Rehberg: Das Projekt Klinsmann

Jürgen Klinsmann, neuer Trainer von Hertha BSC Berlin, bei seinem Debüt gegen Borussia Dortmund. Foto: dpa

Jürgen Klinsmann hat bei Hertha BSC Berlin den Aufsichtsratssessel gegen den Cheftrainerstuhl getauscht. Reinhard Rehberg in seiner Kolumne über Kindergarten-Argumente bei der...

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. Hertha BSC hat sich in Abhängigkeit begeben. 49,9 Prozent der Anteile an der Profi-KGaA gehören seit wenigen Wochen Lars Windhorst. Der Finanz-Unternehmer hat 225 Millionen Euro in das Hertha-Unternehmen gesteckt. Am 8. November platzierte der in London lebende Ostwestfale, der 2003 mit seiner früheren Unternehmensgruppe und auch privat in Insolvenz gegangen war, im Aufsichtsrat der KGaA einen Vertrauten, der mit seiner Kompetenz und Prominenz die künftige sportliche und wirtschaftliche Strategie der Hertha kontrollieren und mitgestalten sollte: Jürgen Klinsmann.

Exakt 19 Tage später ist der einstige deutsche Bundestrainer in eine ganz andere Rolle gehievt worden: Chefcoach der ins Trudeln geratenen Berliner Bundesligamannschaft. Ein einmaliger Vorgang: Der Vertraute eines Großinvestors springt binnen weniger Tage vom Aufsichtsratssessel auf den Cheftrainerstuhl.

Manager Michael Preetz und Klinsmann haben sich sehr viele Mühe gegeben, diese Rochade als einen ganz normalen Vorgang hinzustellen. Mit Kindergarten-Argumenten. Seit mehr als zwei Jahren schon, erzählte Preetz, habe er versucht, Klinsmann als Trainer zu gewinnen. Gescheitert sei das, so Preetz, am Geld. Muss sich toll anhören für die Vorgänger-Trainer Pal Dardai und Ante Covic. Jürgen Klinsmann wiederholte mehrfach, wie eng seine Bindung zur Hertha schon immer gewesen sei: Der Vater, Bäckermeister im Stuttgarter Stadtteil Botnang, sei Hertha-Fan gewesen - und Klinsmanns Sohn Jonathan stand zwei Jahre als junger Torhüter im Kader der Berliner U23. Gewaltig. Da ist der in Florida lebende Papa ab und zu mal eingeflogen zu Spielen.

Machtwort des Investors?

Gehen wir eher mal davon aus: Lars Windhorst hat ob der misslichen Tabellenlage der Hertha Angst bekommen um seine Millionen. Wir sprechen ja hier vom Investment reicher Leute, die ihr - der Windhorst-Firma „Tennor Holding“ anvertrautes - Geld irgendwann gut verzinst zurückhaben wollen. Und dann hat der Finanzjongleur im Klub ein Machtwort gesprochen.

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Klinsmann hat eine sehr eigene Vorstellung vom Trainerjob. Der Schwabe versteht sich als kreativer und umstürzlerischer Projektleiter, Motivator und Wettkampf-Coach. Bei der WM 2006, als die DFB-Elf Dritter wurde im Turnier, war sein Co-Trainer Joachim Löw zuständig für die fußballerischen Inhalte im Training und für die Matchpläne. Klinsmanns Motivationskünste sind überliefert durch den WM-Film „Das Wintermärchen“, überragend überzeugend kamen die Szenen mit den „feurigen“ Kabinen-Ansprachen nicht rüber.

Klinsmann denkt groß

In Berlin sind Co-Trainer Alexander Nouri und dessen Co-Trainer Markus Feldhoff zuständig für die fußballerischen Grundlagen. Beim 1:2 gegen Borussia Dortmund erlebte Nouri - nach Stationen in Bremen (Bundesliga) und Ingolstadt (Zweite Liga) - sein 22. Spiel in Folge ohne Sieg. Klinsmann hat Nouri kennengelernt bei dessen Hospitationsreise durch die USA. Wollte man böse sein, dann würde man urteilen: Klinsmann ist als Chef immer nur so gut wie sein(e) Co-Trainer. Bei seiner ersten und bis Berlin einzigen Station als Klubtrainer, beim FC Bayern, waren das der Amerikaner Nick Thesloff und der Mexikaner Martin Vasquenz. Nach neun Monaten beendeten die Bayern das (gescheiterte) Experiment.

Klinsmann denkt von jeher groß, sehr groß. Dass er in Berlin glaubt, unbedingt auch noch den beim DFB unter Vertrag stehenden Nationaltorwarttrainer Andreas Köpke zu benötigen, das wirkt schon ein wenig aktionistisch. Und als Klinsmann vor dem Anpfiff des Heimspiels gegen den BVB mit dem Handy seelig lächelnd die Choreo der Hertha-Fans filmte, da wirkte diese Aktion wie die Selbstvermarktung des Hauptdarstellers in einem sentimentalen US-Sportfilmepos: Seht her, wie ruhig und gelassen euer neuer Anführer ist.