Rehberg: Die Viererkette in der Abwehr

Kasper Hjulmand. Foto: dpa

Im Mediengespräch am Dienstag hat der neue 05-Trainer Kasper Hjulmand energisch der Annahme widersprochen, er sei ein Offensivtrainer mit dem Schwerpunkt auf kreativem...

Anzeige

. Das mag unjournalistisch klingen, aber als Fußballschreiber wünscht man dem neuen Trainer, dass er zügig den Dreh rausbekommt, wie man mit dem FSV Mainz 05 in der Bundesliga Spiele gewinnt. Das mag egoistisch sein, aber Kasper Hjulmand ist ein interessanter Mann. Da bestehen noch sprachliche Barrieren, weil der Däne, wenn es um inhaltliche Details geht, noch häufig wechselt zwischen deutsch und englisch und dabei ab und zu rhetorisch mit Verkürzungen, mit Vereinfachungen arbeitet. Aber man kann mit dem ausgewiesenen Fachmann glänzend über Fußball sprechen. Auch das dienstägliche Medientreffen mit dem Trainer war trotz der angespannten sportlichen Gemengelage in der Kommunikation wieder entspannt, offen, erhellend, unterhaltsam. Hjulmand strahlt tiefe Überzeugung aus in seine Aufbauarbeit.

Der Däne weiß, dass er nach dem Verlust von zwei Wettbewerben im Kerngeschäft Bundesliga nun Ergebnisse bringen muss. Ohne Ergebnisse gibt es keine Entwicklung, das lehrt die Erfahrung. Am kommenden Sonntag startet der Punktewettbewerb. Beim Erstaufsteiger SC Paderborn. Der ebenfalls in der ersten Runde des DFB-Pokals ausgeschieden ist. Der Ausnahmezweitligist RB Leipzig hat dem Neubundesligisten die Bude eingerannt und nach Verlängerung mit 2:1 gewonnen. Die Paderborner haben überwiegend stabil verteidigt, aber die Mannschaft von Trainer Andre Breitenreiter hatte kaum eine echte Torchance.

Defensivarbeit muss sich steigern

Anzeige

Davon abzuleiten, die 05er könnten in Paderborn ihre aktuellen Defensivprobleme locker zu den Akten legen, wäre trügerisch. Das Hjulmand-Team wird sich in der Defensivarbeit steigern müssen, in der Zweikampfaggressivität, in der Organisation, in der schnelleren Orientierung nach Ballverlusten. Alles eine Frage der Konzentration, sagt Hjulmand. Die Mannschaft habe beim 5:5 in Chemnitz lediglich sechs Schüsse auf das eigene Tor zugelassen, das heiße, die Defensivleistung sei insgesamt nicht schlecht gewesen, aber in einigen wenigen Szenen unkonzentriert.

Anzunehmen, er sei ein Offensivtrainer, der nur auf kreatives Passspiel setze, das sei nicht richtig, sagt Hjulmand. Natürlich habe er mit seinen Co-Trainern einen skandinavischen Blick auf den Fußball. Und der ist von jeher stärker ausgerichtet auf das Herausspielen von Chancen und Toren. Aber mit dem FC Nordsjealland habe er in 99 Spielen 45 Mal zu null gespielt. Der Däne wollte den Vorwurf, er vernachlässige eventuell die Verteidigung des eigenen Kastens, nicht unwidersprochen stehen lassen. Die Elf verteidige auch prinzipiell nicht anders, als das unter Vorgänger Thomas Tuchel der Fall gewesen sei im Anlaufverhalten, im Druck auf den Ball, im Pressing und Gegenpressing, in der Absicherung in den hinteren Räumen. Eine etwas andere Philosophie ja, aber keine andere Ideologie.

Mehr Ballbesitz

90 Minuten Powerpressing, das ist Hjulmand tatsächlich zu unruhig. Die Mannschaft soll dieses Mittel situativ einsetzen. Hjulmand will mehr eigenen Ballbesitz, das gesteht er ein. Weil das Team dann weniger hektisch agiere. "Aber wir brauchen einen großen Druck auf den Ball", betont der Cheftrainer. Wer im Abwehrverhalten hinten weit rausrückt, der ist anfällig für Pässe in den Rücken der letzten Reihe. Also: Die gegnerischen Passgeber müssen unter Druck geraten in jenen Räumen, in die die den Raum öffnenden, torvorbereitenden Bälle geschlagen werden können. Bei drei der fünf Chemnitzer Treffer war das n i c h t der Fall.

Auffallend war zudem, und das zog sich durch die Vorbereitung und durch die erste Pflichtspielphase: Die 05er spielten hinten sehr riskant, sie gerieten extrem oft in Eins-gegen-Eins-Situationen, oft eben ohne Absicherung im Rücken des den Zweikampf führenden Innenverteidigers. Und die Abstände zwischen den zentralen Abwehrspielern gerieten immer wieder extrem groß. Mit individueller Schnelligkeit lässt sich das dann meistens nicht mehr regeln: Diese baumlangen Stopper sehen, wenn sie in großen Räumen verteidigen müssen, generell nicht gut aus. Und wenn einer dieser Stopper seitlich aushelfen muss, dann ist der zweite hemmungslos überfordert, den Strafraum alleine abdecken zu müssen (siehe etwa den Treffer zum 1:3 in Tripoli oder das Tor zum 3:4 in Chemnitz).

Anzeige

Viererkette statt Dreiecksprinzip

Eins gegen Eins ohne Absicherung im Rücken, "nein, nein, das ist nicht unsere Philosophie", betont Hjulmand. Der Mittelfeldsechser habe seitlich einzuschreiten, wenn der Außenverteidiger in Not gerät. Die Innenverteidiger sollten niemals leichtfertig das Zentrum verlassen.

Das wäre also geklärt. In den vergangenen Jahren verteidigten die 05er nach dem Dreiecksprinzip: Verließ ein Innenverteidiger das Zentrum zu einer Zweikampfattacke, dann sicherten den Rückraum der zweite Innenverteidiger und ein einrückender Außenverteidiger ab. Hjulmand will keinen großen Unterschied erkennen zu seinen Prinzipien. "Wir haben eine Viererkette." Soll heißen: Alle sind verantwortlich, es geht um Abstimmung, um Konzentration und um Konsequenz. In Paderborn wird es darum gehen, schnelle Umschaltüberfälle zu verhindern. Das wird ohne aggressives Gegenpressing und ohne Absicherungsmechanismen in der Viererkette nicht funktionieren. Wir schauen uns das an.