Rehberg: BVB wartet mit spielerischer Top-Qualität

Thomas Tuchel. Foto: dpa

32 von 36 möglichen Punkten hat Borussia Dortmund in der eigenen Arena bislang gesammelt. Nun kommt Mainz 05. Zum erneuten Wiedersehen mit Ex-Trainer Thomas Tuchel, der nun den...

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. In Mainz hatte Thomas Tuchel immer mal wieder das Gefühl, er eile mit seinem Wissen der Mannschaft vier, fünf Schritte voraus. In diesen Fällen hatte der Fußballlehrer Matchpläne entworfen, die er nach dem Abpfiff selbstkritisch als zu kompliziert einstufte. Die Spieler seien leicht überfordert gewesen mit den vom Trainer vorgegebenen, ebenso komplexen wie variablen Aufgaben, erzählte der 42-Jährige dann. Zumindest habe die Leichtigkeit, das Selbstverständliche im Handeln gelitten. „Zu verkopft“ kamen dem Taktiktüftler dann die Auftritte seines Teams vor. Inzwischen leitet Tuchel Borussia Dortmund an. Die Fans im Ruhrpott sind begeistert von den Darbietungen ihrer Lieblinge im schwarz-gelben Trikot. Und Tuchel hat sich noch nicht ein einziges Mal darüber beklagt, dass er sein reichhaltiges Fachwissen nicht maximal zur Anwendung bringen könnte. Und doch blieb vom jüngsten 0:0 im Signal-Iduna-Park gegen den FC Bayern München der Eindruck haften: Die Borussia hat ein wenig verkopft gespielt.

Nebengeräusche beim Abgang

Am Sonntag laufen die 05er in der Dortmunder Kultarena auf. Keinen Bundesligagegner kennt der BVB-Chefcoach besser als die Gäste aus dem Rheinhessischen. Tuchel wird alles, aber auch alles daran setzen, gegen die Mainzer, auf deren Funktionäre er - wegen der schallenden Nebengeräusche bei seinem Abgang - nicht mehr überragend gut zu sprechen ist, keine Punkte liegen zu lassen. Wenn dieser Intellektuelle unter den Fußballtrainern vor diesem Duell in eine Falle tappt, dann ist das nur dieser von endlosen Grübeleien begleitete, fast zwanghafte Ehrgeiz, unbedingt die in der Theorie optimale Strategie entwickeln zu müssen. Weniger würde sich Tuchel nicht verzeihen.

In den 90 Minuten gegen die Bayern sind die Dortmunder nie so richtig in die Rolle des Herausforderers hinein gekommen. Gejagt hat der Tabellenzweite den Spitzenreiter nicht. Zu spüren war: Tuchel wollte in erster Linie nicht verlieren gegen sein Vorbild Pep Guardiola. Das ging zu Lasten der Risikobereitschaft. Die wäre an diesem Abend nötig gewesen, um zumindest eine Chance zu erarbeiten, die stabilen Bayern aus den Angeln zu heben.

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0:0 verloren? Das sah Tuchel anders

Doch Tuchel hatte weniger die tabellarische Lage – die Möglichkeit bestand, den Abstand zum Titelverteidiger auf zwei Punkte zu verkürzen - im Auge, als viel mehr dieses direkte Spitzenduell in der Waage zu halten. Wobei wir festhalten: Mit einem bedingungslos emotionalen und nach vorn orientierten Überfallansatz hätten die Dortmunder auch untergehen können wie beim Hinrunden-1:5 in der Allianz-Arena. Also lieber ein Remis im Sicherheitsmodus. Das immer noch mündete in eine atemberaubende, in Tempo und Taktik hochwertige Partie Rasenschach. Die Bayern haben 0:0 gewonnen, hieß es nachher in den Medien, die Borussia hat 0:0 verloren. Tuchel konnte mit dieser Einschätzung überhaupt nichts anfangen.

32 von 36 möglichen Punkten hat der Fastenexperte Tuchel mit seiner Elf in 12 Heimspielen erwirtschaftet. Zehn Siege, zwei Unentschieden. Keine Niederlage. 4:0 gegen Gladbach, 3:1 gegen die Hertha, 3:0 gegen Leverkusen, 5:1 gegen Augsburg, 3:2 im Kohlenpott-Derby gegen Schalke, 4:1 gegen Stuttgart, 4:1 gegen Frankfurt, 2:0 gegen Ingolstadt, 1:0 gegen Hannover, 3:1 gegen Hoffenheim. Zwischendurch mal ein Schönheitsfleck. 2:2. Gegen wen? Natürlich gegen Darmstadt 98. Und nun noch dieses 0:0 gegen die extrem konzentrierten Über-Bayern. Eine prächtige Heimbilanz. Überwiegend großartige Vorstellungen, hohes Niveau.

Erinnerung an die Feier im Mai 2014

Und nun kommt der Bayern-Bezwinger in den bislang uneinnehmbaren Signal-Iduna-Park. Mainz 05. Bei 05 können sich noch einige Menschen gut an jenen Abend erinnern nach dem letzten Saisonspiel im Mai 2014, als Tuchel auf der „Europaliga-Partie“ ausgelassen feierte, sogar ausnahmsweise mal Alkohol konsumierte und fröhlich tanzte, obwohl die Spieler gerade erst vernommen hatten, dass der Trainer seinen Vertrag nicht erfüllen wird und Abschied nimmt. Der ein oder andere Profi verließ die Feier damals vorzeitig - und das leicht verstört. Vorbei. Heute bürgt Tuchels Trainer-Entdeckung Martin Schmidt für ähnliche Erfolge.

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Eine Fünfer-Abwehrreihe bei gegnerischem Ballbesitz wie gegen die Bayern wird Tuchel gegen die Mainzer nicht mehr präsentieren. Da nahm der zentrale Innenverteidiger Sven Bender den Torjäger Robert Lewandowski fast in Manndeckung. Und die seitlichen Innenverteidiger Lukasz Piszczek und Mats Hummels halfen den Außenverteidigern Erik Durm und Marcel Schmelzer, an den Seiten die Bayern-Sprinter Douglas Costa und Arjen Robben zu doppeln. Das funktionierte sehr gut. Doch ähnlich wie die 05er bei ihrem Coup in München musste auch die individuell hochkarätiger besetzte Borussia akzeptieren, dass Guardiolas Weltklasse-Auswahl dadurch im Mittelfeld ein Übergewicht hat und dass die eigenen Konterwege zum gegnerischen Kasten sehr weit werden.

Kombinationsfluss in der gegnerischen Hälfte

Die eigentliche Stärke der Dortmunder unter Tuchel, der kreative Kombinationsfluss in der gegnerischen Spielhälfte, mit ständigen Positionsrochaden und mit nicht minder kreativen, nahezu unberechenbaren Pass- und Laufwegen Richtung Strafraum, fiel gegen die Bayern aus. Die 05er werden sich auf diese spielerische Top-Qualität einstellen müssen.

Über die Aufstellung des BVB lässt sich nur spekulieren. Bei diesem Tabellenstand dürfte die Europaliga-Partie am Donnerstagabend im Achtelfinale gegen die Tottenham Hotspurs Vorrang haben. Aber die Dortmunder haben einen exzellenten Kader. Könner wie die zuletzt seltener eingesetzten Neven Subotic, Matthias Ginter, Joo Ho Park, Nuri Sahin, Moritz Leitner, Gonzalo Castro oder Adrian Ramos als Ersatzspieler zu bezeichnen, verbietet sich von selbst. Tuchel wird Feuerkraft auf den Platz stellen.

Wie sich die 05er in Dortmund zur Wehr setzen können, das lesen Sie im Freitagblog.