Rehberg: Abstiegskampf - Über Kopfkino und Fehler in der Krise

Hannovers Kevin Wimmer während des Spiels gegen Stuttgart. Foto: dpa

Inbesondere für die Spieler bedeutet der Kampf gegen den drohenden Abstieg auch immer eine mentale Belastung: Das negative Denken und das Kopfkino bekomme in dieser Phase...

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. Abstiegskampf. Wir wissen, wie die Psyche der Spieler in diesen hoch intensiven Phasen reagiert. Sorgen, Probleme, Zweifel, mangelndes Selbstvertrauen, wenig Zuversicht. Negatives Denken, negative Bilder. Eine Frage lässt sich nicht mehr abschalten: Was ist, wenn wir auch noch dieses Spiel verlieren?

Das Kopfkino bekommt ständig neue Nahrung. Aufgebrachte Fans, Aburteilungen bis hin zu Beleidigungen aus den Sozialen Medien, eine nervöse Klubführung, miese Stimmung im Umfeld des Klubs und in der gesamten Stadt – und die Journalisten haben ohne Ende Munition. Wohlwollende, unterstützende, konstruktive Kommentare werden immer seltener.

Schwierige Atmosphäre

In dieser Atmosphäre Leistungssport betreiben zu müssen, das ist eine Aufgabe. Wer den Zug noch mal erwischt, der kann durchaus noch mal Fahrt aufnehmen. Wer im Bahnhof sitzen bleibt ohne zu merken, dass der Zug längst durchgerauscht ist, der bleibt hängen. Raus aus dem Rennen.

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Wie schwierig es werden kann, wenn die mentale Grundordnung mal angeschlagen ist, das zeigen selbst die gut bis sehr gut besetzten Mannschaften. Der FC Bayern hatte seine Horrorphase im Herbst. Spitzenreiter Borussia Dortmund hat gerade binnen weniger Spiele einen 9-Punkte-Vorsprung vergeigt. Borussia Mönchengladbach hat über Monate ein Heimspiel nach dem nächsten gewonnen auf dem scheinbar sicheren Weg in die Champions League – und nun? Die jüngsten drei Heimspiele: 0:3, 0:3, 1:5 – 0 Punkte, 1:11 Tore.

Mitten in der sportlichen Krise werden weitere Fehler gemacht

Der 1. FC Nürnberg und Hannover 96 finden im hintersten Winkel der Tiefgarage überhaupt keinen Zugang mehr zum Treppenhaus. Die Zweifel am eigenen Können lassen sich nicht mehr besiegen. Und dann werden in diesen Klubs mitten in der sportlichen Krise zusätzliche Fehler produziert werden. Nur ein zwei Beispiele.

Die Nürnberger wissen seit Monaten, dass ihre Mannschaft ganz nett kicken kann, dass aber im Abwehrzentrum und in der Offensivabteilung die individuelle Klasse nicht ausreicht für die Erste Liga. Und dann wirft die Führung mit einem Zug nicht nur den Trainer raus, sondern auch noch den Manager. Nun sucht ein wenig fachkundiger Aufsichtsrat einen neuen Manager – und der soll dann erst mal noch den neuen Cheftrainer finden. Binnen drei Wochen mit einem Interimschef, der vorher als Co-Trainer an vielen Entscheidungen beteiligt war, ist der Club in der Tabelle abgehängt worden. Da geht nichts mehr.

Hannover 96 hat den erfahrenen Thomas Doll geholt für den erfolglosen André Breitenreiter. Doll hat zuletzt in Ungarn Titel geholt. Ob der einstige Klassestürmer in diesem Moment ein Spezialist sein kann für eine Nichtabstiegs-Mission? Es sieht nicht danach aus. Doll macht Fehler.

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Der 96-Trainer erzählte den Journalisten kurz nach seinem Amtsantritt, seine Spieler seien körperlich in keinem guten Zustand. Selbst wenn dem so sein sollte: Jeder weiß, dass sich gravierende Defizite in Athletik und Kondition im laufenden Ligabetrieb (also ohne zwei, drei Wochen Vorbereitung) nur noch sehr bedingt begradigen lassen. Welcher Eindruck entsteht also: Das kann ja gar nicht mehr funktionieren.

„Wir machen uns zur Lachnummer der Liga“

Jetzt sagte Doll nach dem desolaten 1:5-Auftritt in Stuttgart vor laufenden Kameras: „Wir machen uns zur Lachnummer der Liga.“ Vielleicht wollte der Trainer seine Spieler provozieren. Das wird nicht klappen: Die Spieler liegen mental und emotional am Boden. Da ist nichts anderes gefragt als Aufbauarbeit, Bestärkung in der Dauerschleife. Der Gruppenleiter muss seinen Spielern positive Bilder ins Hirn hämmern. Lachnummer? In Hannover knarzen die tragenden Balken und von den Wänden rieselt der Kalk.