Rehberg: Das Rhein-Main-Derby - 90 knisternde Minuten

Kasper Hjulmand. Foto: dpa

Unterm Strich haben die 05er im fußballerisch nicht hochklassigen, aber von der ersten bis zur letzten Sekunde hoch intensiv umkämpften Derby gegen die Frankfurter Eintracht...

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. Rollen wir dieses über 90 Minuten aufregende, knisternd spannende, am Ende sogar dramatische Rhein-Main-Derby von hinten auf. Sekunden vor dem Abpfiff, es lief die vierte Nachspielminute, hatte die Frankfurter Eintracht die Kaiserchance in dieser wilden Partie. Alex Meier, ein Spezialist für den letzten Kontakt im Strafraum mit der Innenseite seines rechten Fußes, ballerte ohne Gegenwehr in Rücklage über den Kasten. Danach hatten die Profis vom Main das Gefühl, den verdienten Sieg verschenkt zu haben. 3:2 nach 0:2-Rückstand, auch diese Dramaturgie hätte gepasst am Dienstagabend.

Und es hatte auch eine Berechtigung, dass die 05-Spieler mit emotionalen Aufwallungen zu kämpfen hatten, die signalisierten, sie könnten zwei Punkte liegen gelassen haben bei diesem 2:2 in der Commerzbank Arena. Viel hat tatsächlich nicht gefehlt für den zweiten Bundesligasieg der Mainzer in der Bankenstadt. Ein 3:2 für die Gäste wäre auch nicht unverdient gewesen. Warum?

Erstens: In der 86. Minute lief Jonas Hofmann beim Stand von 2:2 alleine auf Kevin Trapp zu, doch der Mainzer Flügelstürmer scheiterte bei seinem Tunnelversuch gegen den Eintracht-Torhüter.

Zweitens: In der 72. Minute nahm Schiedsrichter Felix Brych nach einem Foul von Trapp an 05-Torjäger Shinji Okazaki eine mit Überzeugung gefällte Elfmeterentscheidung wieder zurück - nach einer verbalen Intervention seines Assistenten Stefan Lupp, der zuvor ein Offensivfoul von Vorarbeiter Daniel Brosinski erkannt haben wollte (ohne, dass der Linesman das mit seiner Fahne angezeigt hätte). Merkwürdig, kurios. Das raubte den 05ern die Riesenchance zum 3:1.

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Und drittens: Die Gäste vom Rhein waren in der zweiten Halbzeit die strategisch und spielerisch bessere Mannschaft. Die wenig strukturiert anrennende Eintracht öffnete gewaltige Freiflächen im Mittelfeld und an den Seitenplanken, doch die 05er zogen ihre offensiven Umschaltchancen nicht konsequent durch. Mit etwas mehr Ruhe und Passqualität im Zentrum, mit etwas mehr Zielstrebigkeit und Genauigkeit beim letzten Kontakt vom Flügel aus hätten die 05er ihren Gegner zwischen der 60. und 86. Minute einsargen können. Speziell Außenverteidiger Junior Diaz hatte teilweise 30, 40 Meter freien Raum vor sich auf seiner linken Seite, doch der defensiv überragende Streetfighter brachte bei seinen Flanken die Kugel nicht an den im Strafraum postierten Mann.

05er als Effektivitätsmonster

Auch das war kurios. Ihre gegen den Ball wacklige und im eigenen Ballbesitz schlampige erste Halbzeit gewannen die 05er mit 2:1. Ihre taktisch und spielerisch stabile zweite Halbzeit verlor das Team von Kasper Hjulmand mit 0:1. Aus den oben geschilderten Gründen. Und weil sich beim Treffer zum 2:2 keiner der Abwehrspieler zuständig fühlte für den kopfballstarken Mittelstürmer Haris Seferovic - und das nach einer hohen Freistoßflanke, die so lange unterwegs war, dass es wirkte, als sei die Kugel am Frankfurter Flughafen gestartet.

Unterm Strich haben die 05er in diesem fußballerisch nicht hochklassigen, aber von der ersten bis zur letzten Sekunde hoch intensiv umkämpften Derby eine bemerkenswerte Mentalität auf den Platz gebracht. Die Gelassenheit, mit der die Hjulmand-Elf bis zur Pause die Aggressivität und die Tempobolzerei der Eintracht aushielt, ohne ernsthaft ins Wanken zu geraten trotz fehlender eigener konstruktiver Spielentwicklung, ist eine Qualität. Die beiden Tore in der 41. und 44. Minute wiesen die 05er erneut als Effektivitätsmonster aus. Ein gelungener Pass in die Tiefe, das 1:0 durch Jonas Hofmann. Ein Offensivpressingerfolg mit eiskaltem Abschluss, das 2:0 durch die Arbeits- und Tormaschine Okazaki. Wie aus dem Nichts. Durchaus glücklich, die Eintracht hatte zuvor die bessere Chancen. Doch seit dem 3:1 der 05er in Berlin und dem 2:0 gegen Borussia Dortmund lässt sich sagen: Hjulmands auf Geduld setzendes Spielmodell hat Methode.

Hjulmand stellt zur Pause um

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Die Eintracht griff an im 4-4-2 mit Mittelfeldraute. Der brasilianische Techniker Lucas Piazon auf der Zehnerposition (gegen den Ball auch in einer wirkungsvollen Stoppfunktion gegen den Spieleröffner Geis), Meier und Seferovic als wuchtige, aber nicht unbedingt bewegliche Doppelspitze. Und an den Seiten ließ Thomas Schaaf auch oft zwei Mann ankurbeln. Die 05er verteidigten sehr flexibel. Yunus Malli und Filip Djuricic hatten im Zentrumsverdichtungskonzept die Aufgabe, permanent die Sechser Johannes Geis und Julian Baumgartlinger zu unterstützen. Die beiden fußballerisch begabten Offensivspieler hatte Hjulmand deshalb in die Startelf beordert, weil der Däne darauf aus war, im eigenen Ballbesitz ein spielerisches Übergewicht zu schaffen. Die Idee war erkennbar als möglicher Erfolgsbaustein, doch es mangelte Djuricic und mehr noch Malli an der nötigen Passqualität, am nötigen Freilaufverhalten, an der nötigen Durchsetzungskraft. Die 05er mussten im Zentrum viel Druck zulassen und von den Seiten (in häufiger Unterzahl) viele Flanken.

Also stellte Hjulmand zur Pause um. Gonzalo Jara kam für den nur defensiv aktiven Malli. Dreierabwehrreihe mit den Innenverteidigern Nico Bungert, Stefan Bell und Jara. Die Außenverteidiger Brosinski und Diaz hatten jetzt die Gelegenheit, mit Rückendeckung weiter nach vorn verschoben zu attackieren. Und die Abstände im Abwehrzentrum wurden enger. Und das Mittelfeld dichter. Und auch die Ballbesitzkontrolle wuchs. Die Eintracht beorderte dagegen immer mehr Personal nach vorne, das defensive Mittelfeld der Gastgeber löste sich phasenweise auf. Wie gesagt: Die 05er hätten nur ihre Konterzüge zielstrebiger und präziser ausspielen müssen. Torchancen für die Eintracht? Keine aus dem Spiel heraus - bis auf Alex Meiers Schlussakkord Sekunden vor dem Abpfiff.

Wir halten fest: Kasper Hjulmand, der Nachfolger des anerkannten Strategen Thomas Tuchel, ist auf dem besten Weg, sich als Taktikmeister einen Ruf zu erarbeiten. Das hat sich, ganz ehrlich betrachtet, nach dem Aus in der Europaliga und im DFB-Pokal in dieser Qualität nicht abgezeichnet. Und der Entwicklungsprozess steht ja noch ganz am Anfang.