Rehberg: Droht Mainz 05 ein Fehlstart? Es gibt durchaus Anlass...

(Noch) kein Faktor im Mittelfeld von Mainz 05: Fabian Frei (rechts). Foto: Sascha Kopp

Kaum ein Zweitligateam hat in der Vorsaison ein Mittel gefunden gegen die Spielweise der Ingolstädter. Die 05er auch nicht. Und das gibt durchaus Anlass zur Sorge. Denn es...

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. Ein Ende mit Pfiffen. Diese Form der Unmutsbekundung hat keine Tradition in Mainz. Man darf davon ausgehen, dass die 05-Fans irritiert waren. Leicht erschrocken von der trostlos schwachen Darbietung ihrer Elf beim 0:1 gegen den Aufsteiger FC Ingolstadt. Stefan Bell und Niko Bungert wagten sich nach dem Abpfiff vor die pfeifende Menge auf der Stehtribüne, Loris Karius rückte zögerlich nach, dann kamen noch ein paar andere Spieler schüchtern hinterher geschlichen. Trotzig tönte es dann aus dem Block noch „Auswärtssieg“, damit war die Frustverarbeitung erledigt.

Das mit dem Auswärtssieg wird nicht ganz einfach. Am kommenden Sonntag geht es zu Borussia Mönchengladbach. Jene Mannschaft, die am Samstag im Abendspiel bei Borussia Dortmund, trainiert von einem gewissen Thomas Tuchel, mit 0:4 abgefertigt worden ist. Die Gladbacher werden alles daran setzen, diesen Untergang im Signal-Iduna-Park nicht in einen üblen Fehlstart münden zu lassen. Der droht dann den 05ern. Muss aber alles erst mal gespielt werden. Vielleicht gelingt es der Mannschaft von Martin Schmidt, als Außenseiter beim Champions-League-Teilnehmer ein ähnlich frecher und ekliger Gegner zu sein, wie es die vor dieser Saison nicht sonderlich hoch bewerteten Ingolstädter als Underdog und ohne Neuzugänge in der Startelf an diesem Nachmittag in Mainz waren.

05er verlieren Spiel in ihrer besten Phase

Nahezu jede Bundesligapartie hat unterschiedliche Phasen. Kurios an dieser Spielgeschichte war, dass die 05er dieses Saisonauftaktspiel in ihrer besten Phase verloren haben. Die ereignete sich zwischen der 46. und 66. Minute. Mit Wiederanpfiff gelang es den Mainzern, eine energische Druckphase aufzubauen. Nach einer ersten Halbzeit ohne Mittelfeldspiel fanden die 05er jetzt aus der Spieleröffnung heraus zu einem konstruktiven Passspiel, zu zielstrebigen Durchbrüchen über die Flügel, das ergab Chancen. Der Führungstreffer lag in der Luft. Und wäre dieses Tor gefallen, dann weiß niemand, ob der Aufsteiger noch mal zurückgekommen wäre.

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Mitten hinein in diese Drangphase platzte der eifrige, aber fußballerisch nicht sonderlich auffällige Lucas Hinterseer. Ohne Anbahnung, ohne Ankündigung. Ein simpler Aufzieher im Strafraum, ein passiver Innenverteidiger Niko Bungert, Schrägschuss ins lange Eck. Und die Sache war entschieden. Das erste Bundesligaspiel für den Neffen des früheren Skistars und heutigen Volksmusikanten Hansi Hinterseer, das erste Bundesligator – der erste Bundesligasieg in der kurzen Geschichte des erst seit elf Jahren existierenden FC 04 Ingolstadt. Der sicher nicht besser Fußball gespielt hat. Der aber mehr gelaufen ist, der giftiger war in den Zweikämpfen, der eine bessere Raumaufteilung hatte – und der das klarere, von mehr Überzeugung getragene Spielkonzept präsentierte.

Anlass zur Sorge

Kaum ein Zweitligateam hat in der Vorsaison ein Mittel gefunden gegen diese wilde, aggressive, physisch aufwendige Spielweise der Ingolstädter. Die 05er als etablierter Bundesligist auch nicht. Und das gibt durchaus Anlass zur Sorge. Denn es werden noch mehr Klubs in Mainz aufkreuzen, die kein offenes Spiel anbieten. Dieser Trend ist seit zwei, drei Jahren zu beobachten. Vor Auftritten in der Coface Arena haben viele Gegner Respekt. Da wird es für die 05er ausschließlich mit Umschaltfußball nicht funktionieren, das zeichnet sich ab. Wenn die Gegner diese Konterüberfälle nicht zulassen, dann braucht es andere Lösungen. Qualität in anderen Optionen deutete die Schmidt-Elf nur in der kurzen Phase zwischen der 46. und 66. Minute an. Davor und danach: Wenig Ordnung, wenig Struktur, wenig Balleroberungen, keine Stabilität in den unzähligen Luftduellen im und am eigenen Strafraum, wenig Präzision im Passspiel, kaum Sprints, kein Tempo, keine Wucht, kein Durchsetzungswillen, keine Torgefahr – nach dem 0:1-Schock auch keine Comeback-Mentalität.

Die Ingolstädter raubten mit ihrem aggressiven Anlaufen mit drei Stürmern gegen die Mainzer Spieleröffnung dem Favoriten jeden Mut, jeden Ansatz von konstruktivem Spielaufbau. Die Spieleröffner Bell und Bungert flüchteten sich unter Dauerdruck in lange Bälle. Und da die Ingolstädter ihr Aufbauspiel ähnlich aufzogen (gewollt), entwickelte sich ein Stratosphärenkick - hoch und weit über die beiden Mittelfeldreihen hinweg.

Hilf- und wehrlos

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Klar, da war es für den Gastgeber schwierig, das Lieblingspaket zu öffnen, eine Balljagd aufzuziehen, die Kugel zu klauen in relevanten Räumen und auf kurzen Wegen Umschaltüberfälle zu organisieren. Skypressing, das gibt noch nicht. Aber: Im Kampf um die abgewehrten Bälle in der Nähe beider Strafräume waren die Ingolstädter wacher, giftiger, erfolgreicher. Letztlich haben sich die 05er diesen Hauruckstil britischer Prägung in der ersten Halbzeit vom gierigeren Aufsteiger aufdrücken, fast schon hilf- und wehrlos diktieren lassen.

Womöglich wird Fabian Frei schon das Gefühl befallen, er werde in Mainz extrem kritisch betrachtet. Der Schweizer ist ein klarer Typ, sympathisch, intelligent, führungswillig. Aber mit diesem Durchschnittstempo und mit dieser mangelnden Präsenz in den Zweikämpfen, in der Raumüberwindung, im Gegenpressing, im Freilaufverhalten, im Linien überwindenden Passspiel ist der international erfahrene 26-Jährige (noch) kein Faktor im Mittelfeld.

Baumgartlinger braucht mehr Hilfe

Gegen die Ingolstädter hat sich gezeigt: Wenn Julian Baumgartlinger als der defensiver denkende Sechser das Bollwerk vor der Abwehr sein soll, gleichzeitig der Renner und Balleroberer auf Höhe der Mittellinie, gleichzeitig der Ankurbler und Passgeber, gleichzeitig der Signalgeber für das Gegenpressing nach Ballverlusten in den vorderen Zonen, dann ist der neue Kapitän in dieser Multifunktionsrolle überfordert. Der Österreicher braucht tatkräftigere Unterstützung.

Zumal Yunus Malli mehr als zweite Spitze fungieren sollte. Den klassischen Zehnerraum wollte Martin Schmidt diesmal gar nicht bespielen lassen in Erwartung einer Ingolstädter Zentrumsblockade. Damit fiel Malli als Anspielstation für Baumgartlinger und Frei fast komplett aus. Der Ingolstädter Sechser, der Hüne Roger, nahm den „Zehner“ zudem in Manndeckung. Die das Spiel öffnenden und beschleunigenden Tempodribblings des zu oft in der Mittelstürmerposition festgenagelten Technikers fehlten der Mainzer Offensive.

Ohne Balleroberungen keine Umschaltchancen

Und da auch der junge Florian Niederlechner als Zentrumsstürmer kaum Bälle festhielt - da steckt der hart schuftende Bayer, der seine Stärken eindeutig in der unmittelbaren Nähe zum gegnerischen Tor hat, noch in einem Lernprozess -, mussten die 05er immer wieder weit nach hinten rennen und den nächsten Aufbaumarathon beginnen. Die Geschwindigkeitsvorteile der 05er auf den Flügeln lassen sich in erster Linie über Umschaltaktionen nutzen. Die Lehre: Ohne Balleroberungen keine Umschaltchancen. Christian Clemens setzte sich ab und an mal im Tempodribbling gegen die tief stehende Ingolstädter Abwehr durch, Jairo nur ein einziges Mal. Die schnellen Außenverteidiger Daniel Brosinski und Pierre Bengtsson (letzterer war sehr fehlerhaft in der Defensive und im Passspiel) legten fast gar keine Sprints ein.

Dass am Ende der eingewechselte Defensivmann Leon Balogun in der vordersten Reihe als Brechstange herhalten musste, das macht deutlich: Die 05er müssen zügig einen physisch präsenten Mittelstürmer finden. Die Fahndung läuft. Verhandlungen auf dem überhitzten englischen Markt sind gescheitert. Nun soll der lange Schwede Ola Toivonen (29) von Stade Rennes ein Kandidat sein.