Rehberg: Fünf Treffer nach fünf Spieltagen. Überragend.

Yunus Malli. Foto: dpa

Yunus Malli wird der nächste 05-Millionentransfer. Das ist keine gewagte These. Das entspricht den Gesetzmäßigkeiten in dieser Branche. Die drei Tore des Deutschtürken gegen...

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. Und schon in der Winterpause werden zwei, drei englische Klubs ihren Schatzmeister in den Keller schicken mit dem Auftrag, nachzuschauen, ob da noch 20 bis 25 Millionen rumliegen für diesen ebenso seriösen wie spektakulären Tempodribbler aus Mainz. Der inzwischen nicht mehr nur sehr viel läuft, seine Technik demonstriert und Geschwindigkeitsrekorde aufstellt auf seinen intuitiv gewählten Slalomkursen. Malli bringt seinen Aktionen nun auch ins Ziel. Der 23-Jährige trifft. Fünf Treffer nach fünf Spieltagen. Überragend.

An wen erinnert Sie die Spielweise dieses Hochbegabten, der als Zehner aus der Tiefe des Raums losziehen kann und der nicht weniger Wirkung erzielt in den engen Räumen nahe des Mittelstürmers? Mir fällt da Andy Möller ein, auch der einstige Frankfurter und Dortmunder hatte diesen geschmeidigen Bewegungsablauf, diese Ballsicherheit in höchstem Tempo, diese Leichtfüßigkeit im Antritt, diesen Tordrang.

Wir wollen dem Tageshelden keinen Rucksack aufsetzen. Tatsache ist: Yunus Malli entscheidet in seiner schon fünften Mainzer Bundesligasaison Spiele. Als der Techniker im Sommer 2011 als 18-Jähriger nach Mainz kam, da konnte man sich diese Perspektive vorstellen. Doch das Phlegma hat das Talent lange nicht zum Ausbruch kommen lassen. Jetzt lässt Malli sein Potenzial explodieren. Und wir halten fest: Der noch immer sehr junge Mann, der gerade zu einer Persönlichkeit reift, kann noch besser, noch konstanter, präsenter und präziser spielen als am Freitagabend beim 3:1-Heimsieg gegen die TSG 1899 Hoffenheim.

Muto stellt Okazaki in den Schatten

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Wahnsinnig viele Torchancen hatten die 05er außerhalb der Malli-Gala nicht in dieser sehr intensiven und tempogeladenen Partie nach britischem Zuschnitt. Da ging es phasenweise taktisch wild zu, permanent rauf und runter, die Mittelfeldräume wurden einfach und geradlinig überrannt, ohne Atempausen, ein Konterduell. Der ein oder andere ruhigere Pass hätte den Gastgebern die Sache wesentlich erleichtern können. Aber die Mannschaft von Martin Schmidt hat geliefert, mit Leidenschaft, mit Willen, mit einer gnadenlosen Tempobolzerei. Das hat die Zuschauer begeistert in der Coface Arena, da entwickelte sich auch ohne übermäßig viele klare Abschlussszenen eine hoch emotionale Flutlicht-Atmosphäre. Genau darum geht es an diesem Standort.

Die 05er strahlten als Heimteam mit bis dahin sechs Punkten auf dem Konto als Kollektiv mehr Sicherheit und mehr kollektive Energie aus. Die 05er hatten mit den aufmerksam und aggressiv nach vorn verteidigenden Stefan Bell und Niko Bungert, die dem chilenischen Nationalstürmer Eduardo Vargas keine Chance überließen und dem deutschen Nationalspieler Kevin Volland auch nur eine nennenswerte Abschlussaktion, die besseren Innenverteidiger. Beim Gegner benötigten die unbeweglichen Niclas Süle und Fabian Schär (nach der Pause kam für den Gelb-rot-gefährdeten Schweizer der stämmige Ermin Bicakcic) sehr viele Fouls, um den - wie aufgedreht die Bälle fordernden und in die Lücken sprintenden - Yoshinori Muto zu bremsen.

Der Japaner lieferte als Mittelstürmer eine Arbeitsleistung ab, die sogar die Daten des letztjährigen 05-Schwermalochers Shinji Okazaki in den Schatten stellte. Und es wird immer deutlicher: Fußballerisch ist der jüngere Japaner noch eine Klasse besser als der ausgewiesene Torjäger, der jetzt in der Premier League Erfolge feiert.

Ein wichtiger Faktor waren auch Christian Clemens und Pablo de Blasis. Die beiden Außenstürmer gingen die ganz weiten Wege, immer mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Der diagonale Sololauf von de Blasis, gestartet knapp vor der Mittellinie, als Vorbereitung für Mallis gezirkeltes Kreuzeck-Traumtor zum 2:1 riss die 05-Anhänger von den Sitzen. Der kleine Argentinier ist ein taktisch anarchischer, deshalb aber unberechenbarer Kilometerfresser. Clemens ist ein ständig hochtourig brummender Dynamiker.

Punkte mit Tempo und Willen geschnappt

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Die Hoffenheimer ließen in ihrer defensiv angelegten 4-1-4-1-Grundordnung in den Zonen rechts und links vom alleinigen Sechser Pirmin Schwegler Räume offen, die den 05ern viele Möglichkeiten ließen, mit etwas mehr Kombinationsmut einfachere Wege in den Strafraum zu finden. Das ist für Schmidt der nächste Entwicklungsschritt. An diesem Abend ging es darum, so der Cheftrainer, die Punkte mit Tempo und Willen zu schnappen. Hat funktioniert. Wobei die defensive Abstimmung im Mittelfeld bis zur Pause leicht problematisch war. Was womöglich auch daran lag, dass der neue Partner von Julian Baumgartlinger etwas Zeit benötigte, in die Abläufe hineinzufinden.

Damit wären wir bei Christoph Moritz angelangt. Der lange verletzte Rheinländer stand letztmals am 9. Mai (0:2 in Stuttgart) in der Startelf, damals wurde er schon zur Halbzeit ausgewechselt. Der Mittelfeldspieler ist einer der besten Fußballer im Kader, ein wilder und positionstreuer Zweikämpfer ist der 25-Jährige als Sechser nicht unbedingt. Beim Hoffenheimer Konter zum 0:1 war Moritz gar nicht da. Aber: Als eleganter Antreiber mit spielerischen Mitteln hatte der Zentrumsmann seiner Elf sehr viel zu geben. Nach der Pause konzentrierte sich Moritz verstärkt darauf, die rückwärtigen Zonen zu kontrollieren. Auch das kann der lauffreudige Techniker.

Ab dem 3:1 zogen die 05er ihre Umschaltüberfälle nicht mehr konsequent durch. Die Hoffenheimer standen jetzt nach den Wechselentscheidungen von Trainer Markus Gisdol mit fünf Stürmern auf dem Feld. Gefährlicher wurden die im Mittelfeld zweikampfschwachen und konturlosen Gäste deshalb nicht. Die Mainzer starten nun mit prächtigen neun Punkten im Gepäck in die englische Woche. In Leverkusen und zu Hause gegen den FC Bayern München. Da geht es um saubere Defensivleistungen und kontrollierte Konterzüge, weniger um einen Ergebniszwang. Den entsprechenden Rückenwind hat das Schmidt-Team nach diesem wilden „englischen Abend“ in der Coface Arena.