Rehberg: Der Schiri ist mal wieder der Böse

Freiburg-Trainer Christian Streich (links) im Verbal-Duell mit Schiedsrichter Tobias Stieler. Foto: dpa

Die deutschen Schiedsrichter kommen nicht raus aus den Diskussionen. Diesmal hat es Tobias Stieler hart getroffen. Der Jurist aus Hamburg hat auf Schalke Nils Petersen vom Platz...

Anzeige

. Die deutschen Schiedsrichter kommen nicht raus aus den Diskussionen. Diesmal hat es Tobias Stieler hart getroffen. Der Jurist aus Hamburg hat auf Schalke Nils Petersen vom Platz gestellt. Gelb-rot. Das hat Trainer Christian Streich derart erzürnt, dass er an der Seitenlinie von drei Mitarbeitern daran gehindert werden musste, wild schimpfend und mit verzerrten Gesichtszügen auf den Schiri loszugehen. Nach dem Abpfiff verstieg sich Streich dazu, dass Stieler genau da weitergemacht habe, wo er kürzlich in Stuttgart aufgehört habe. Dort hatte Stieler schon nach wenigen Spielminuten einem Freiburger - nach einem eher unglücklichen Handspiel als letzter Mann - die Rote Karte unter die Nase gehalten.

Hat man sich am Osterwochenende so durch die TV-Sender gezappt, dann ist aufgefallen: Alle Experten waren sich einig darin, dass Stieler der böse Mann war. Nun ist es möglich, dass Petersen nicht wahrgenommen hat, dass ihm der Schiri die Gelbe Karte gezeigt hatte. Die Aktion geschah im Rücken des Stürmers. Der Schiri sagt, er habe Petersen kurz am Ärmel gezupft und ihm zugeraunt: „Gelb, Nummer 18.“ Das hat der Torjäger womöglich nicht gehört.

Aber das ist ja kein Freibrief dafür, dass ein Spieler den Schiri ein paar Sekunden später mit unfreundlichen Worten überhäuft. Hätte Petersen im Bewusstsein, bereits verwarnt zu sein, in der Folge nicht oder weniger heftig gemeckert? Das wissen wir nicht. Von daher war auch der Wutausbruch des einstigen Gymnasiallehrers Streich maßlos übertrieben. Der impulsive Trainer hätte ja auch auf seinen Stürmer sauer sein können. Motto: Was soll die anhaltende, durchaus herablassende, uns Zeit kostende Maulerei beim Rückstand von 0:1?

Man sollte schon ab und zu darauf hinweisen, dass Spieler den Schiris die Arbeit nicht eben erleichtern. Ganz davon abgesehen, dass der Unparteiische auch nicht medial dazu gezwungen werden muss (verpflichtet ist er dazu nach dem Regelwerk tatsächlich nicht), einem sich abwendenden und davontrabenden Spieler wie ein Hündchen hinterherzurennen, um ihm endlich die Karte vors Gesicht halten zu dürfen. Aus Petersen also den untadeligen Sportsmann zu machen, dem fürchterliches Unrecht geschehen ist, das passt nicht. Zwei Ereignisse aus zwei Spielen miteinander zu verknüpfen, das war von Streich keine Heldentat. Das suggerierte: Dieser Schiri will uns dauerhaft benachteiligen…

Anzeige

Kommen wir zum Abseits. Hannover 96 wurde gegen RB Leipzig der Treffer zum möglichen 3:3 aberkannt. Videobeweis. Es ging um eine knappe Fußlänge. Der Videoassistent soll eingreifen, wenn es sich um eine krasse Fehlentscheidung handelt. Eine Fußlänge im Abseits ist mit dem menschlichen Auge in Echtzeit nur zufällig wahrnehmbar. Das Schiri-Gespann hatte gleiche Höhe angenommen. Selbst die Zeitlupe klärte die Sachlage später nicht zweifelsfrei auf. Auch nicht das Standbild. Der Videoassistent hatte, gemäß der jüngsten Vereinbarung, keinen Grund, sich einzumischen. Beim Topspiel in München hatte sich der Videoassistent rausgehalten beim 1:0 für den FC Bayern gegen Borussia Dortmund. Da durfte man annehmen, dass sich der Torschütze Robert Lewandowski beim Pass von Thomas Müller womöglich ein paar Zentimeter mit dem Oberkörper im Abseits befand. Eine krasse Fehlentscheidung? Nein. Also zählte der Treffer. So sollte es sein.

Als Schiri Bastian Dankert kurz darauf nach einem Hinweis des Videoassistenten das 2:0 für die Münchner annullierte, weil James in einer ähnlich knappen Abseitsstellung die Kugel noch mit der Hacke berührt haben soll (dazu lieferte die Zeitlupe nicht mehr als eine gewisse Wahrscheinlichkeit), da schrie der Sky-Reporter auf. Und als James schließlich das 2:0 markierte, da jaulte der Sky-Experte: Mats Hummels habe womöglich in knapper Abseitsstellung den Torhüter irritiert. Unnötige Aufregung. Auch die Berichterstatter sollten sich darauf einstellen, dass der Videoassistent nicht zuständig ist für extrem enge Situationen, in denen es für den Schiedsrichter um Abseits-Zentimeter oder um Szenen mit größerem Interpretationsspielraum geht.