bald wieder fit sein und eine Rolle spielen; der spanische Defensivspieler Alvaro Dominguez (26) fällt noch länger aus. Der neu verpflichtete Nico Schulz (kommt von Hertha BSC) ist ein Linksverteidiger.

Schlüsselspieler verloren

Den Gladbachern geht es ähnlich wie den 05ern, die mit dem Mittelfeldsechser Johannes Geis und Mittelstürmer Shinji Okazaki auf zwei sehr wichtigen Positionen Schlüsselspieler verloren haben. Favre muss im defensiven Mittelfeld den zu Bayer Leverkusen zurückgekehrten Weltmeister Christoph Kramer ersetzen sowie auf der Mittelstürmerposition den für zwölf Millionen Euro Ablöse zum VfL Wolfsburg gewechselten Max Kruse.

Wir stellen fest, dass diese strategische Aufgabe den Gladbachern - mit mehr Geld und auf einem anderen Anforderungsniveau als Champions-League-Teilnehmer - nicht leichter fällt als den 05ern eine Stufe tiefer: Die Zugänge für diese freien Stellen, Lars Stindl (27) und Josip Drmic (23), haben ganz andere Profile als Kramer und Kruse. Das hat Auswirkungen auf das Defensivverhalten, das hat Auswirkungen auf die Abläufe in der Offensive. „Das ist nicht mehr die Mannschaft aus dem Vorjahr“, sagt Favre. „Vielleicht stehen wir vor einer schwierigen Saison.“ Wie die 05er am Sonntag darauf reagieren können, das behandeln wir im morgigen Blog.