Rehberg: Das Experiment Ballbesitzfußball ist beim Spiel der...

Loris Karius kommt nicht mehr dran. Foto: Sascha Kopp

Manchmal ist das so im Fußball. Da gewinnt eine Mannschaft - und die weiß gar nicht so richtig, warum. Woran kann man die Niederlage der 05er festmachen außer an der...

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. Selbst der gegnerische Verteidiger Heiko Westermann bekundete unmittelbar nach dem Abpfiff lapidar und mit einem fast entschuldigenden Schulterzucken: "Heute waren wir die Glücklicheren." Manchmal ist das so im Fußball. Da gewinnt eine Mannschaft - und die weiß gar nicht so richtig, warum. Hatte der in schweren Abstiegsnöten steckende Hamburger SV mehr Willen? Eher nicht. Die 05er waren am Drücker ab der 65. Minute, da begann die Elf von Martin Schmidt, sich reinzubeißen in diese komplizierte Partie. In der Endphase roch es nach einem späten Mainzer Sieg. Und dann fiel Gojko Kacar beim letzten Eckball für den HSV zufällig der Ball vor die Füße. Ein präziser Flachschuss. Und die HSV-Profis feierten tanzend mit ihren singenden Fans einen 2:1-Erfolg in der Coface Arena. "Niemals, Zweite Liga", dröhnte es aus der Gästekurve. So weit ist es noch nicht.

Woran kann man die Niederlage der 05er festmachen außer an der Glücksgöttin, die ihre Gunst diesmal dem Gegner zu Teil werden ließ? Auch am Schiedsrichter, der beim Hamburger Siegtor ein Foul im Mainzer Strafraum an Shinji Okazaki übersah. Auch über die kurz darauf folgende Rote Karte für Daniel Brosinski ließe sich diskutieren, aber das hatte auf das Ergebnis keinen Einfluss mehr. Außer dass Peter Sippel mit der daraus entstandenen allgemeinen Hektik letzte druckvolle Minuten vermasselte.

Elkin Soto schwer verletzt

Und dann muss man Elkin Sotos schwere Verletzung ins Feld führen. Martin Schmidt hatte den Kolumbianer in die Startelf gestellt als Ballbesitzzehner für den Umschaltzehner Yunus Malli. Soto spielte starke erste 20 Minuten. Aggressiv im Angriffspressing und im Gegenpressing, laufstark, ballsicher, auch mit einigen guten Pässen. Die 05er hatten nicht viele Torchancen, aber eine gute Kontrolle über das Spiel. In dem der HSV aus war auf eine enge Blockverteidigung und schnelle, direkte offensive Umschaltzüge. Eine ungewohnte Konstellation für die Mainzer. Die etwas zu langsam aufbauten, die aber über den rechten Flügel mit Brosinski und Jairo immer mal wieder die gegnerische Defensivfestung geschickt umspielten. Die Zuschauer stellten sich ein auf ein Geduldsspiel, in dem man den Gegner hartnäckig bearbeiten und bespielen muss bis zur Entscheidung. Und dann kippte die Partie binnen weniger Minuten in eine ganz andere Richtung.

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Elkin Soto lag, sich vor Schmerzen krümmend, auf der Trage, und alle seine Mitspieler sahen, dass das eine Bein des Mittelfeldspielers unterhalb des Kniegelenks quer stand. Ein Schock. Und vier Minuten später lenkte der bis dahin sehr starke Julian Baumgartlinger eine harmlose Schussflanke von Westermann mit dem Hinterkopf in den entfernten Torwinkel. Das 0:1. Aus dem Nichts. Zwei Ereignisse, die den Spielverlauf nachhaltig beeinflussten. Die letzte Viertelstunde vor der Pause und die erste Viertelstunde nach der Pause benötigten die 05er mental und emotional als Verarbeitungszeit. Das waren zwei Phasen, in denen sich das Team neu sortieren musste, in denen die Aufbaureihe schon Mühe hatte, die vorderste Linie des HSV - mit den wie entfesselt anlaufenden Pierre-Michel Lasogga und Ivica Olic - zu überspielen.

05er mit viel Moral, Kampfgeist und Willenskraft

Dann begann die Zeit, in der die 05er mit viel Moral, Kampfgeist und Willenskraft mehr Zweikämpfe gewannen, mehr zweite Bälle eroberten. Das Passspiel wurde sicherer und schneller. Jetzt kam Tempo in die Aktionen. Ja-Cheol Koos Pfostenschuss diente als Erweckungserlebnis. Der eingewechselte Pablo de Blasis suchte und fand bespielbare Räume, der offensivstarke Pierre Bengtsson machte Druck als Sprinter an der linken Leitplanke. Die Vorbereitung für den verdienten Ausgleich durch Malli lief über rechts, Brosinski und Jairo fädelten das Tor glänzend ein. Der HSV fand offensiv nicht mehr statt, weil die 05er die Umschaltversuche mit scharfem Gegenpressing in den Griff bekamen. Schmidt wechselte Stürmer Sami Allagui als möglichen Siegjoker ein. Und dann ereignete sich die letzte Ecke für den in die Defensive gedrängten HSV, der eigentlich nur noch den einen Punkt nach Hause bringen wollte.

Die Lehre aus dieser Partie? Zum ersten Mal in der noch jungen Ära Schmidt haben sich die 05er am Ballbesitzfußball versucht. Das Experiment ist nicht schief gegangen, die Mannschaft hatte Kontrolle und einige gute Spielzüge. Aber es ist und bleibt die schwierigere Variante. Für die der Trainer womöglich, auch im Hinblick auf die kommende Saison, doch eine höhere individuelle Qualität benötigt im Angriff. Um nach vielen Ballkontakten und vielen engen, immer wieder komplizierten Passentscheidungen auf engen Räumen dann auch Richtung Strafraum die nötige Durchschlagskraft entwickeln zu können gegen massiert und gut organisiert verteidigende Mannschaften. Letzteres hat Bruno Labbadia dem HSV in einem Schnellkurs beigebracht.

Auch die Mainzer Standardstärke ist dem HSV-Coach nicht verborgen geblieben: Bei Eckbällen kümmerten sich die baumlangen Innenverteidiger Johan Djourou und Slobodan Rajkovic hautnah um die kopfballstarken Stefan Bell und Niko Bungert. Eckballtore, jener Faktor, der zuletzt Schalke 04 in die Knie gezwungen hat in der Coface Arena, waren diesmal kaum möglich.