Rehberg: Ballbesitz mit René Vandereycken

Der knorrige René Vandereycken hinterließ in Mainz seine Spuren, obwohl er nicht unbedingt kommunikativ war. Archivfoto: hbz / Jörg Henkel

Im Wellnesshotel in Bad Kissingen hat Blogger Reinhard Rehberg Zeit für Erinnerungen. Unter anderem daran, dass er hier einst auf Andrej Voronin und René Vandereycken traf -...

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. Eine Weiterbildungsmaßnahme. Kann auch Journalisten nichts schaden. Bad Kissingen. Das fränkische Örtchen verströmt den sympathisch verblassten Charme alter Kurstädtchen, in denen sich Anfang des 20. Jahrhunderts mal die politische und literarische Prominenz getummelt hat zur körperlichen und seelischen Erneuerung. Im Hotel dämmert es mir: Hier warst du doch schon mal. Vor vielen Jahren. Die Erinnerung kehrt zurück beim Blick auf die Lobbybar. Ein Gespräch mit dem jungen Stürmer Andrej Voronin. Der auffiel mit seiner stark renovierungsbedürftigen Kauleiste. Das war im Sommer 2000. Der Zweitligist FSV Mainz 05 absolvierte damals in Bad Kissingen sein Sommertrainingslager. Und residierte just in diesem Wellnesshotel. Gemeinsam mit exakt zwei der heimischen Journalisten.

Trainer mit glänzenden Referenzen, aber ohne Plan

Der Trainer war neu. Rene Vandereycken. Der knorrige Belgier, der dann nach nur 12 Spielen schon wieder entlassen wurde. Am 11.11.2000. Fastnachtsbeginn. Vandereycken hatte glänzende Referenzen, aber überhaupt keinen Plan. Soll aber niemand behaupten, dieser unkommunikative und humorlose Grantler und Dickschädel habe keine Bedeutung gehabt für den Bruchwegklub. Zwei Meilensteine hat er gesetzt vor 14 Jahren.

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Erstens: Vandereycken setzte konsequent die Karriere des jungen Manuel Friedrich aufs Gleis. Der Innenverteidiger aus der Mainzer A-Jugend, zuvor schon mal von Wolfgang Frank kurz angetestet, stand in zehn Spielen unter dem Belgier in der Anfangself. Später ermöglichte Friedrich mit seinen Wechseln nach Bremen und Leverkusen den 05ern die ersten beiden ganz großen Transfereinnahmen in der Vereinsgeschichte.

Zweitens: Vandereycken schraubte konsequent an der Beendigung der Karriere des ebenso intelligenten wie aufmüpfigen Stammspielers Jürgen Klopp - der unter dem Belgier nur noch dreimal in der Startelf stand. Das ebnete den Weg für den entscheidenden Entwicklungsschritt des Klubs: Am 27. Februar 2001, einen Tag vor dem Fastnachtsende, wurde der vom Belgier abmontierte alte Spieler Klopp zum jungen 05-Trainer ernannt, als Nachfolger der gescheiterten Zwischenlösung Eckhard Krautzun. Voronin, der junge Mann mit den schlechten Zähnen, schoss alsbald ein Tor nach dem anderen. Klopps damaliger Kotrainer Stephan Kuhnert leitet noch heute die Mainzer Torhüter an.

Erst drei Trainer seit 2001

All das begann also in diesem verträumten Kurstädtchen Bad Kissingen. Klopp führte die 05er 2004 in die Bundesliga. Heute ist der hoch emotionale Menschenkenner ein internationaler Topstar. Und in seiner Dortmunder Abwehrreihe verteidigt inzwischen sein enger Freund Manuel Friedrich. Den Klopp kurz vor dessen Karriereende noch mal vom Waldlauf abgeholt hat. Und der FSV Mainz 05, der 2001 erst auf der Zielgeraden dem Zweitligaabstieg entronnen war? Der spielt gerade seine neunte Bundesligasaison, die fünfte hintereinander. Mit engem Kontakt zu den international bedeutsamen Tabellenplätzen.

Seit damals hat der Klub nur noch drei Trainer beschäftigt. Jürgen Klopp, ein Jahr Jörn Andersen, seitdem Thomas Tuchel. Nicht mal Andersen war ein echter Fehlgriff, denn der Norweger schaffte die 05er 2009 zurück ins Erstligageschäft. Bevor er dann glaubte, in diesem Familienverein den Generalfeldmarschall mimen zu müssen. Wen hat der gerade am Abgrund stehende Hamburger SV (Spötter übersetzen das längst mit Hamburger Schwimmverein) in dieser Zeit alles verbraten: Frank Pagelsdorf, Kurt Jara, Klaus Toppmöller, Thomas Doll, Martin Jol, Bruno Labbadia, Ricardo Moniz, Armin Veh, Michael Oenning, Thorsten Fink, Bert van Marwijk - und dazwischen fungierten noch Ralf Schehr, Holger Hieronymus, Rodolfo Cardoso und Frank Arnesen als Interimslösungen.

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Erfolg und Misserfolg basieren auf jahrelangen Top- oder Fehlentscheidungen auf der Personalebene - gepaart mit seriösem Finanzgebaren oder Misswirtschaft. Der HSV hat 100 Millionen Euro Schulden aufgetürmt, nach der Beurlaubung von van Marwijk und der Einstellung von Mirko Slomka werden es 105 bis 110 Millionen sein. Vielleicht sollten die Hamburger die nächste Sommerpause mal zu einem günstigen und den Kopf befreienden Kuraufenthalt in Bad Kissingen nutzen.

Ballbesitzfußball als Credo

Rene Vandereycken wurde und war dann von 2006 bis 2009 belgischer Nationaltrainer. Ohne nennenswerten Erfolg. Immerhin, er verhalf einem jungen Torhüter zu einer Nationalmannschaftskarriere. Steijn Steijnen. Sohn von Vandereyckens Mainzer Kotrainer Jean-Pierre Steijnen. Jean-Pierre war ein netter, humorvoller Plauderer, ohne ihn hätten die Mainzer Journalisten nie erfahren, mit welchen taktischen Grundprinzipien sein Chef zu operieren gedachte.

Vandereycken wollte schon damals Ballbesitzfußball spielen lassen. Gesehen hat man davon nie etwas. Das ist der dramatische Unterschied zu Thomas Tuchel. Was der Fußballlehrer predigt, das sieht man auf dem Platz. Und wenn der Ballbesitzfußball an diesem Tag nicht funktioniert, dann ist diese Mannschaft mental und taktisch flexibel genug, Hannover 96 eben mal mit Konterwucht zu bezwingen. Übrigens: Rene Vandereycken wurde zum Fastnachtsstart 2000 entlassen nach einer 0:2-Heimniederlage gegen: Hannover 96.