Rehberg: Der "kurze Abstoß" und die Folgen

19.07.2019, Schweiz, Sion: Fußball: Super League, Schweiz, 1. Spieltag, FC Sion - FC Basel im Tourbillon Stadion: Patrick Luan dos Santos (l) von Sion erzielt das Ausgleichstor zum 1:1. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Beim Abstoß muss der Ball nicht mehr den Strafraum verlassen, bevor ein Spieler die Kugel berühren/annehmen darf - Regeländerung im Fußball, gültig seit 1. Juli. Schon...

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. Mannschaften, die Wert legen auf ein sehr aggressives Angriffspressing, werden die Regeländerung in ihre taktischen Planungen einbeziehen. Wenn diese Pressingmaschinen sehen, dass beim Gegner ein technisch nicht überragender und auch nicht sonderlich wendiger Innenverteidiger sechs, sieben, acht Meter vom eigenen Torwart entfernt mit einem Abstoß angespielt wird, dann stürzt sich der anlaufende Stürmer explosiv auf den Ballführenden. Der Innenverteidiger hat wenig Raum, er hat keine guten Passwinkel, er gerät unter Zeit- und damit unter Entscheidungsdruck – und wenn in diesem Raum ein Fehler passiert, dann steht der attackierende Angreifer unmittelbar vor einer prächtigen Torchance.

Wege zum gegnerischen Tor werden kürzer

Der kurze Abstoß verlängert das zu bespielende Feld für eine weit nach vorn verschoben pressende Mannschaft um fünf bis acht Meter. Gleichzeitig werden die Wege zum gegnerischen Kasten im Pressingerfolg kürzer. Das ist ein Faktor. Für den unter Druck geratenden Innenverteidiger wird im Falle eines unkontrollierten langen Schlages der Weg weiter, will er die Kugel sicher und weit genug aus dem torgefährlichen Raum befördern. Auch das ist ein Faktor.

Auf der anderen Seite geht die den Ball attackierende Mannschaft aber auch ein noch größeres Risiko ein. Die Pressingabläufe sehen vor, dass dem anlaufenden Stürmer eher selten eine direkte Balleroberung gelingt. Meistens stört er „nur“ den gegnerischen Spielaufbau. Und dann erfolgt der Ballgewinn über die extrem aus dem Mittelfeld nachschiebende zweite Reihe. Die muss nun beim kurzem Abstoß so weit nach vorne durchschieben, dass im Rücken der zweiten Pressingreihe noch mehr Wiese freibleibt als bisher schon.

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Das heißt: Wer nach einem kurzen Abstoß die ersten beiden gegnerischen Pressingwellen kontrolliert, sicher, technisch präzise überwindet, sei es aus dem Kombinationsspiel heraus oder mit gechippten Flugbällen, der kann in große bespielbare Räume vordringen und mit einem entsprechend gut organisierten offensiven Umschaltverhalten zügig Überzahlsituationen herstellen gegen die dünne Restverteidigung des Gegners. Denn es ist nicht einfach, ein „verlängertes“ Spielfeld mit zehn Feldspielern und möglichst kurzen Abständen zwischen den Mannschaftsteilen sicher abzudecken. Auch das ist ein Faktor.

Torwart gefordert

Absehbar ist zudem, dass der Torwart künftig noch bessere technische Fähigkeiten am Ball ausweisen muss. Denn wenn er nach einem kurzen Abstoß von seinem unter Druck geratenen Abwehrspieler die Kugel direkt wieder zurückbekommt, dann wird auch der Keeper sofort gepresst werden. Da er in diesem Fall das Spielgerät nicht mit den Händen aufnehmen darf, ist er gezwungen, in einem noch engeren Raum die Kugel mit den Füßen noch schneller und vor allem technisch sicherer zu verarbeiten.

Diese Regeländerung, sagt die Fifa, soll dazu beitragen, das Spiel weiter zu beschleunigen. Wir werden das beobachten. Gut möglich, dass der kurze Abstoß wegen der potenziellen gravierenden Fehlerquellen gar nicht oft zur Anwendung kommt. Und wenn doch, dann wird womöglich der lange Schlag zur Überwindungen von Pressinglinien wieder salonfähig. Auf jeden Fall ist der kurze Abstoß eine das Spiel belebende Regeländerung.