Rehberg: Der Videobeweis hat keine Geburtsschwierigkeiten mehr

Das Videoassistcenter in Köln. Foto: dpa

Die Kritik an der inzwischen chaotischen Anwendung des Videobeweises ist berechtigt. Eine unverständliche Entscheidung reiht sich an die nächste. Über die Fehler im System...

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. Dieter Hecking hielt am vergangenen Samstag einen merkwürdigen Vortrag. Alle Beteiligten würden dem Videobeweis keine Chance geben, deklamierte der Gladbach-Trainer mit versteinerten Gesichtszügen. Wenn man diesem Projekt nicht die nötige Entwicklungszeit einräume, dann laute seine Prophezeiung: „Dann wird das Projekt an Weihnachten eingestellt.“ Hecking wollte damit sagen: Nicht die Irrungen und Wirrungen der Schiedsrichterzunft tragen die Schuld daran, dass die technische Überprüfung von Schiri-Entscheidungen in Verruf geraten ist, sondern die ständigen Mäkeleien und Meckereien von Trainern, Spielern und Medienschaffenden.

Das ist eine sehr eigenwillige Einlassung. Das Gegenteil ist richtig. Die Kritik an der inzwischen chaotischen Anwendung des Videobeweises ist in hohem Maße berechtigt. Über die Fehler im System stillschweigend hinwegzugehen, das würde dem Projekt überhaupt nicht helfen. Tatsache ist, dass die Schiedsrichter und deren vermeintliche Helfer im Kölner „Darkroom“ aktuell völlig überfordert sind. Eine unverständliche Entscheidung reiht sich an die nächste. Was dazu führt, dass man von manipulierten Bundesliga-Ergebnissen sprechen kann, vielleicht sogar muss.

Die Projektleiter in der DFB-Zentrale haben den Überblick verloren

Das sind längst keine Geburtsschwierigkeiten mehr. Die Projektleiter in der DFB-Zentrale haben den Überblick verloren. Das soll mühsam kaschiert werden. Statt sich in regelmäßigen Abständen mit Vertretern der Trainer- und der Spielerzunft zu einem konstruktiven Erfahrungsaustausch zu treffen, nimmt der Projektleiter Hellmut Krug still und heimlich und ohne flächendeckende Diskussion Anpassungen vor und kommuniziert diese ausschließlich über einen Brief an die Vereine. DFB-Boss Reinhard Grindel erfährt davon, wann auch immer, und als das Ärgernis öffentlich wird, streicht er diese Anpassung ersatzlos. Die Kölner Videoüberwacher sollten ursprünglich nur bei krassen Fehlentscheidungen einschreiten. Das änderte Krug um, die neue Formulierung lautete: Einschreiten bei „schwierigen Situationen“. Damit wurde die Sache nur noch schwammiger. Jetzt gilt wieder die krasse Fehlentscheidung.

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Und Hellmut Krug? Der Verantwortliche für dieses Chaos bleibt im Amt. Krug muss zwar die Elite-Kommission der Schiedsrichter verlassen - weil er nach Erkenntnissen der Ethik-Kommission offenbar im Umgang mit den Unparteiischen nicht immer objektiv und nachvollziehbar geurteilt hat -, aber er bleibt Chef des aus der Kurve geflogenen Videoassistenten-Projekts. Das verstehe, wer will. Transparenz? Nicht erkennbar. Welchen konkreten Anteil hat Krug an der Unzufriedenheit einiger Schiris wegen der unübersichtlichen Förderung und Auswahl von Kollegen? Welchen konkreten Anteil hat Krug am Schlingerkurs der Videoassistenten? Da herrscht beim DFB das große Schweigen.

Krug sollte seinen Rücktritt erklären

Hellmut Krug sollte seinen Rücktritt erklären. Tut er das nicht, dann sollte Grindel diesen Chefposten neu besetzen. Ansonsten duldet der DFB an einer zentralen Stelle, die maßgeblich Spielausgänge beeinflusst, einen Entscheider, der sich gerade massiven Vorwürfen erwehren muss: Vetternwirtschaft, Machtmissbrauch, Mobbing, selbstherrliche Entscheidungen, mangelhafte Planung und Durchführung sowie chaotische Prozessbegleitung beim Videoassistenten-Projekt. Das genügt. Das internationale Ansehen der deutschen Schiri-Zunft hat gelitten. Der DFB muss in dieser Angelegenheit über die Bücher gehen, den Videobeweis entweder stoppen und neu überdenken, zumindest eine neue Führungscrew einsetzen. Im ersten Anlauf ist das Projekt gescheitert. Wenn inzwischen selbst im Kölner Darkroom nach Studium diverser Zeitlupen aus unterschiedlichen Kameraperspektiven klare Fehlentscheidungen toleriert oder getroffen werden, dann ist etwas faul an diesem begrüßenswerten Hilfsmittel.