Rehberg: Das bundesweit bekannte Gesicht des Klubs geht weg

Medienprofi Christian Heidel hat seit 20 Jahren dieselbe Handynummer. Archivfoto: Sascha Kopp

Seit 1990 steht Christian Heidel bei Mainz 05 in der Verantwortung. Viele Traditionsklubs, die damals zum festen Bestandteil der Ersten und Zweiten Liga gehörten, führen heute...

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. Ab welchem Tag er diese Tätigkeit als Verantwortlicher für die Planung des Lizenzspielerkaders ausgeübt hat? Das weiß niemand so genau. Nicht mal Christian Heidel selbst. Deshalb muss als Datum für den Beginn dieser wegweisenden innerbetrieblichen Entwicklung der 22. April 1990 herhalten. Der gebürtige Mainzer und gelernte Bankkaufmann hatte als Betreiber eines Autohauses für eine Werbeaktion ein Oberligaspiel gekauft. FSV Mainz 05 gegen den FSV Saarwellingen. Der wirtschaftlich schwer angeschlagene Zweitligaabsteiger begrüßte zu jener Zeit bei seinen Heimspielen im Schnitt 2.000 bis 3.000 Besucher. Der 26 Jahre alte Jungunternehmer garantierte dem Klub, nach holprig verlaufenen Verhandlungen mit dem Vorstand, eine Einnahme von 15.000 Mark. Zu jener Partie erschienen 4.430 Leute, es herrschte Volksfeststimmung im Bruchwegstadion. Die 05er gewannen nach Toren von Michael Müller, Patrick Mohr und zweimal Norbert Hönnscheidt mit 4:1. In der Halbzeitpause gewann ein fußballerisch nur bedingt begabter junger Mann ohne Führerschein mit einem Schuss von der Mittellinie aus direkt ins Tornetz einen nagelneuen BMW.

Die Aktion kam auch in den Medien sehr gut an. Ein prächtiger Erfolg für alle Seiten. Harald Strutz und Christian Heidel lernten sich dabei näher kennen. Und kurz darauf bot der 05-Klubchef dem kreativen Autohändler, der in seiner Freizeit ein technisch guter Bezirksliga-Libero war, einen Sitz im Vorstand an. Ab dem 1. Juli 2016 fungiert dieser heute 52 Jahre alte Christian Heidel als „Vorstand Sport und Kommunikation“ beim traditionsreichen Bundesligisten FC Schalke 04. Nach rund 25 Jahren als Denker, Planer, Entscheider und Macher bei den 05ern. Ein Erfolgsweg, der mit kantigen Steinen gepflastert war. Aus dem damaligen Oberligisten ist ein Profiklub geworden, der aktuell seine zehnte Bundesligasaison spielt, der in diesem Jahr einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro ausweisen wird und der seit einigen Jahren Bilanzen vorlegt, in denen Gewinne notiert sind.

Heidel war schon als Kind mit Fahne in der Hand am Bruchweg

Um die Kaderplanung kümmerte sich in jenem April 1990 noch Vize-Präsident Peter Arens. Nach und nach arbeitete sich das neue Vorstandsmitglied Heidel in dieses Geschäft ein. Learning bei doing. Und nach ein paar Monaten firmierte der Mann, der schon als Kind mit Fahne in der Hand am Bruchweg im Fanblock stand, als „Transferchef“. Ein sperriger Begriff. Eine Erfindung der Medien. Manager durfte man Heidel nicht nennen. Das hätte zu professionell geklungen für einen nebenberuflich tätigen Fußballbastler, der seinen Lebensunterhalt verdiente unter strenger Kontrolle einer Weltfirma mit Sitz in München.

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Wenn man Heidel in der Folgezeit im Büro seines kaum einen Kilometer vom Bruchweg entfernten Autohauses besuchte, dann türmten sich dort auf dem Schreibtisch neben BMW-Hochglanzprodukten diverse Papierstapel aus dem Faxgerät mit Spielerangeboten; später kamen noch großflächige Pläne für den Ausbau des Bruchwegstadions dazu, noch später auch die ersten Skizzen für den Neubau einer Arena. In den ersten Jahren musste Heidel in der Fußballbranche mit zumeist leerem Geldbeutel einkaufen gehen. Das waren die Übungseinheiten eines Mannes, der heute als einer der härtesten und gewieftesten Verhandlungsexperten im deutschen Profifußball gilt. In der Ära Heidel sind die 05er nur ein einziges Mal abgestiegen, das war 2007, im dritten Jahr der ersten Bundesligaphase.

Unzählige gemeisterte Abstiegskämpfe mit am Ende leerer Kasse

Man kann 25 Jahre nicht nacherzählen. Die sportlichen Eckdaten sind bekannt. Unzählige gemeisterte Abstiegskämpfe mit am Ende leerer Kasse. Vier knapp verpasste Bundesligaaufstiege (1997, 2002, 2003, 2008), und am Ende war auch in diesen Fällen fast immer die Kasse leer. Zwei in der Stadt enthusiastisch gefeierte Aufstiege in die Bundesliga (2004, 2009). Drei Teilnahmen am Europapokal (2005, 2011, 2014) mit Auftritten in Island, Armenien, Spanien und Rumänien und Griechenland. Trainerverpflichtungen, die nur kurzfristig oder überhaupt nicht funktionierten (z. B. Horst Franz, Dietmar Constantini, René Vandereycken, Jörn Andersen, Kasper Hjulmand).

Legendäre Trainerentdeckungen wie die langjährig wirkenden Wolfgang Frank, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Und mit dem von der U23 hochgezogenen Martin Schmidt segelt der Klub heute in der Nähe der Champions-League-Ränge. Aufstieg der Zweiten Mannschaft von der B-Klasse bis in die Dritte Profiliga, Etablierung der Eliteteams des Nachwuchsleistungszentrums in der U17- und U19-Bundesliga.

Viele Traditionsklubs, die 1990 zum festen Bestandteil der Ersten und Zweiten Liga gehörten, führen heute ein Schattendasein in der dritten, vierten oder gar fünften Liga. Mainz entwickelte sich kontinuierlich zur Fußballstadt. Ein beeindruckender sportlicher und wirtschaftlicher Wachstumsprozess. Der gelang, weil Heidel es verstand, mutig und selbstbewusst die Mechanismen des Fußballbusiness zum Vorteil seines Vereins kenntnisreich und kreativ, nicht selten auch kompromisslos zu nutzen.

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Seit 2005 als hauptberuflicher Manager

Der Fachmann, der seit 2005 als hauptberuflicher Manager arbeitet, hatte im Gegensatz zu vielen seiner Profikollegen in Deutschland eine auf Nachhaltigkeit setzende Strategie. Heidel platzierte die 05er als Ausbildungs-, später als Weiterbildungsverein. Konsequent verpflichtete der Manager junge Spieler, die Mainz 05 als Sprungbrett erkannten für eine größere Karriere. Preiswert einkaufen. Nach zwei bis drei Jahren teuer verkaufen. Und mit den Gewinnen den Kader in der Breite qualitativ immer besser aufstellen, daneben die Infrastruktur am Bruchweg Schritt für Schritt auf die nächst höhere Ebene hieven. Das war Heidels Erfolgsmodell.

Er war der Erfinder von Fan-Sonderzügen zu besonderen Auswärtsanlässen. Er war der Erfinder von vielschichtigen Vertragsoptionen, die dem Klub noch Jahre nach dem Verkauf eines Spielers wichtige Einnahmen sicherten. Er war der Motor für den Bau der neuen Arena in den Bretzenheimer Feldern. Er war intern und in der Öffentlichkeit der instinktsichere Bewerter und Lenker von immer wieder komplizierten sportlichen Situationen.

Ein Medienprofi, der seit 20 Jahren dieselbe Handynummer hat und telefonisch nahezu immer erreichbar ist. Im Zuge dieser Entwicklung ist Heidel zum bundesweit bekannten und anerkannten Gesicht des Klubs geworden. Ein Alleinunterhalter, der es im und für den Klub verpasst hat, weitere starke Entscheider zu entdecken, zu fördern, einzubinden. Ein Anführer, den im vergangenen halben Jahr nicht mehr alle im Klub verstanden haben. Der Nachfolger tritt in riesige Fußstapfen.