Rehberg: Dauer-Klammergriff für die Hertha

Hängender Kopf nach der Niederlage gegen Leverkusen: Hertha-Spieler Ronny. Foto: dpa

Die Ablösung von Jos Luhukay war wohl überfällig. Damit kommt Hertha BSC wie am zehnten Spieltag der SV Werder Bremen mit einem neuen Trainer-Duo nach Mainz. Damals verloren...

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. Seit Mainz 05 im August 2009 den A-Junioren-Trainer Thomas Tuchel zum Chefcoach des Bundesligateams befördert hat, folgen immer mehr Klubs diesem Trend. Warum in der Ferne nach Hoffnungsträgern fahnden, wenn man glaubt, das Fach- und Führungstalent bereits im eigenen Haus sitzen zu haben? Die aktuelle Entwicklung bei Hertha BSC ist aber noch mal ganz speziell.

Die Ablösung von Jos Luhukay war wohl überfällig. Der kleine holländische General hat einen Großteil der Berliner Profis mit seinen Ausrastern, seiner mangelnden Kooperationsbereitschaft und seinem Defensivfanatismus genervt. Die Nachfolgeregelung ist eine echte Überraschung. Als Manager Michael Preetz die Doppellösung vorstellte auf der Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin, da musste ein Journalist erst mal nachfragen, wer denn nun überhaupt der amtliche Chef sei…

Keine Lizenz, aber zwei Interimsjobs

Pal Dardei. 38 Jahre alt, Rekordspieler der Hertha, bislang U15-Coach im Klub, des weiteren im Nebenjob Interimstrainer der ungarischen Nationalmannschaft, als Trainerlehrling derzeit noch ab und zu auf der Schulbank. Das hat es auch noch nicht gegeben: Ein zweifacher Interimstrainer ohne Lizenz (was nichts aussagt über dessen Fachkompetenz). Das Lehrbefugnispapier bringt Ko-Interimstrainer Rainer Widmayer mit, möglicherweise der ewigste Assistenztrainer aller ewigen Assistenztrainer. Der 47-Jährige macht diesen Job seit 2000, einige Jahre arbeitete er an der Seite von Krassimir Balakov (in Zürich und St. Gallen), einige Jahre an der Seite von Markus Babbel (in Stuttgart, Berlin und Hoffenheim).

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Babbel ist bei der Hertha entlassen worden nach Streitereien mit Preetz. Assistent Widmayer durfte danach als Interimschef zum Jahresausklang 2011 ein DFB-Pokal-Spiel coachen. Einzug ins Viertelfinale nach einem 3:1 gegen den 1.FC Kaiserslautern. Der FCK ersetzte ein paar Wochen später seinen Trainer Marco Kurz durch: Krassimir Balakov. Widmayer konnte den Bulgaren nicht unterstützen, er hatte da schon wieder einen neuen Job angenommen. Nicht weit entfernt von der Pfalz: Drei Wochen zuvor hatte Babbel bei der TSG Hoffenheim angeheuert, gemeinsam mit Assistent Widmayer. Das Duo wurde ein paar Monate später erneut beurlaubt. Wegen Erfolglosigkeit.

Siegt Hertha wie der SV Werder?

Nun also Dardei und Widmayer. Die Hertha-Nothelfer geben ihr Debüt in Mainz. Dort haben am 10. Spieltag Viktor Skripnik (bis dahin U23-Coach) und Torsten Frings bei ihrem Einstand als neues Bremer Trainergespann mit 2:1 gewonnen. Ausgesprochen glücklich, aber gewonnen. Vielleicht werten die Hertha-Verantwortlichen diesen Umstand und die weitere Entwicklung an der Weser als gutes Omen. Die Coface Arena als günstiger Einstiegsstandort für gegnerische Trainerdebütanten? Verlässlich belegt ist das durch dieses eine Beispiel nicht.

Pal Dardei hat als Spieler gegen die 05er mal ein Tor geschossen. 2007. Das 1:0 für die Hertha. Endstand im Berliner Olympiastadion: 1:2. Lange her. Die 05er stiegen damals dennoch aus der Bundesliga ab. Das droht 2015 den Berlinern. Die stehen auf einem Abstiegsplatz. Gerade mal vier Zähler entfernt von den Mainzern. Damit ist alles gesagt über die Bedeutung dieser Partie.

Die 05er haben sich mit vier Punkten aus den ersten beiden Rückrundenspielen stabilisiert. Die Hertha hatte beim 0:2 in Bremen keine echte Chance, beim jüngsten 0:1 gegen Bayer Leverkusen auch nur sehr bedingt. Das 5:0 der Mainzer gegen den SC Paderborn hatte noch Rob Reekers ausspioniert. Der Assistent von Luhukay hatte auf einem Journalistenplatz in der Coface Arena seitenweise Spielzüge skizziert und taktische Beobachtungen niedergeschrieben. Ob er den Analyseblock an Pal Dardai weitergereicht hat? Eher nicht.

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Dem Gegner von Beginn an weh tun

Die 05er wissen, was zu tun ist. Dem Gegner geht es nicht gut, aber er atmet durch nach dem im Kader herzlich begrüßten Trainerwechsel. Es wird darum gehen, der Hertha vom Anpfiff weg mit aggressiven Balleroberungen und Tempo im Angriffsdrittel weh zu tun und den Klammergriff nicht zu lockern. Vorteile ergeben sich nun mal nicht aus Serien-, Tabellen- oder Trainerkonstellationen, sondern aus der konkreten Arbeit auf dem Platz. Leidenschaft, Überzeugung und Leistung. Das ist und bleibt der Wegweiser.

Kasper Hjulmand hat inzwischen eine schlagkräftige Formation gefunden. Der nächste Schritt, und der wird gegen die neu auf- und eingestellte Hertha nötig sein, hat inhaltlich zu tun mit der Verlängerung der aggressiven Phasen. Gegen den SC Paderborn stellte die Elf zwischen der 20. und 45. Minute das gemeinschaftliche Pressing ein, in Hannover geriet die komplette erste Halbzeit zu schlapp im Druck auf den Ball.

Erkennbar ist: Die 05er bekommen dann Tempo und Wucht in ihr Offensivspiel, wenn die Mannschaft nach Balleroberungen direkt den ersten Pass ins Zentrum spielt und parallel dazu seitlich die Läufe in die Tiefe starten. Die Hertha wird auf überfallartige Konter setzen. Da bleibt das wirksamste Gegenmittel das Gegenpressing. Früh abgefangene Konterversuche münden oft gegen einen gerade kollektiv hinten rausrückenden Gegner in relativ unkompliziert erarbeitete eigene Torchancen. Mit Daniel Brosinski, Yunus Malli, Pablo de Blasis, Christian Clemens und Shinji Okazaki hat Hjulmand dafür geeignete Spezialisten auf dem Platz, die immer mehr Bindung zueinander finden.

Von Pal Dardei kennen wir bislang nur drei Ergebnisse, erzielt mit der ungarischen Nationalmannschaft: 1:1 in Rumänien, 1:0 gegen die Farörer (Torschütze: Adam Szalai) und 1:0 gegen Finnland. Das ließe sich interpretieren als eine Betonung der defensiven Stabilität. Kann also auch sein, dass die 05er im eigenen Ballbesitz Steine klopfen müssen.