Rehberg: Für Karius kam das Champions-League-Finale ein paar...

Foto: dpa

Der FC Liverpool verliert im Champions-League-Finale mit 1:3 gegen Real Madrid - nach zwei Torwartaussetzern von Loris Karius, wie man sie auf diesem Level wahrscheinlich noch...

Anzeige

. Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Da steht Loris Karius im Alter von 24 Jahren im Champions-League-Finale – und alles geht schief, was nur schief gehen kann. In seiner Mainzer Zeit hatte der Torhüter nahezu fehlerlos gespielt. 91 Bundesligaeinsätze im 05-Trikot. Man kann nicht sagen, dass der Bursche seiner Mannschaft auch nur ein einziges Spiel verloren hätte. Und dann kommt dieser Abend in Kiew, der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere. Die größte Bühne, die es in Europa gibt. Und Karius schickt den FC Liverpool in die Hölle. 1:3 gegen Real Madrid. Nach zwei Torwartaussetzern von Karius, wie man sie auf diesem Level wahrscheinlich noch nie gesehen hat.

Am Ende waren das die stärksten Bilder in dieser Champions-League-Nacht. Wie sich der Liverpool-Keeper vor der Fankurve der „Reds“ mit Demutsgesten bei den konsternierten Anhängern entschuldigte. Die Leuten standen auf und sangen ihre Hymne. „You´ll never walk alone…“ Loris Karius wird sich in den nächsten Tagen und Wochen sehr alleine fühlen.

Klopp hatte alles vorbereitet für den Überraschungscoup

Von welcher Seite soll man dieses aufregende Endspiel analysieren? Jürgen Klopp hat das sechste seiner bislang sieben großen Finals als Trainer verloren. Man darf konstatieren: Er hatte dem Außenseiter mental, emotional und taktisch alles mitgegeben, was es gebraucht hätte für den angestrebten Überraschungscoup. Doch dann passierten Dinge, die sich kein Drehbuchschreiber erlauben würde, in ein kitschiges Filmwerk einzubauen.

Anzeige

Real Madrid? Verdienter Sieg. Aber den Königlichen in den weißen Hemden ist in diesem Wettbewerb 2017/18 das Glück hinterhergerannt. Im Viertelfinale brauchte es gegen Juve Sekunden vor dem Abpfiff einen zweifelhaften Strafstoß zum Einzug in die nächste Runde. Halbfinale gegen die Bayern: Im Hinspiel in München verletzten sich früh die Stars Arjen Robben und Jerome Boateng, im Rückspiel bremste ein kurioser Aussetzer von Keeper Sven Ulreich die aussichtsreichen FCB-Bemühungen.

Im Finale kamen beim Real-Gegner all die Umstände in einer Partie zusammen, woran der FC Bayern in zwei Spielen gescheitert ist. Mo Salah wird von Sergio Ramos niedergerungen, der unersetzliche Liverpool-Torjäger muss mitten in der Überlegenheitsphase der Engländer verletzt das Feld verlassen – und Keeper Karius schenkt den Madrilenen sogar zwei Treffer. Und was soll man zu dem 2:1-Zaubertor des eingewechselten Gareth Bale sagen? Ein derart akrobatischer Fallrückzieher, bei dem der Waliser in der Luft seinen Schussfuß noch so akkurat drehte und streckte, dass er die Kugel unhaltbar in den Winkel dirigierte, wird dem 100-Millionen-Linksaußen in seinem ganzen Leben nicht mehr gelingen. Da paarten sich ein Glücksmoment und Können.

Real spielerisch überlegen

Real war spielerisch überlegen. Damit war zu rechnen. Liverpool war in den ersten 25 bis 30 Minuten die wildere, die attackierende Mannschaft. Nach dem Ausscheiden von Salah war der Strom weg. Die Überzeugung der mutigen Briten erhielt einen Schlag. Real profitierte von diesem Schockmoment, wurde sicherer, im Passspiel dominanter. Aber nicht torgefährlicher. Und dann warf Karius dem bis dahin kaum aufgefallenen Stürmer Karim Benzema die Kugel an dessen ausgestrecktes Pressing-Bein. Man muss nicht krampfhaft nach einer Erklärung suchen. Der Torhüter war eine Sekunde lang nicht hundertprozentig konzentriert, etwas lässig, unaufmerksam, auch ohne die nötige Körperspannung. Als Karius später beim dritten Gegentor die Kugel durch die fangbereiten Hände flutschte, da war klar: Der Abwurf-Fehler beim 0:1 hatte den 24-Jährigen angeknockt.

Jürgen Klopp wird seine unpassende Endspiel-Quote verkraften. Der lebensbejahende Optimist wird nach ein paar durchzechten Urlaubsnächten in die Rolle des Stehauf-Männchens schlüpfen und mit voller Kraft und Überzeugung den nächsten Anlauf starten. So war das in Mainz, so war das in Dortmund. Zumal alleine der Finaleinzug mit dieser Liverpooler Mannschaft, die noch mitten in einer Entwicklung steckt, schon eine kleine Sensation war.

Anzeige

Für Karius kann es schwer werden

Loris Karius? Zerbrechen wird der coole Kerl an diesem sportlich dramatischen Erlebnis nicht. Aber er wird daran zu knabbern haben. Klopp wird womöglich in diesem Sommer einen Weltklasse-Torhüter verpflichten. Dann kann es schwer werden für Karius. Für den dieses große Spiel in Kiew vielleicht zwei, drei Jahre zu früh gekommen ist. Der Ex-05-Profi hat alles, was man für eine große Torwartkarriere braucht. Was ihm noch fehlt, das ist Reife, das ist die Erfahrung aus vielen wichtigen und entscheidenden Spielen. Und dann braucht es immer auch Matchglück. Der große Gianluigi Buffon ist 40 Jahre alt geworden zwischen den Pfosten, er war Weltmeister. Aber der Italiener hat trotz überragender Leistungen nie ein Champions-League-Finale gewonnen.