Rehberg: Entspannte Atmosphäre in der 05-Gesprächsrunde

Martin Schmidt. Foto: Sascha Kopp

Am Bruchweg hat sich die Atmosphäre verändert. Die Zusammenarbeit zwischen dem neuen Cheftrainer Martin Schmidt und den Medien funktioniert. Die Gesprächsrunde am Dienstag...

Anzeige

. Die Atmosphäre hat sich geändert. Die mediale Zusammenarbeit mit Martin Schmidt ist angenehm. Entspannt, offen, konstruktiv. In der Zeit mit Kasper Hjulmand war die Gesprächsrunde am Dienstag nicht mehr als ein Pflichttermin. Der Däne vermittelte immer den Eindruck, als sitze er auf glühenden Kohlen, als dränge ihn der nächste Termin schon derart, dass mehr als 20 Minuten nicht rauszuquetschen sind für den Austausch mit den heimischen Journalisten.

Oft genug arbeitete Hjulmand den Talk im hektischen Vorbeigehen am Rande des Trainingsplatzes ab, auch bei eisiger Kälte, drei, vier, fünf Fragen, knappe Antworten, ein paar Floskeln, ein paar Fachbegriffe ohne inhaltliche Tiefe, und dann: Sorry, das muss genügen, ich muss weiter. Da war es kein Wunder, dass die Schreiber lange zu rätseln hatten, was der Däne eigentlich so genau vor hatte mit dieser Mainzer Mannschaft.

Martin Schmidt nimmt sich Zeit für diesen regelmäßigen Medientermin im Besprechungsraum im dritten Stock der zu einem Bürokomplex ausgebauten Bruchwegtribüne. Selten läuft das ab unter eine Stunde Sprechzeit. Der Schweizer ist nie schlecht gelaunt, er wird nicht knurrig bei unliebsamen Fragen, er weicht Themen nicht aus, er ist nicht gelangweilt, er ist nicht unruhig. Da kommt es vor, dass der Cheftrainer auch mal über die touristische Situation in seinem Heimatgebiet Wallis philosophiert oder dass er mal privatere Dinge anreißt. Dann bittet er darum, man möge das bitte nicht zum Gegenstand eines Artikels machen. Dieses Agreement funktioniert.

Dann macht die Zusammenarbeit Spaß. Und man hat in diesen Momenten das Gefühl, dass es im Bundesligafußball nicht zwangsläufig auf eine extreme menschliche Distanz zwischen den handelnden Personen und den Berichterstattern hinauslaufen muss. Schon gar nicht am Standort Mainz.

Anzeige

Tuchel musste auftauen, Hjulmand war hektisch

Thomas Tuchel hat das mindestens zwei Jahre sehr distanziert ablaufen lassen, bis der im Miteinander nicht unkomplizierte Typ in diesen Runden lockerer, humorvoller, auch fachlicher wurde. Hjulmand warf den Journalisten im Prinzip nur ein paar Knochen hin, die durfte man dann abnagen. In der stark abgegrenzten Welt der dänischen Trainercrew herrschte die Überzeugung vor: Die haben hier doch von Taktik sowieso keine Ahnung.

Das waren verpasste Gelegenheiten von Hjulmand, die eigene Vorstellungen darzulegen, die Medienleute schlau zu machen, die Spielweise im Detail zu erklären, journalistische Fehleneinschätzungen zu korrigieren, Grundstimmungen zu beeinflussen, eigene Spieler stark zu machen oder aus einer vielleicht überzogenen Kritik rauszunehmen - oder auch Botschaften an die Anhängerschar zu senden. Atmosphäre ist ein wichtiger Faktor im Fußball, insbesondere in sportlich schwierigeren Zeiten. Einige der heutigen Fußballlehrer, die rüberkommen wie Taktiktechnokraten, haben das noch nicht erkannt.

Martin Schmidt hat sich an diesem Dienstag darum bemüht, vor dem wichtigen Spiel beim Abstiegskampfkonkurrenten SC Freiburg die Leistung seiner Mannschaft beim 2:3 gegen Bayer Leverkusen in ein angemessenes Regalfach einzusortieren, einer Eigendynamik vorzubeugen, die plötzlich die gesamte Arbeit in ein Besorgnis erregendes Bild fasst. 2:2 in der zweiten Halbzeit, das sei schließlich nicht schlecht gewesen gegen eines der vier Spitzenteams dieser Liga, und Bayer 04 präsentiere sich aktuell zudem in einer sehr guten Form.

Kein Jammern über Verletzte

Anzeige

Der größte Feind im Leistungssport sind negative Gedanken und negative Stimmungen. Siehe Borussia Dortmund. Siehe den Hamburger SV. Sensibel zu sein für liegen gelassene Prozente im Potenzial, dabei positiv zu bleiben, nicht problem- sondern lösungsorientiert zu handeln, das ist die Kunst, die ein Fußballlehrer beherrschen muss.

Da ist es auch mal klug, wenn man Defizite nicht ausbreitet bis ins letzte Detail. Schmidt hat sich für den aggressiven Balljagd- und schnellen Umschaltfußball entschieden. Schmidt jammert nicht, dass ihm für die Umschaltüberfälle die verletzten Spezialisten Jonas Hofmann und Christian Clemens fehlen.

Pablo de Blasis und Ja-Cheol Koo sind keine Seitenliniensprinter, das sind technisch gute Fußballer, die mehr in den Halbräumen aufblühen, wo sie mit ihren kurzen Drehungen und Dribblings Wirkung erzielen können. Von den Außenverteidigern ist Daniel Brosinski der schnelle Mann, der rechts auf geraden Bahnen Richtung Grundlinie sprintet. Joo-Ho Park ist links mehr der Aufbauspieler, der über das präzise Passspiel kommt. Bleiben Yunus Malli und Shinji Okazaki, die Umschaltqualitäten haben. Aber im Zentrum wird es von jeher besonders eng. Dort stehen beim Gegner die laufstarken und giftigen Sechser sowie die im Zweikampf und im Stellungsspiel besondern gut geschulten Innenverteidigerhünen.

An den Abläufen werkeln

Schmidt bleibt dabei, dass die Balleroberung der eigentliche Schlüssel ist für erfolgreiche Umschaltzüge. Wenn der Gegner in einer noch nicht ideal organisierten Vorwärtsbewegung die Kugel verliert, dann tun sich für die den Ball erobernde Mannschaft die Konterräume auf. Fehlen die klassischen Sprinter, dann ist es eine Lösung, nicht gleich mit dem ersten Pass in die Tiefe kommen zu wollen.

Dann geht der erste Pass ins Zentrum, dort dreht sich etwa der Zehner auf und verschickt seine Bälle in einem günstigen Winkel an die mittlerweile in die Tiefe gestarteten Außenspieler. Und die müssen nicht immer an der Seitenplanke Richtung Grundlinie sprinten, die können auch auf den inneren Bahnen in Richtung der Räume zwischen den gegnerischen Innenverteidigern und Außenverteidigern laufen. Das ergibt einen direkteren Weg zum Tor, verbunden mit einer höheren Abschlusswahrscheinlichkeit. Es braucht dafür die entsprechenden aktiven Balleroberungen, die nötige Handlungsschnelligkeit, das nötige Passtiming und die nötigen Laufwege.

Diese Abläufe können die 05er auf den Platz zimmern, auch in der Offensivbesetzung mit de Blasis, Koo, Malli und Okazaki. Und als Einwechselspieler steht inzwischen wieder der leichtfüßige Jairo bereit. In Freiburg, das dürfte ein gnadenloser Verdrängungswettkampf werden, viele Zweikämpfe, Wucht und Tempo. Das dürfte den 05-Profis besser liegen als die abgezockte Art, mit der Bayer Leverkusen nach der Führung die Mainzer immer wieder in die Spielmacherrolle gedrängt und dort ausgebremst hat.