Rehberg: Das Sorgenkind bleibt Ja-Cheol Koo

Ja-Cheol Koo nach dem HSV-Spiel. Foto: dpa

Der Koreaner Ja-Cheol Koo bringt seine PS nicht nachhaltig auf den Rasen. Punktuell ja, stabil über längere Phasen nein. Der 5-Millionen-Mann macht und tut. Aber Topform hat...

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. Wenn die 05er in Stuttgart auflaufen, dann macht es immer "pling": Dort haben die Mainzer im August 2004 das erste Bundesligaspiel bestritten in ihrer damals 99 Jahre dauernden Klubgeschichte. Nach dem 2:4 im Benz-Stadion dachte man, der Ausflug ins Paradies wird für das Team um Jürgen Klopp ein kurzes Abenteuer. Es kam ganz anders.

Die 05er sind dann drei Jahre später drei Spieltage vor Saisonende noch einmal in einer besonderen Situation beim VfB Stuttgart angetreten: Die Schwaben gewannen mit 2:0 - die Mainzer waren danach abgestiegen, und der VfB war am Ende unter Armin Veh der gefeierte Deutscher Meister 2007 und Champions-League-Teilnehmer (mit dem Ex-05er Antonio da Silva in der Mannschaft).

Diese Vorgeschichte erzählt, wie sehr sich die Gewichte verschoben haben zwischen den einst - sportlich und wirtschaftlich - weit von einander entfernten Klubs. Wir stehen 2015 wieder drei Spieltage vor Saisonende. Der VfB ist Tabellenletzter - und das Heimspiel gegen die auf zehn Punkte enteilten Mainzer ist für die Schwaben das erste von drei Endspielen im Abstiegskampf.

Die Elf von Huub Stevens kann sich keine Niederlage erlauben

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Endspiele deshalb, weil sich die Elf von Huub Stevens keine Niederlage mehr erlauben kann.

Wenn die 05er noch nach irgendeiner Art von Sondermotivation gesucht haben, dann hat die Robin Dutt geliefert. "Wir spielen ja nicht gegen Barca oder Chelsea", philosophierte der Stuttgarter Sportdirektor nach dem 2:3 auf Schalke. "Wir spielen gegen Mainz. Von daher ist meine Erwartungshaltung, dass wir dieses Spiel gewinnen."

Eine forsche Aussage für einen Tabellenletzten, der ja nicht unbedingt alle Spiele gewonnen hat gegen Klubs, die nicht Barca oder Chelsea sind. Dutt steigerte sich richtig hinein in seinen Radikaloptimismus. "Wir spielen gegen Mainz und dann gegen Hamburg, diese Spiele gewinnen wir. Und dann haben wir ein Endspiel in Paderborn. So einfach ist das für mich." Basta.

Da ließe sich anmerken: Einfach ist im Abstiegskampf mal überhaupt nichts. Auch nicht ein Heimspiel gegen Mainz 05. Schaut man sich die Leistungskurven beider Mannschaften an, dann sagt die Rückrundentabelle: 7. Mainz mit 18 Punkten, 17. Stuttgart mit 10 Punkten. Von den vergangenen zehn Spielen hat der VfB fünf verloren.

Die 05er haben in diesem Zeitraum (exakt für den ist Martin Schmidt verantwortlich) nur drei verloren. Und da ereignete sich die jüngste Niederlage gegen den HSV - auch wegen der schweren Verletzung von Elkin Soto - unter sehr unglücklichen Umständen.

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Der VfB muss etwas tun gegen die 05er. Der Defensivfanatiker Huub Stevens wird ein Spiel zu organisieren haben, in dem seine - in der Abwehr ausgesprochen fehlerhafte - Elf im eigenen Ballbesitz Ideen entwickeln muss. Das sollte dem Schmidt-Team besser liegen als die Konstellation gegen den HSV, als die Norddeutschen fast ausschließlich mit einem Betonblock verteidigten und ab zu mal einen Konter in Aussicht stellten.

In Stuttgart können sich 05er auf ihre Topstärken konzentrieren

In Stuttgart können sich die 05er wieder auf ihre Topstärken konzentrieren: Laufbereitschaft, Kampf, Leidenschaft, Pressing, gute Defensivorganisation, schnelles offensives Umschaltspiel.

Die 05er haben sich gegen den HSV an der Spielmacherrolle abgearbeitet. Das wird in Stuttgart nicht notwendig sein. Aber die Umschaltüberfälle müssen Zielstrebigkeit ausstrahlen. Der Sprinter Daniel Brosinski ist Rot-gesperrt. Pierre Bengtsson, ähnliches Verteidigerprofil, kann auch rechts verteidigen und Läufe in die Tiefe durchziehen, das macht er oft und gut in der schwedischen Nationalmannschaft. Jo-Hoo Park ist fit, der Koreaner kann wieder hinten links mit seinem Können im Passspiel flotte Umkehrbewegungen einleiten.

Jairo ist auf gutem Weg

Ansonsten: Der leichtfüßige Dribbler Jairo ist auf einem guten Weg, Tempodribbler Yunus Malli entscheidet selbst über seine Offensivwirkung, Shinji Okazaki ist der Arbeiter und Vollender.

Ein Sorgenkind bleibt Ja-Cheol Koo. Der Koreaner bringt seine PS nicht nachhaltig auf den Rasen. Punktuell ja, stabil über längere Phasen binnen der 90 Minuten nein. Der 5-Millionen-Mann macht und tut, Einsatzwillen kann man ihm nicht absprechen. Aber Topform hat er in seinen knapp eineinhalb Jahren in Mainz noch nie gezeigt.

In seinen guten Momenten besticht er mit seiner Ballsicherheit und mit seinen kurzen Drehungen und Wendungen, in den schwächeren Momenten fehlt dem Techniker Selbstvertrauen, Durchsetzungskraft, Behauptungswille. Dann streut Koo viele leichte Ballverluste ein. Mit der für ihn nicht optimalen Flügelposition hat das wenig zu tun.

Gegen den HSV kam von Koo wenig

Koo hat nicht das Profil "Grundliniensprinter". Koo ist stark in den Halbräumen, in den torgefährlichen Zonen, und da im Eins-gegen-Eins. Das kann er. Und das darf er. Gegen den HSV kam da wenig, sieht man von Koos Pfostenschuss ab. Gut möglich, dass der als Einwechselspieler starke Pablo de Blasis in Stuttgart dessen Aufgabe in der Startelf übernimmt. Koo muss sich steigern. Auch mental.

Er muss sich lösen von dieser für Mainzer Verhältnisse riesigen Ablösesumme, für die er nicht verantwortlich ist. Koo ist ein sensibler Mann. Vielleicht sollte er sich orientieren an der Malochermentalität von Okazaki. Wenn fußballerisch wenig gelingen will, dann weisen Kampf und einfache Aktionen den Weg.

Das gilt übrigens auch für Johannes Geis und Julian Baumgartlinger, die aktuell nicht auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft sind. Wechselgrübeleien spielen da mit Sicherheit eine Rolle, nicht nur, aber auch. Dass da im Falle Geis auch Thomas Tuchel mitmischt, der als Sabbatical-Trainer ja noch an die Mainzer gebunden ist, hat einen Beigeschmack.

Nehmen wir an, Tuchel sucht die emotionale Nähe zum Spieler und der Dortmunder Manager Michael Zorc hat parallel dazu die Aufgabe, mit einer fetten Gehaltssteigerung zu locken und die Ablösesumme zu drücken, dann wird das einen 21 Jahre alten Profi in dieser Entscheidungsphase mental und emotional beschäftigen. Und das ist nicht als Vorwurf zu verstehen.

Im Mercedes-Benz-Stadion wird eine fiebrige Atmosphäre herrschen. Der VfB kann sich daran berauschen, er kann am Erwartungs- und Ergebnisdruck aber auch zerschellen. Für beide Situationen müssen die 05er Antworten finden. Abstiegkampfmentalität ist da gefragt.