Rehberg: Gegen Südkorea auf Arbeit besinnen

Die Stürmer Mario Gomez (li) und Timo Werner klatschen sich ab. Foto: dpa

Ein einziges Tor kann im letzten deutschen WM-Gruppenspiel gegen Südkorea entscheidend sein. Um sicher zu gehen sollte die DFB-Elf also einen Sieg mit zwei Toren Unterschied...

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. Unser letzter Urlaubstag im italienischen Imperia an der ligurischen Küste war aufregend. Nach dem Zittersieg gegen Schweden tat sich vor Ort unvermittelt ein neuer Wettkampf auf. Daniele, der Chef der kleinen Bar in der letzten Spitzkehre vor unserem Feriendomizil, hat den Deutschen den Erfolg gegönnt. „Die Besten gehören in die K.o.-Runde“, betonte der Spezialist für schmackhaften Latte macchiato. „Die Deutschen haben gezeigt, dass sie auch unter Druck kämpfen und gewinnen können.“ Gut. Und jetzt sei er mal gespannt darauf, wie die Wahl ausgeht. Welche Wahl? Daniele: „Imperia wählt doch an diesem Sonntag einen neuen Bürgermeister.“

Und jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ein paar Nachfragen, und die Story bekam ein klares Bild. Unser Nachbar zum Hang hin nennt ein parkähnliches Anwesen sein Eigen. Darauf steht ein prächtiges Gebäude, das auch die Medici in Florenz nicht abgelehnt hätten. Der Bewohner: Der Alt-Bürgermeister - der am Sonntag seinen letzten Amtstag hatte vor dem Eintritt in die Pension. Zwei Häuser weiter lebt unsere Vermieterin Cristina. Und deren Ehemann, bislang der Büroleiter des Alt-OBs, hat sich als Nachfolger zur Wahl gestellt. Am späten Abend kam das Ergebnis: Christinas Mann hat die Wahl verloren. Knapp 500 Stimmen haben gefehlt gegen den prominenteren Mitbewerber, der schon mal Minister war, der aber auch schon einige polizeiliche Ermittlungen nebst Haftstrafe auf dem Kerbholz hat. „Mein Mann ist sehr enttäuscht, jetzt muss er noch mal fünf Jahre warten bis zur nächsten Chance“, sagt Cristina beim Abschied. „Hoffentlich habt ihr mehr Glück gegen Südkorea. Good luck!“

Druck machen, Tempo aufziehen

In der Tat kann der Gruppen-Ausgang ja noch sehr eng werden. Da kann ein einziges Tor entscheiden. Früh ausscheiden und „nur“ vier Jahre warten müssen auf die nächste Chance, das wäre überhaupt nicht gut. Die DFB-Elf sollte einen Sieg mit zwei Toren Unterschied anpeilen. Unrealistisch ist das nicht. Die Südkoreaner können durchaus sperrig verteidigen, das hat das bisherige Turnier gezeigt. Aber überragende Einzelspieler sind dünn gesät in der Mannschaft von Trainer Tae-Yong Shin. Und physisch sind die Koreaner generell unterlegen.

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Worauf wird es für die Deutschen ankommen? Druck machen, Tempo aufziehen und das Tempo hochhalten, aggressiv Bälle erobern. Und die Konteranfälligkeit weiter begrenzen. Dass die Schweden mit ihren langen und eher unbeweglich Stoßstürmern Toivonen und Berg Chancen hatten für ein 2:0 oder gar 3:0 in der Phase zwischen der 20. Und 45. Minute, dass die Schweden auch noch Möglichkeiten hatten, in der Schlussphase das 2:1 zu machen, das entsprach nicht dem Anspruch an eine solide deutsche Defensivleistung.

Die Koreaner sind prinzipiell flinker im Konterspiel als die Schweden. Jogi Löw wird eine Lösung finden müssen für mehr Stabilität und Prinzipientreue in der Defensivarbeit in den zentralen Räumen. Mindestens ein disziplinierter Sechser muss das Abwehrzentrum schützen. Und der letzte Mann vor der Deckungsreihe sollte nicht der im Zweikampf eher zurückhaltende Toni Kroos sein.

Khedira für die Stärkung der Defensive

In ihrer aktuellen Turnierverfassung sollte man nicht davon ausgehen, dass die DFB-Elf alles nur über einen dominanten Ballbesitz regeln kann. Das funktioniert nur mit dem absoluten Selbstvertrauen und mit einer ersten überzeugenden Vorstellung im Rücken. Gegen Südkorea sollten sich die deutschen Spieler auf Arbeit besinnen. Ein betont physischer Ansatz tut den Asiaten weh. Wen auch immer Löw seinem Organisator Kroos zur Seite stellt, der Mann muss schuften, weite Wege gehen, Bälle einsammeln, Gegenzüge blocken, Umschaltungen einleiten. Nur Passspiel, das ist zu wenig. Und da nun auch noch der bedingungslose Zweikämpfer und Antreiber Jerome Boateng gesperrt fehlt, wird es noch wichtiger sein, die Sicherheitszone vor der Abwehr stark zu besetzen. Mir fällt da nur ein konzentrierter und taktisch disziplinierter Sami Khedira ein.

In der Offensive deutet sich mit Timo Werner auf Linksaußen und mit Mario Gomez als Mittelstürmer eine torgefährlichere Lösung an. Werner benötigt Raum für seine Tiefensprints, der physisch präsente Gomez ist im Strafraum eine Waffe. Rechts? Thomas Müller hat aktuell Probleme. Dem Bayern-Profi ist die Selbstverständlichkeit, die Leichtigkeit des Seins abhandengekommen. Nun kann es eine Idee sein, Müller gegen Südkorea die nächste Chance einzuräumen, neues Selbstvertrauen aufzubauen. Löw könnte aber auch Konkurrenzdruck aufbauen, Mesut Özil wieder ins offensive Zentrum stellen und Marco Reus von der rechten Seite die Lücken finden lassen. Dann käme Müller von der Bank. Ein Tor oder eine Vorlage als Einwechselspieler, das kann auch eine befreiende Wirkung haben.