Rehberg: Der Fußball der Konzerne und die Bundesliga

Weiter heiß umstritten ist die 50+1-Regel im deutschen Fußball. Und Reinhard Rehberg berichtet, dass Experten dieser Regel nur noch eine begrenzte Haltbarkeit vorhersagen.

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. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bleibt ein heiß diskutiertes Thema im deutschen Profifußball. Die 50+1-Regel, wonach ein Mäzen oder Investor in einem Fußballunternehmen nicht die Stimmenmehrheit haben darf, ist und bleibt umstritten. Ausgehöhlt ist diese Vereinbarung bereits. Wenn ein Wirtschaftsunternehmen einen Klub seit 20 Jahren kontinuierlich unterstützt, dann greift die 50+1-Regel nicht mehr. Auf diesem Weg konnte etwa der Milliardär Dietmar Hopp Besitzer der TSG Hoffenheim werden.

Längst wird an vielen Fußballstandorten diskutiert, ob sich dieser Zug noch aufhalten lässt. Professor Dr. Volker Tolkmitt von der Wirtschafts-Hochschule Mittweida behauptet dieser Tage: Nein! Die 50+1-Regel werde nur noch so lange geduldet, so lange die Bundesliga im europäischen Vergleich gut mithalten kann. Im Prinzip steht in dieser Rangliste nur die englische Premier League, die sich mit TV-Geldern enorme wirtschaftliche Vorteile erarbeitet hat, vor der Bundesliga. In der Premier League kassiert der Tabellenletzte signifikant mehr Fernsehgeld als der Deutsche Meister und Branchengigant FC Bayern München.

In England sorgt das bislang aber nicht für eine höhere Fußballqualität. Im Moment ist zu beobachten, dass mittelprächtige englische Klubs bereit sind, für eine mittelprächtige Spielerqualität (oft aus dem Ausland) enorme Ablösesummen und enorme Gehälter zu bezahlen. Da stellt sich die Frage: Macht das Sinn?

Lücke zu den Top-Sechs wird nicht kleiner

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Übertragen auf die deutschen Verhältnisse lässt sich urteilen: Nein! Denn absehbar ist: Fließt künftig noch mehr Wirtschaftskohle in die Bundesliga, dann wird sich am sportlichen Wettbewerb und an der Produktqualität nicht viel ändern. Profitieren werden die mittelprächtigen Spieler, deren Gehälter steigen. Aber an der Tabellenkonstellation wird sich nicht viel ändern. Die Klubs, die jetzt groß sind, werden groß bleiben oder noch größer werden. Die Kontrahenten dahinter werden ihre Personaletats aufstocken, die Lücke zu den Top-Sechs wird sich aber nicht verkürzen lassen.

Das lässt den Schluss zu: Die Wirtschaftskohle zementiert den Status quo, zwingt aber den tabellarischen Mittelbau in einen neuen Verdrängungswettbewerb. Das heißt: Jeder Klub, der aktuell die Chance hat, einen schon längerfristig engagierten Werbepartner als Investor zu gewinnen, kann sich vom Mittelmaß abheben - und setzt damit andere Klubs aus der Mitte wirtschaftlich und sportlich unter Druck.

Neue Geldquellen für Konkurreznzfähigkeit im Mittelfeld

Bezogen auf die 05er bedeutet das: An dem Tag, am dem etwa die 100-prozentige Red-Bull-Marke RB Leipzig in die Bundesliga eingezogen ist und darüber hinaus noch Hannover 96, die Frankfurter Eintracht, der 1.FC Köln, der Hamburger SV oder der VfB Stuttgart von potenten Geldgebern gepampert werden, verändert sich die wirtschaftliche Konkurrenzsituation hinter den Top-Sechs.

Das würde die Mainzer näher an die Abstiegszone katapultieren. Und das heißt: Die 05er müssten neue Geldquellen erschließen, nur um den Personaletat anzuheben - und nur um damit im Tabellenmittelfeld konkurrenzfähig zu bleiben.

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Bislang erhalten sich die 05er ihren Status als etablierter Erstligist mit Platzierungen im Tabellenmittelfeld durch kluge Transferaktivitäten. Preiswert sportliches Potenzial einkaufen, weiterentwickeln, auf dem Markt gefragte Leistungsträger teuer verkaufen, den Kader sukzessive in der Breite verstärken, Transferüberschüsse erzielen, sukzessive die Infrastruktur verbessern. Dieses Modell greift.

Mit guter Arbeit schaffen sich die Mainzer seit Jahren sogar sportliche Vorteile gegenüber dem ein oder anderen wirtschaftlich um zehn bis 15 Millionen Euro besser aufgestellten Klub. Sollte sich die Kluft zu den unmittelbaren Konkurrenten im Mittelbau aber wieder extrem vergrößern - etwa auf 20, 30 oder 40 Millionen Euro Unterschied -, dann wird sich das alleine über eine geschickte Transferpolitik nicht mehr ausgleichen lassen.

Neun Spielzeiten - eine beeindruckende Leistung

So ließe sich sagen: Mainz 05 müsste für die Vermeidung von knallharten Abstiegskämpfen seinen "normalen" Bundesligaspielern signifikant mehr bezahlen. Aktuell liegt das Gehaltsniveau am Bruchweg bei einer Größenordnung zwischen einer und zwei Millionen Euro pro Spieler und Jahr. Und damit sind die Grenzen der Machbarkeit über Zuschauer- und Marketingeinnahmen inklusive kluger Transferpolitik erreicht. Und man darf nie vergessen: Die 05er akzeptieren auf diesem Weg seit Jahren, dass immer wieder Leistungsträger den Klub verlassen, dass eine eingespielte Mannschaft nie zusammenbleibt. Vor diesem Hintergrund sind neun Bundesligaspielzeiten seit dem Erstaufstieg 2004 eine beeindruckende Leistung.

Unterm Strich könnte man das Fazit ziehen: Das Geschrei nach Aushebelung der 50+1-Regel soll übertünchen, dass viele Traditionsklubs es nicht geschafft haben, ihre aktuellen wirtschaftlichen Möglichkeiten in einen adäquaten sportlichen Erfolg umzumünzen. Wenn daraus zu folgern ist, dass "normale" Bundesligaspieler künftig drei bis vier Millionen pro Saison schnappen sollen in einer verschärften Konkurrenzsituation, dann macht der Run auf Investoren aus der Privatwirtschaft, die in der Regel Einfluss nehmen wollen auf die Entscheidungen im Klub, keinen großen Sinn. Aber es ist nicht auszuschließen, dass sich die 05er eines Tages diesem Trend werden stellen müssen.

Dass der "normale" Bundesligastürmer Shinji Okazaki nun bei einem englischen Mittelbauklub wie Leicester City großes Geld verdient, das sei dem arbeitswütigen Japaner gegönnt. Zwingend nötig hat die Bundesliga diese Entwicklung hin zu einer verstärkten Einflussnahme durch finanzstarke Konzerne nicht.