Rehberg: Der Parallelwettbewerb des Martin Schmidt

Martin Schmidt in der Coface Arena. Archivfoto: dpa

Magische Nächte im Europapokal. Eine Gruppe mit drei internationalen Gegnern. Das ist das Ziel, das die 05er ab sofort verfolgen. Zum Erreichen dieses Ziels stehen noch zwei...

Anzeige

. Wenn negative Ergebnisse die nächsten Aufgaben belasten, dann braucht es Kreativität. Martin Schmidt hat einen Parallelwettbewerb aufgemacht. Raus aus der nervigen Gedankenstruktur, welche grandiosen Chancen seine Mannschaft in den vergangenen vier Wochen liegen gelassen hat im Liga-Betrieb. Rein in eine neue Welt im Hier und Jetzt - mit neuen Chancen und einem großen Ziel. Eine Art Pokalrunde mit Halbfinale und Finale. Das Semifinal startet an diesem Samstagnachmittag in der Daimler-Arena: VfB Stuttgart gegen den FSV Mainz 05. Setzen sich die 05er dort durch, dann steigt acht Tage später in der Coface Arena das Endspiel: Mainz 05 gegen Hertha BSC Berlin.

Die Idee des Trainers setzt einen spannenden Reiz. Aktuell haben die 05er als Tabellensiebter drei Punkte Rückstand gegenüber den auf dem fünften Platz stehenden Berlinern. Zur Tordifferenz. Hertha: plus eins. 05: plus zwei. Das heißt: Gewinnt die Schmidt-Elf in Stuttgart, und feiern die Berliner im Heimspiel gegen Darmstadt 98 keinen Kantersieg, dann liegt für die 05er am letzten Spieltag die Chance auf dem Tisch, mit einem Heimsieg die Hertha zu überholen. Und das würde bedeuten: Die Mainzer hätten in der Bundesliga mindestens Platz sechs sicher – und das wäre der direkte Einzug in die Gruppenphase der Europa League. Eine überragende Aussicht. Kein Qualifikationsstress, eine wesentlich einfacher zu planende Sommer-Vorbereitung, eine Antrittsprämie von 2,4 Millionen Euro sicher im Sack, garantierte zusätzliche Einnahmen (Eintrittskarten und Vermarktung) aus mindestens drei Heimspielen. Und darüber hinaus der größte Erfolg in der Klubgeschichte.

Finale um Europa gegen die Hertha

2005/06 standen die 05er im Uefa-Pokal mal an der Schwelle zur Gruppenphase. Da hatten die Mainzer in der ersten Quali-Runde den FC Mika Aschtarak aus Armenien ausgeschaltet. In der zweiten Runde eliminierten die 05er die Isländer von IB Keflavik. In der ersten Hauptrunde scheiterte die Mannschaft von Jürgen Klopp dann am FC Sevilla (0:0 und 0:2). Die Spanier zogen in die Gruppenphase ein - und sie holten sich am Ende den Cup. Am Donnerstagabend hat Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool nach einem 3:0 im Halbfinal-Rückspiel gegen den FC Villareal das Finale in der Europa League 2016 erreicht. Der Gegner am 18. Mai in Basel: der FC Sevilla. „Walk on, walk on“, skandierten die Liverpool-Fans an der Anfield Road.

Anzeige

Magische Nächte im Europapokal. Eine Gruppe mit drei internationalen Gegnern. Das ist das Ziel, das die 05er ab sofort verfolgen. Dass der Halbfinalgegner im „Schmidt-Wettbewerb“ in höchster Abstiegsnot steckt, das ist bekannt. Der VfB steht unter Siegzwang. In der Vorsaison hatten die Stuttgarter das am 32. Spieltag in einer ähnlich bedrohlichen Lage geschafft im Heimspiel gegen die Mainzer. 2:0. Da hatte das bereits gerettete 05-Team kein großes Ziel mehr. Diesmal schon: Ein Finale gegen Hertha BSC.

Bis auf den gesperrten Leon Balogun und den verletzten Yoshinori Muto kann der 05-Coach wieder auf alle Leistungsträger zurückgreifen. Die Abwehr dürfte stehen mit dem formstarken Torhüter Loris Karius sowie Giulio Donati, Niko Bungert, Stefan Bell und Geatan Bussmann. Im defensiven Mittelfeld arbeiten Kapitän Julian Baumgartlinger und Danny Latza. In der offensiven Dreierreihe darf man ausgehen von den Tempobolzern Christian Clemens, Yunus Malli und Karim Onisiwo. Der Stoßstürmer ist Jhon Cordoba. Die Flügelstürmer Jairo und Pablo de Blasis, die in den vergangenen vier Wochen an Form eingebüßt haben, wären dann interessante Einwechseloptionen. Personell hat Schmidt also keine Probleme.

Negative Gedanken beim VfB hervorrufen

Worum geht es in einem Halbfinale gegen einen bis an die Zähne bewaffneten Gegner, der nervlich aber vor einer gewaltigen Bewährungsprobe steht? Die 05er müssen ihr Spiel durchziehen. Die 05er müssen sich auf ihre ureigenen Stärken stützen. Konsequent und kompromisslos. Mit Leidenschaft und Verstand. Es geht darum, die mit Geschwindigkeit gesegnete Offensive des VfB konzentriert zu verteidigen. Und es geht darum, die Defensivschwächen der Stuttgarter aufzudecken. Und natürlich geht es auch darum, den Gegner im Verlauf der 90 Minuten immer stärker daran zu erinnern, dass es ihm gerade überhaupt nicht gut geht. Wie man das schafft? Wenig Torchancen zulassen, viele Bälle erobern in den relevanten Zonen, Pfeile abschießen in der Umkehrbewegung. Und Abschlussaktionen erzwingen. Ohne Präsenz im gegnerischen Strafraum gewinnt in Europa nur eine Mannschaft, und das ist Atletico Madrid.

Wenn der VfB nach vorne nicht durchkommt, wenn der VfB Zweikämpfe verliert und wenn der VfB möglichst oft auf den Mainzer Sprintbahnen hinterrennen muss, dann beginnt das kritische Stuttgarter Publikum zu maulen – und dann steigen die Chancen der 05er. Dann melden sich in den belasteten Köpfen der VfB-Profis die insgesamt 69 Gegentreffer und die acht Heimniederlagen in dieser Saison; die Stuttgarter sind die schwächste Heimmannschaft der Liga. Von selbst ergibt sich das nicht. Die 05er müssen mit einer aggressiven, mutigen und konstruktiven Herangehensweise die negativen Gedanken beim Gegner provozieren und die eigenen positiven Gefühle beflügeln. Das ist der Auftrag. Der Lohn wäre ein Endspiel gegen die Hertha. Danach eine Europapokalfeier. Und das im Rahmen einer emotionalen Abschiedsparty für den nach 24 Jahren scheidenden 05-Manager Christian Heidel.