Rehberg: Episches Elfmeterschießen und Taktik-Diskussion

Die deutschen Nationalspieler jubeln nach dem Einzug ins EM-Halbfinale. Foto: dpa

Erstmals in der Geschichte des Turnierfußballs hat Deutschland in einem K.o.-Spiel Italien bezwungen und ist ins EM-Halbfinale eingezogen. Verdient, meint unser Kolumnist...

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. Ein episch langes Elfmeter-Drama ist es geworden. Nach 120 Minuten Schach in Stollenschuhen - mit italienischer Verteidigungskunst in Vollendung und gebremsten deutschen Angriffszügen, die zu einer Siegstellung geführt haben für „La Mannschaft“. Aber es hat nicht gereicht zum Schachmatt. Und dann musste die Entscheidung vom Elfmeterpunkt aus fallen. Der Ausgang: Erstmals in der Geschichte des Turnierfußballs hat Deutschland in einem K.o.-Spiel Italien bezwungen. Die DFB-Elf steht bei der EM 2016 in Frankreich im Halbfinale.

Ist damit auch der deutsche „Italien-Fluch“ besiegt, dem manche Küchenpsychologen auch den Status eines Traumas beimessen? Im Ergebnis ja. Inhaltlich nicht. Zumindest nicht mit Tiefenwirkung. Denn dafür stand die Angelegenheit in Bordeaux einfach auf zu tönernen Füßen. Am Ende war es ein Glücksspiel. Bastian Schweinsteiger hätte mit dem zehnten Elfmeter die deutsche Jubelorgie auslösen können, doch der Star von Manchester United jagte die Kugel in den Nachthimmel. Dann verschoss der 17. Schütze: Schweinsteigers Klubkamerad Matteo Darmian scheiterte an Manuel Neuer. Der 18. Schütze wurde neben Neuer zum zweiten Helden des Abends: Jonas Hector, der schweigsame Saarländer aus dem Dörfchen Auersmacher, der vor sechs Jahren noch in der Oberliga gekickt hat und nie ein Nachwuchsleistungszentrum von innen gesehen hat, mogelte den nicht sonderlich präzise getretenen Ball dem viermaligen Welttorhüter Gianluigi Buffon durch einen winzigen Spalt zwischen Achselhöhle und angewinkeltem Ellenbogen. Ein läppischer Zentimeterzufall produzierte ein sporthistorisch bedeutsames Ergebnis.

Kein Zweifel, die deutsche Mannschaft hat den Einzug ins Halbfinale verdient. Die DFB-Elf war spielerisch besser, sie hat den nur auf Verteidigung und Konter bedachten Gegner bis auf wenige kurze Phasen in der ersten Halbzeit kontrolliert. Das von Mario Gomez und Hector meisterlich vorbereitete Führungstor durch Mesut Özil war glänzend herausgespielt. Die Italiener hatten in diesen 120 Minuten streng genommen nur eine einzige ernsthafte Torchance. Der späte Ausgleich? Eine Szene, die wirkte, als hätte das Fußballschicksal vorgesehen, die Deutschen dürften gegen diesen Gegner nicht gewinnen. Niemals. Nie. Der überragende Jerome Boateng reckte im Strafraum-Luftduell mit Giorgio Chiellini beide Arme in die Höhe zum Zeichen eines fairen Zweikampfs ohne Klammerei und ohne Trikotzupferei, und dann köpfte der italienische Abwehrkünstler dem deutschen Abwehrhünen den Ball an die Hand. Elfmeter. Der Abwehrkünstlerkollege Leonardo Bonucci nutzte Fortunas Gunst. 1:1. Im Elfmeter-Drama scheiterte Bonucci an Neuer.

Löw bastelt Dreierreihe

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Was bleibt noch von diesem historischen Abend? Die Taktik-Diskussion. ARD-Experte Mehmet Scholl stürzte sich kurz vor Mitternacht hoch emotional auf „Urs Siegenthaler und Konsorten“. Der seit vielen Jahren zu Jogi Löws Beraterstab zählende Fußballanalytiker aus der Schweiz, vermutet Scholl, habe den Bundestrainer zu einer unnötigen, das eigene Potenzial limitierenden Systemänderung verleitet. Rumms, das hat gesessen. Wir werden nie erfahren, ob die Deutschen im gewohnten 4-2-3-1 die Italiener wuchtiger und torgefährlicher bespielt hätten.

Löw bastelte für seine Abwehr eine Dreierreihe. Das Ziel: Im Zentrum Überzahl herstellen gegen den in diesem Turnier sehr auffälligen italienischen Zwei-Mann-Angriff mit dem in der Ballverarbeitung glänzenden Mittelstürmerturm Graziano Pelle und dem wuselig in die Lücken sprintenden Ede. Die Maßnahme war defensivtaktisch betrachtet ein Erfolg. Pelle und Eder waren gegen die aggressive deutsche Nachvorneverteidigung über 120 Minuten isoliert, abgeklemmt von den Konterversuchen der Azzurri.

Zwei Nachteile hatte der Schachzug. Erstens: Für den dritten Innenverteidiger Benedikt Höwedes musste Löw mit Julian Draxler in der Offensive seinen vierten Angreifer opfern, seinen einzigen Tempodribbler. Zweitens: Das Vorsichtssignal „Kontrolle der italienischen Umschaltstärke“, das auch beinhaltete, unbedingt keine leichten Ballverluste einzustreuen, lenkte das deutsche Team ab von den eigenen Stärken. Und die liegen im eigenen Ballbesitz - in der spielerischen Kreativität, im schnellen und variablen Kombinationsspiel.

Nicht das System entscheidet eine Partie

Spätestens ab der zweiten Halbzeit waren die Deutschen zwar hoch überlegen, aber das auf Passsicherheit angelegte Spiel im Angriffsdrittel hatte kein Tempo, keine Zielstrebigkeit und keine Risikobereitschaft Richtung Strafraum, keine Wucht, wenig Flexibilität, wenig Finessen, keine Dribblings, keine überraschenden Pass- und Laufwege. Abgesehen von dem überragend eingefädelten und konsequent durchgezogenen Spielzug zum 1:0 und der Riesenchance für Mario Gomez zum 2:0. Auch der - für den früh verletzt ausgeschiedenen Sami Khedira - aufs Feld gekommene Bastian Schweinsteiger fügte sich ein in das relativ eigenschaftslose, auch vom nicht sonderlich inspirierten Toni Kroos selten beschleunigte Ballgeschiebe in der mit elf Mann extrem dicht zugestellten gegnerischen Spielhälfte.

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Hat sich Löw also wieder – wie einst im EM-Halbfinale 2012 – in seinem Matchplan zu sehr an den Stärken des „Angstgegners“ Italien orientiert? Wir werden darauf keine Antwort finden. Dieses Spiel wird nicht noch mal aufgelegt werden, auf dass sich die 4-2-3-1-Variante erproben ließe gegen dieses „Monster of Defense“ (so urteilte das französische Sportzentralorgan L`Equipe über die Italiener). Und eines sei noch angefügt: Nicht das System entscheidet eine Partie, sondern das, was eine Mannschaft daraus macht. Von daher ist es nicht ausgeschlossen, dass eine - auf Vorsicht getrimmte und mit Gedanken an ein erneutes Ausscheiden gegen Italien belastete - deutsche Elf auch mit einer offensiveren Grundaufstellung das italienische Edel-Catenaccio nicht geknackt bekommen hätte. Nach 20 Minuten bereits drängte sich der Eindruck auf, dass ausschließlich das Endergebnis über die Tauglichkeit von Löws Matchplan entscheiden würde. Hätten die Deutschen das 1:0 über die Zeit gebracht, Löw wäre als Taktikmeister gefeiert worden. Stünde jetzt Italien in der nächsten Runde, dann wäre der Bundestrainer geschlachtet worden. Jetzt ist es nach dem 120-Minuten-Remis „nur“ eine aufgeheizte Theoriediskussion.

Was das für das Halbfinale bedeutet? Gar nichts. Mats Hummels ist dann gelb-gesperrt. Löw wird nicht den nachnominierten Jonathan Tah an den Start bringen als dritten Innenverteidiger. Und wenn dann die Franzosen (?) im Semifinale mit der Doppelspitze Olivier Giroud/Antoine Griezman die deutsche Viererabwehrkette aushebeln sollten, dann wird sich Mehmet Scholl womöglich wieder auf Urs Siegenthaler stürzen. Mit umgekehrten Argumenten.