Rehberg: Auch gegen Hertha hat Mainz großen Kampfgeist gezeigt

Aaron Seydel. Foto: dpa

Die 05er haben in dieser Woche zweimal einen großen Sportcharakter bewiesen. Belohnt worden ist das zweimal nicht. Am Sonntag verloren die Mainzer auch gegen Hertha BSC. Doch...

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. Das Europapokal-Aus haben die 05er emotional und physisch verkraftet. Das 1:2 am Sonntagabend bei der Berliner Hertha hatte nichts zu tun mit der Enttäuschung von Saint-Étienne. Die Mannschaft von Martin Schmidt hat dem neuen Bundesligadritten einen großen Kampf geliefert. An diesem Abend im Berliner Olympiastadion hat das Matchglück gefehlt. Und Guido Winkmann war am Ergebnis nicht unbeteiligt. Der Schiedsrichter aus Kerken fällte zwei Entscheidungen, die das Mainzer Team in einem sehr engen Spiel benachteiligt haben.

In der 49. Minute versagte Winkmann den 05ern beim Stand von 1:1 einen Strafstoß. Der Japaner Henki Haraguchi grätschte im Berliner Strafraum Gaetan Bussmann weg, als dieser gerade einen Querpass auf Aaron Seydel anbringen wollte. Das war ein eindeutiges Foulspiel, das der Schiri übersehen hat. 13 Minuten später zückte Winkmann die Gelb-rote Karte gegen Jean-Philippe Gbamin - nach einem Allerweltsfoul des Franzosen im Mittelfeld, mit langem Bein im Kampf um den Ball. Man kann sagen, diese Entscheidung war zu hart, man kann auch sagen: Das war das zweite Fehlurteil des Unparteiischen zu Ungunsten der Mainzer. Winkmann schickte dann zwar weitere elf Minuten später auch noch den Berliner Torjäger Vedad Ibisevic vom Feld mit Gelb-rot. Nach einem taktischen Foul an Pablo de Blasis. Doch in der Zwischenzeit hatte der Berliner Torjäger die Partie gegen die in Unterzahl spielenden Mainzer mit seinem zweiten Treffer schon entschieden.

Das Berliner Siegtor, eine Flipperkugel. 05-Kepper Jonas Lössl traf bei seiner Rettungsgrätsche im Fünfmeterraum den Ball, doch der prallte Ibisevic ans Schienbein und von dort ins leere Tor. Und in der Schlussphase hatte die Schmidt-Elf noch zweimal Pech. Zunächst traf Yunus Malli mit einem glänzend geschlenzten Freistoß nur das Winkelkreuz (Hertha-Keeper Rune Jarstein hatte noch die Fingerkuppen dran). Unmittelbar vor dem Abpfiff schlug Innenverteidiger Anthony Brooks einen von 05-Kapitän Niko Bungert Richtung Kasten gegrätschten Ball am langen Eck für seinen schon geschlagenen Torhüter von der Torlinie.

Zweimal nicht belohnt worden

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Die 05er haben in dieser Woche zweimal einen großen Sportcharakter bewiesen. Belohnt worden ist das zweimal nicht. Das passiert. Am Freitagabend kreuzt der FC Bayern in der Opel Arena auf. Vielleicht ist die Glücksgöttin dann besser gelaunt mit Blick auf die Mainzer Kämpfer. In Berlin jedenfalls haben die 05er ein wehrhaftes, defensiv weitgehend stabiles Auswärtsspiel hingelegt. Ein Punktgewinn wäre verdient gewesen gegen die ausgeruhte Hertha. Die in der Offensive nicht viele gute Lösungen fand, die selten Tempo in ihr Spiel bekam, die kaum Großchancen herausspielte. Ein 1:1 oder 2:2 hätte die Leistungen beider Mannschaften klarer dokumentiert.

Schade für Aaron Seydel. Dessen Geschichte wäre mit einem passenden Ergebnis natürlich noch viel schöner gewesen. Als Bub stakste der lange Lulatsch auf dem Hartplatz vor dem Oppenheimer Gymnasium umher. Im Trikot des örtlichen FSV. In der D-Jugend, im Alter von 12 Jahren, wurde Seydel für die 05er entdeckt. Seitdem hat er am Bruchweg viele Tore geschossen. Aber nie so viele, dass man dem Mittelstürmer eine frühe Bundesligakarriere zugetraut hätte. In Berlin stand der 20-Jährige erstmals in der Erstligastartelf.

Talent gezeigt

Am Nachmittag hatte die Mainzer U23 als Tabellenletzter in der Dritten Liga am Bruchweg den seit Wochen ungeschlagenen FSV Frankfurt mit 1:0 niedergerungen. Ohne den Stammmittelstürmer. Das größte Talent dieser blutjungen Mannschaft schlug eine Stunde später 500 Kilometer entfernt in der Bundesliga zu. Im Berliner Olympiastadion. Mit einem trockenen Linksschuss erzielte Seydel nach einer Vorlage von Levin Öztunali das 1:0. Und darüber hinaus bewies der Vertreter des müde geschafften Jhon Cordoba, dass er mit seinen technischen Fähigkeiten das werden kann, was man im Fußball unter einem „Wandstürmer“ versteht: Das sind jene langen Kerle, die mit dem Rücken zum gegnerischen Tor unter Druck im torgefährlichen Raum die Kugel annehmen, verarbeiten und nach einer halben Drehung sauber weiterleiten können. Dem 1,97 Meter hohen Schlaks fehlen noch eine stabilere Physis, Cleverness, eine robustere Durchsetzungsfähigkeit in den Duellen mit den harten Stopperhünen dieser Liga. Doch für den Anfang war das eine starke Leistung.

Das nächste Talent aus dem eigenen Nachwuchs steht in der Tür. Man sollte Seydel jetzt aber mit Erwartungen nicht überfrachten. Auf den Tag vor vier Jahren hat ein damals 19 Jahre altes 05-Sturmtalent namens Shawn Parker mal bei seinem Bundesligadebüt im Derby in Frankfurt das Tor zum 2:0 geschossen. Eine tolle Story. Danach folgten noch ein paar Kurzeinsätze. Und dann hat man von dem Stürmer, der heute im Alter von 23 Jahren im Kader des FC Augsburg steht, nie wieder etwas gehört. Auch dessen jüngerer Bruder Devante Parker hatte schon zwei Bundesligaeinsätze am Bruchweg: Der 20-Jährige, der in allen 05-Nachwuchsteams seinem Kumpel Aaron Seydel viele Vorlagen geliefert hat, wird inzwischen in der U23 zum Außenverteidiger umgeschult. Zukunft offen. Das Vorbild: Der Ex-05er Eric Durm, einst einer der Vorgänger von Seydel im U23-Angriff, hat als Dortmunder Außenverteidiger 2014 den Sprung in Jogi Löws Weltmeisterkader geschafft.