Rehberg: Elf Mentalitätsmonster schnappen sich den Pokal

Jubel bei Eintracht Frankfurt nach dem Pokalsieg gegen Bayern München. Foto: dpa

Eintracht Frankfurt ist DFB-Pokalsieger 2018. Mit einem 3:1 gegen den Deutschen Meister und Champions-League-Halbfinalisten FC Bayern München. Pokalsieger, das ist der einzige...

Anzeige

. Ob ein Sieg in einem Endspiel verdient ist oder weniger verdient, das interessiert den Sieger überhaupt nicht. Die Stadt Frankfurt steht seit dem vergangenen Samstag auf dem Kopf. Fans, Anhänger, Sympathisanten und leidlich Interessierte feiern gemeinsam den ersten Titelgewinn der Eintracht seit 30 Jahren. DFB-Pokalsieger 2018. Da wandert in die Frankfurter Vitrine eine Trophäe, die beständig an Bedeutung zulegt. Pokalsieger, das ist der einzige Titel, der für Normalo-Mannschaften in Deutschland in Reichweite liegt. Die Eintracht hat sich den Pott geschnappt. Mit einem 3:1 gegen den Deutschen Meister und Champions-League-Halbfinalisten FC Bayern München.

Jupp Heynckes verabschiedet sich von seiner Ruhestands-Unterbrechung ohne das Double. Niko Kovac beginnt im Sommer seine Zeit als Don-Jupp-Nachfolger bei den Bayern mit einem Titel im Kreuz – und niemand kann mehr behaupten, der junge Mann habe als Trainer ja noch nie etwas gewonnen.

Verdienter Sieg

Was ist da passiert am legendären Finalort Berlin? Der haushohe Favorit hatten mehr Ballbesitz, die Bayern hatten ein Chancenplus von 8:3, die Star-Elf hat zweimal die Lattenunterkante getroffen und Sekunden vor dem Abpfiff der 120 aufregenden Minuten einen klaren Foulelfmeter verwehrt bekommen. Und dennoch blieb das Gefühl haften: Die Eintracht hat das Teil verdient gewonnen. Die Begründung ist trotz der eindeutigen Faktenlage einfach zu formulieren: Der Außenseiter spielte mit Herzblut, die Eintracht war beseelter von der eigenen Herangehensweise, jeder Spieler war bereit, physisch und emotional an Grenzen zu gehen. Bis der FCB merkte, dass man sich an diesem Abend den goldenen Pokal mit dem Messer zwischen den Zähnen erkämpfen musste, war es schon zu spät. Die Frankfurter waren energetisch aufgeladen – die Bayern spulten mit ihren überlegenen spielerischen Mitteln ein Programm ab. Das war der Unterschied. Die wilde Entschlossenheit und wuchtige Zielstrebigkeit, mit der Ante Rebic seine beiden Treffer erzielte, stand im krassen Gegensatz zu der Mischung aus sorgloser Schlampigkeit und mangelnder Überzeugung, mit der die Münchner ihre sehr guten Torchancen liegen ließen.

Anzeige

Der mit Laufbereitschaft, Zweikampfhärte, Geradlinigkeit, Leidenschaft und Willen vorgetragene Außenseiterfußball der Eintracht hat über die Klasse des Deutschen Meisters triumphiert. Für die Bayern ist das ein Zeichen. Auch Heynckes hat es nicht geschafft, seiner Weltauswahl in den entscheidenden Saisonspielen in Madrid und Berlin die nötige Schärfe, den unabdingbaren Selbstbehauptungswillen einzuimpfen. Die Bayern haben am Ende in den wichtigen Situationen nicht mehr gut verteidigt - und sie haben das Tor nicht mehr getroffen.

Elf Mentalitätsmonster

Die Eintracht hatte an diesem Abend elf Mentalitätsmonster auf dem Feld, die bereit waren das Spiel ihres Lebens zu machen. Die Bayern wirkten überspielt, behäbig, in manchen Phasen fast seelenlos, insgesamt auch führungslos. Franck Ribéry brach seine Soloaktionen zu oft ab, Robert Lewandowski bäumte sich nicht auf, Thomas Müller hatte keine Form, im Mittelfeldzentrum produzierten die Galatechniker Thiago und James viele Abspielfehler, Javier Martinez fehlten Spritzigkeit und Orientierung, am rechten Flügel hatte Joshua Kimmich Probleme mit der Ballkontrolle. Und der erfahrene Abwehrchef Mats Hummels sicherte bei beiden Rebic-Toren seinen jungen Nebenmann Niklas Süle nicht ab.

Niko Kovac ist in der Lage, Spieler zu einer eng verschworenen Gemeinschaft zu formen und emotional aufzuladen. Ob ihm das nach der WM in Russland auch noch gelingt mit den ins Alter gekommenen Bayern-Profis, das ist eine spannende Frage. Hummels, Boateng, Martinez, Müller und Lewandowski steuern auf den Herbst ihrer Karriere zu, Ribéry und Robben befinden sich längst auf der Zielgeraden. In der entscheidenden Phase dieser Saison hat man das gemerkt. Und Jupp Heynckes? Der 73-Jährige schaut sich das alles gelassen an. Auf der Rentnercouch in seinem Bauernhof im Rheinland. Als lebende Legende, die ihr Fachwissen fortan Schäferhund Cando zuflüstern wird.