Rehberg: Das Brechen der Defensiv-Dämme

Naldo jubelt nach dem späten 2:2 in Frankfurt.

Es war ein Hinrundenabschluss nach dem Geschmack der Fans. Naja, der meisten jedenfalls. Spannende Partie, Last-Minute-Entscheidungen und ganz viele Tore. Allen voran das 4:4 in...

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. Am vergangenen Wochenende hat es gerappelt in der Bundesliga. Aufregende Spielverläufe, emotionale Wende-Momente, viele Tore. Da war das aufregende 4:4 zwischen Hannover 96 und Bayer Leverkusen, da ging es rund beim 3:3 zwischen dem FC Augsburg und dem SC Freiburg, da gewann die Hertha in Unterzahl mit 3:2 in Leipzig, da rettete der FC Schalke 04 beim 2:2 in Frankfurt auf der Zielgeraden nach Zwei-Tore-Rückstand noch einen Punkt und da holten auch die Mainzer in Bremen noch ein 0:2 auf.

Viele Vorrunden-Spiele waren geprägt von taktischer Ordnung und Disziplin und von Defensivdenken. Am Ende gingen nun die Schleusen auf, da brachen die Defensiv-Dämme. Den Trainern stehen die Haare zu Berge. Der Fan ist begeistert. Spannung, Dramatik, Strafraumszenen, wechselvolle Spielverläufe, Comeback-Kämpfe, Willenskraft, viele Tore und späte Tore – dafür kommen die Leute ins Stadion. Natürlich hat das nicht immer etwas zu tun mit hervorragender fußballerischer Qualität. Aber wenn sich Fußballprofis aufbäumen, wenn sie fighten, als sei dieser Starkstrom-Zweikampf oder dieser 45-Meter-Sprint der letzte in der Karriere, dann treffen die hoch bezahlten Angestellten in diesem oft abgehobenen Millionen-Geschäft die Anhänger mitten ins Herz. Das sind die Spiele, in denen der Fußball lebt, wieder begreifbar wird, Nähe schafft, in hohem Maße emotionalisiert. Man wünscht sich mehr davon.

Sicherheitsfußball auch international nicht konkurrenzfähig

Hinten erstmal gut stehen und nach vorne Nadelstiche setzen, dieser Floskel-Spielstil nervt auf Dauer. Und wenn eine Mannschaft über 90 Minuten das zu null hält, vor dem gegnerischen Kasten aber nur zweimal pro Halbzeit auftaucht, dann spricht das sicher für eine gut strukturierte und kämpferische Defensivleistung, aber mit einem durchdachten Spielaufbau und einer kreativen und/oder zielstrebigen Offensive hat das dann wenig zu tun. Und für die Zuschauer ist das oft langweilig. Zudem hat sich gezeigt, dass die Mehrzahl der deutschen Mannschaften mit diesem Sicherheitsansatz in den Europapokal-Wettbewerben nicht weit kommen.

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Damit das nicht zu Missverständnissen führt: Dies ist kein Plädoyer für die merkwürdigen Gedanken von Mehmet Scholl, der glaubt, die nach vorn drängende jüngere Trainergeneration setze nur auf Mannschaftstaktik und überhaupt nicht auf individuelle Offensivbegeisterung und Dribbelstärke. Diese Herleitung ist entschieden zu grob geschnitzt.

Tatsache ist, dass ein mutiger Offensivstil mit im Schlaf abrufbaren Mustern in der Spieleröffnung und im Spielaufbau sowie mit Geschwindigkeit, Wucht und Dribbelkunst im Angriffsdrittel geknüpft ist an eine breite technische Qualität in einer Mannschaft und an die nötige Ballbesitz-Mentalität. Schaut man auf die Innenverteidiger, Außenverteidiger, Mittelfeldabräumer und Stürmer vieler Bundesligisten, dann mangelt es da an Ballsicherheit auf engen Räumen, an Handlungsschnelligkeit und Handlungssicherheit auf engen Räumen, auch an der Mentalität, mutig nach vorne zu kombinieren. Der einfache Rückpass zum Torwart oder zum tief stehenden Innenverteidiger ist in der Bundesliga ein beliebtes Stilmittel geworden. Da gibt es auch technisch begabte Mittelfeldspieler, die sich im Vorwärtsgang schlicht und einfach zu wenig zutrauen.

Eigener Ballbesitz muss zurück auf den Trainingsplan

Der torreiche letzte Hinrunden-Spieltag wird nicht stilbildend sein für die Rückrunde. Wahrscheinlich lassen kurz vor Weihnachten nur die Kräfte nach und dadurch auch die Konzentration. Und dann entwickeln sich „wilde“ Auseinandersetzungen. Wünschenswert wäre, wenn sich wieder mehr Trainer trauen würden, den eigenen Ballbesitz häufiger auf den Trainingsplan zu setzen. Verteidigen können nahezu alle Mannschaften, strukturiert und mit Begeisterung und Tempo angreifen können nur wenige. „Ich mag, wenn´s kracht“, heißt die vom in England tätigen Sportjournalisten Raphael Honigstein geschriebene Jürgen-Klopp-Biographie. Lesenswert. Und das Titelzitat ist auch tauglich als Motto für die Bundesliga-Rückrunde.