Rehberg: Das Passverhalten - extrem wichtig

Leroy Sané beim Jubel. Foto: dpa

Zügige Passmuster etablieren, mit denen Raum überwunden wird, Lösungen finden, unter massivem gegnerischen Druck schnelle und gute Passentscheidungen zu treffen - das ist...

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. Was zeichnet aktuell die besonders guten Mannschaften auf diesem Erdball aus? Tempo, Geschwindigkeit - auf dem Weg ins Angriffsdrittel und in der letzten Offensivzone. Die Annahme, dafür brauche es „nur“ schnelle und trickreiche Spieler, die ist falsch. Wenn wir konstatieren, dass der deutsche Fußball auf diesem Gebiet ins Hintertreffen geraten ist, dann ist es unabdingbar, ein zweites Element ins Visier zu nehmen: das Passverhalten.

Der Sieg gegen die Niederlande als Beispiel

Nehmen wir als Beispiel die Vorstellung der deutschen Nationalmannschaft beim 3:2-Sieg in Holland. Der Unterschied zwischen der starken ersten und der problematischen zweiten Halbzeit lässt sich nicht festmachen an der Anzahl antrittsschneller Spieler in der DFB-Elf. Der entscheidende Unterschied war das Passverhalten. Bis zur Pause fällten die deutschen Spieler zügig sehr gute Passentscheidungen: Sie überspielten mit sehr geradlinigen, extrem nach vorne gewandten, präzisen flachen Anspielen mit dem Fuß am Gaspedal gegnerische Linien. Und das sehr häufig. Passdynamik ist die Grundvoraussetzung dafür, schnelle Spieler in Richtung der tiefen Räume in Aktion bringen zu können.

Das war es, was die Nationalelf seit dem WM-Titel von 2014 vernachlässigt hat. Zu viele Pässe in der Abwehrkette, Quergeschiebe im Mittelfeld, das hat bei aller technischen Begabung zwei Nachteile: Die eigene Mannschaft braucht sehr viel Zeit für Raumgewinn – und der Gegner kann sich immer wieder in Ruhe neu ordnen in der Arbeit gegen den Ball. Aus einem Kurzpass-Festival heraus gegen einen stehenden Gegner plötzlich zu beschleunigen in der Angriffshandlung, das beherrschten über viele Jahre lediglich der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft (mit vielen Barca-Profis). Heute schafft das noch Manchester City unter jenem Pep Guardiola, der schon bei Barca den Ballbesitzfußball salonfähig gemacht hat.

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Innenverteidiger unter Druck

Zurück zum DFB-Team in Holland. Nach der Pause stellte Oranje-Coach Ronald Koeman beim Stand von 0:2 um auf aggressives Angriffspressing. Die deutschen Innenverteidiger gerieten schon im Eröffnungsspiel massiv unter Druck, die Mittelfeldspieler fanden keine Zeit mehr für eine ruhige Ballannahme und für ein sicheres Aufdrehen gegen eng am Mann und giftig operierende Gegenspieler. Das Passsystem der Deutschen zerfledderte. Die schnellen Angreifer hingen mangels Nachschub in der Luft, die offensiv unterstützenden Außenverteidiger waren in der Defensive gebunden. Unterzahl in der gegnerischen Spielhälfte.

Wir erkennen: Ohne ein funktionierendes nach vorne orientiertes Passsystem gepaart mit herausragendem Freilaufverhalten verlieren auch die schnellsten Spieler an Wirkung. Außer Lionel Messi gibt es auf dieser Welt keinen Stürmer, der im Alleingang vier, fünf, sechs Gegenspieler ausspielen/überlaufen und die Kugel ins Tor bugsieren kann. Das schafft auch noch nicht der überragend talentierte Leroy Sané.

Fazit: Auf den Füßen flotte, trickreiche und zielstrebige Instinktfußballer zu finden und auszubilden, das ist die eine Aufgabe im deutschen Fußball – nach vorne gewandte, auf zügige Raumüberwindung ausgerichtete Passmuster zu etablieren, sich in immer engeren Räumen mit Ball zu behaupten und durchzusetzen, Lösungen zu finden, unter massivem gegnerischen Druck schnelle und gute Passentscheidungen zu treffen, all das ist die zweite Herausforderung. Technisch sind die meisten Spieler dazu in der Lage. Aber zu oft gilt der einfache Rück- oder Querpass als die leichtere Lösung. Da hat sich der Gegner in der Defensivorganisation längst neu sortiert. Und immer dann wird es mühsam. Mit Ballbesitz- oder Umschaltfußball hat das zunächst mal gar nichts zu tun.