Rehberg: Das Aus physisch und emotional verkraftet?

Trainingseinheit bei Mainz 05. Foto: dpa

Pokalspiele wird der FSV Mainz 05 in dieser Saison keine mehr bestreiten - das Aus in beiden Wettbewerben steht fest. Bleibt die Bundesliga. Und da, im Kerngeschäft, haben die...

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. Am vorletzten Spieltag 2015/16 kehrte sich das Bild um. Monatelang stand Hertha BSC vor den 05ern, phasenweise mit einem beträchtlichen Punktevorsprung (nach der Hinrunde zum Beispiel waren es stramme acht Zähler). Die Berliner stolperten durch die Rückrunde. Am vorletzten Spieltag unterlag das Team von Pal Dardai zu Hause gegen Darmstadt 98 mit 1:2. Die Mainzer siegten in Stuttgart mit 3:1. Und jetzt lagen beide Klubs gleichauf. Am Finaltag kam es zum direkten Aufeinandertreffen im Kampf um Platz sieben, der zum Einzug in die Europaliga-Gruppenphase berechtigt hat. Die Hertha musste wegen der knapp schlechteren Tordifferenz in Mainz gewinnen. Der Ausgang: 0:0. Jubel in der Coface Arena. Frust in der Bundeshauptstadt.

17 gegen 21 Zähler

Was passierte danach? Noch vor Beginn der neuen Saison schied die Hertha in der Qualifikationrunde für die Europaliga gegen Bröndby IF sang- und klanglos aus (1:0/1:3). Die 05er haben in vielen Englischen Wochen eine ebenso spannende wie anstrengende EL-Gruppenphase gespielt. Bundesliga? Am Sonntag treten die 05er im Berliner Olympiastadion an. Mit vier Punkten Rückstand auf den Konkurrenten. 17 gegen 21 Zähler. Ein erdrutschartiger Unterschied ist das nicht. Die 05er haben vier von bislang elf Spielen verloren, die Hertha nur zwei. Die Hertha hat sechs Spiele gewonnen, die 05er fünf. Die Hertha hat also ohne Europapokalstress die schwache Rückrunde 2015/16 vergessen gemacht. Die 05er stehen mit Europapokalstress wieder da, wo sie in normalen Spielzeiten ihre Heimat haben - gesichertes Mittelfeld, die internationalen Ränge in Sichtweite und weit entfernt von der Abstiegszone.

Auch wenn das (unnötige) Aus in der EL-Gruppe C sowie das (noch unnötigere) frühe Aus im DFB-Pokal Verantwortliche und Anhänger geschmerzt haben, kann man dieses Fazit ziehen: Im Kerngeschäft Bundesliga hat die Mannschaft von Martin Schmidt in dieser Drei-Wettbewerbe-Saison überhaupt keinen Rückschlag erlebt. Und das haben nicht viele mittelständische Europapokal-Teilnehmer aus der Bundesliga in den vergangenen Jahren geschafft.

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Nun wird es spannend am Sonntag. Die Hertha hat von fünf Heimspielen fünf gewonnen: 2:1 gegen den SC Freiburg (Ausgleich für die Breisgauer in der 90. Minute, Siegtor für die Berliner in der Nachspielzeit), 2:0 gegen Schalke 04 (in der S04-Aufbauphase), 2:0 gegen den Hamburger SV (Pflichtsieg), 2:1 gegen den 1. FC Köln (die Geißböcke spielen eine Topsaison), 3:0 gegen Borussia Mönchengladbach (die Rheinländer stecken in einer Problemphase). Nur ein einziges Gegentor in fünf Heimspielen. Das ist bemerkenswert gut.

Hertha als Heimmacht

Wäre das auch so glänzend gelaufen, hätten die Berliner die EL-Guppenphase zu spielen gehabt? Hätten dann die 05er jetzt diese vier Punkte mehr auf dem Konto? Und hat die aktuelle Konstellation nun Auswirkungen auf die Partie am Sonntag, wenn die 05er zeigen müssen, dass sie das Europapokal-Aus, diese unglückliche Nacht in Saint-Étienne emotional verarbeitet und physisch verkraftet haben? Oder ist es nicht tatsächlich so, dass die Hertha eine Heimmacht geworden ist, gegen die es jede Mannschaft schwer hatte und haben wird in dieser Saison? Die Sonntag-Partie wird nicht auf alle diese Fragen Antworten liefern.

Als die 05er nach ihrer denkwürdigen Aufstiegsfeier im Mai 2004, als noch niemand in Mainz (nicht mal nachts) von Europapokal zu träumen gewagt hätte, am dritten Spieltag im Berliner Olympiastadion auflief, da war das eine große Sache. Am Wochenende zuvor war mit dem 2:1 gegen den HSV der erste Bundesligasieg in der Klubgeschichte geglückt. Beim 1:1 in Berlin schaffte die Mannschaft den ersten Auswärtspunkt im Abenteuerland. In der Mittelfeldzentrale kämpften Christof Babatz und Toni da Silva gegen Pal Dardai und Niko Kovac. Das 1:0 köpfte Fredi Bobic, das 1:1 erzielte Jürgen Kramny.

Dardai ist heute Cheftrainer in Berlin, Kovac leitet die Frankfurter Eintracht an. Bobic fungiert in Frankfurt als Vorstandsboss, Kramny trainiert seit ein paar Tagen Arminia Bielfeld. Die damaligen Trainer? Falko Götz ist in der Versenkung verschwunden, Jürgen Klopp feiert Erfolge mit dem FC Liverpool. Zum damaligen Zeitpunkt war Martin Schmidt gerade Jungtrainer beim kleinen Schweizer Kantonsklub FC Raron. Noch eine letzte Preisfrage: Gegen wen feierte Pal Dardei am 5. Februar 2015 als neuer Hertha-Trainer seinen Bundesligaeinstand? Genau. Gegen Martin Schmidt. 2:0 in Mainz. Die Berliner waren damals als Tabellenvorletzter angereist. Das Schlusslicht? Borussia Dortmund - unter Jürgen Klopp.

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Seitdem hat sich viel getan und viel verändert. Die Hertha und die Borussia (mit Schmidts Lehrmeister Thomas Tuchel) stehen wieder gemeinsam oben. Und die 05er kämpfen da, wo sie immer kämpfen: im Tabellenmittelfeld. Ohne Klopp, ohne Tuchel, auch ohne Christian Heidel. Und trotz Europapokal. Gute Arbeit. Die aktuell überlagert wird von (notwendigen) Diskussionen über Strukturreformen, Vorstandsbezüge, Zuschauerrückgang und Problem-Ultras.