Rehberg: Deutschland gegen Italien - kein Blick zurück

Müssen das gleiche italienische Abwehrbollwerk bespielen wie bei der EM 2012: Toni Kross und Thomas Müller. Foto: dpa

Deutschland gegen Italien. Treffen diese beiden Mannschaften bei großen Turnieren aufeinander, dann endet das Spiel entweder 0:0 – oder Italien gewinnt. Das soll sich ändern...

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. Deutschland gegen Italien. Darüber könnte und müsste man ein Buch schreiben. Von diesem Duell geht eine Faszination aus, die noch intensiver ist, wenn man in einem Lebensalter angekommen ist, in dem man die ganz großen Spiele alle live am Fernseher miterlebt hat. In den Ergebnissen erkennt man ein klares Muster: Treffen diese beiden Mannschaften bei großen Turnieren aufeinander, dann endet das Spiel entweder 0:0 – oder Italien gewinnt. Das soll sich ändern am Samstagabend. Dann will die DFB-Elf als Weltmeister mit einem Sieg gegen die Auswahl von Antonio Conte ins Halbfinale der EM 2016 in Frankreich einziehen.

Alle Geschichten kann man nicht erzählen. Im Zeitraffer. Bei der WM 1962 spielten die Deutschen mit den späteren Italien-Legionären Karl-Heinz-Schnellinger, Helmut Haller und Albert Brülls 0:0 gegen die Azzurri. Das half nicht viel. Die Mannschaft von Sepp Herberger reiste früh nach Hause. Bei der WM 1978 schafften die Deutschen wieder ein 0:0 gegen Italien. Uninteressant. Die Mannschaft von Helmut Schön flog früh aus dem Turnier nach einer historischen Niederlage gegen Österreich. Bei der EM 1996 gab es das dritte 0:0 gegen Italien. Die Mannschaft von Berti Vogts wurde Europameister. Wenn man nach einem guten Omen sucht: Da ist es. Nur dass es sich am Samstagabend um ein K.o.-Spiel handelt: Da müsste das Team von Jogi Löw dann nach einem 0:0 n. V. zumindest das Elfmeterschießen gewinnen.

Revanche missglückt

Die Serie der vier großen Turnierniederlagen der Deutschen gegen die Italiener beginnt mit dem zum „Jahrhundertspiel“ gekürten Halbfinale bei der WM 1970 in Mexiko. Damals war ich 13 Jahre alt. Das WM-Finale 1966 hatte sich präzise an meinem 9. Geburtstag ereignet. Nach dem deutschen 2:4 gegen England mit dem berühmten „Wembleytor“ dachte ich, ein solches Unglück könne sich niemals mehr wiederholen. Und dann kam vier Jahre später diese „Sonnenschlacht“ im Azteken-Stadion von Mexiko-City. 3:4 n. V. gegen Italien. Die beiden Aufstellungen kenne ich heute noch nahezu auswendig. Die Torfolge sowieso. Und die Bilder, wie sich Franz Beckenbauer in der Verlängerung mit seinem verletzten linken Arm in der weißen Schlinge übers Feld schleppte, sind allgegenwärtig. Da war das frühe 0:1 durch Roberto Boninsegna, das unermüdliche Anrennen gegen den überragenden Torwart Enrico Albertosi, zwei nicht gepfiffene Elfmeterszenen, die nervende Zeitschinderei der Italiener, der erlösende Ausgleich in der 90. Minute durch Schnellinger. „Ausgerechnet Schnellinger“, kommentierte TV-Reporter Ernst Huberty trocken; Schnellinger verdiente sein Geld im Trikot des AC Mailand. In der Verlängerung das vermeintlich entscheidende 2:1 durch Gerd Müller, das 2:2 durch Stopper Tarcisio Burgnich, das 3:2 durch Müller, das 3:3 durch den Torjäger mit dem kantigen „Mafia-Gesicht“, Luigi Riva. Und dann das 3:4 in der 112. Minute durch Schnellingers Klubkameraden Gianni Rivera; der elegante Spielmacher, damals zur Halbzeit eingewechselt für seinen großen Inter-Konkurrenten Sandro Mazzola, kickte 19 Jahre für den AC Mailand.

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Dann kam das Finale der WM 1982 in Spanien. Madrid. Bernabeu-Stadion. Deutschland gegen Italien. Es sollte die Revanche werden für 1970. Doch die deutsche Mannschaft hatte bei diesem 1:3 keine Chance. 0:1 (56.) durch den kleinen Torjäger Paolo Rossi, 0:2 (68.) durch den feinen Mittelfeldarbeiter Marco Tardelli, 0:3 (80.) durch den langen Mittelstürmer Alessandro Altobelli. Und dabei hatte Verteidiger Antonio Cabrini in der 24. Minute noch einen Foulelfmeter verschossen gegen Torwart Harald „Toni“ Schumacher. Der scharfkantige Verteidiger Claudio „die Guillotine“ Gentile schaltete den nicht fitten Karl-Heinz Rummenigge aus, der intelligente Guiseppe Bergomi ließ im Mittelfeld Spielmacher Paul Breitner nicht zur Entfaltung kommen. Den Rest erledigte die Torhüterlegende Dino Zoff.

Dann kam das „Sommermärchen“. WM 2006 in Deutschland. Halbfinale in Dortmund: Deutschland gegen Italien. 0:0 nach 90 Minuten. Die Verlängerung. Alles deutete auf ein Elfmeterschießen hin. Doch dann verhielt sich Michael Ballack, der sich in der Offensive gegen den gnadenlosen Gennaro Gattuso stark zurück hielt, im eigenen Strafraum passiv – und Linksverteidiger Fabio Grosso traf mit einem Schrägschuss zum 0:1. Ein Schockmoment. In der 119. Minute. Sekunden später legte der eingewechselte Alessandro del Piero noch das 0:2 nach. Trainer Jürgen Klinsmann hatte taktisch keine Antworten gefunden auf das flexiblere Spiel des Gegners. Von den damaligen Mannschaften sind am Samstagabend noch Torhüter Gianluigi Buffon (Lorenzo Buffon, ein Cousin des Großvaters von Gianluigi, stand beim 0:0 bei der WM 1962 im italienischen Kasten) sowie Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski dabei.

Wieder gegen das gleiche Bollwerk wie 2012, aber ohne Pirlo

EM 2012. Ausrichter: Polen/Ukraine. Halbfinale in Warschau. Deutschland gegen Italien. Jogi Löw setzte den jungen Toni Kroos auf den genialen Spielmacher Andrea Pirlo an. Das funktionierte überhaupt nicht. Pirlo spielte aus der Tiefe heraus die wichtigen Pässe. Und der verrückte Angreifer Mario Balotelli markierte zwei wunderschöne Tore. Die DFB-Elf unterlag mit 1:2. Die Italiener waren taktisch besser eingestellt. Und der Defensivblock um Gianluigi Buffon, Leonardo Bonucci, Andrea Barzagli, Giorgio Chiellini und Mittelfeldabräumer Daniele de Rossi stand wie in Beton gegossen. Dieses in die Jahre gekommene - unendlich erfahrene, zweikampfstarke und stellungssichere - Bollwerk werden die Deutschen auch im EM-Viertelfinale am Samstagabend zu bespielen haben. Aber: Andrea Pirlo ist nicht mehr dabei – und Toni Kroos befindet sich gerade auf dem Weg, die damals herausragende Stellung des italienischen Passkönigs im Weltfußball für sich zu erobern.