Rehberg: 60 Minuten lang stimmt bei Mainz 05 gar nichts

Alexander Hack nach der Niederlage am Boden zerstört. Foto: Sascha Kopp

Eine Etappe im Sechs-Tage-Rennens Abstiegskampf musste der FSV Mainz 05 verloren geben. Laut AZ-Blogger Reinhard Rehberg hauptsächlich deshalb, weil die Schmidt-Elf es nicht...

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. Auf der dritten Etappe des Sechs-Tage-Rennens Abstiegskampf haben sich die 05er verfahren. Auf diesem Streckenabschnitt ist das Navigationsgerät ausgefallen und die Sportler wussten sich selbst nicht zu helfen. Bei der ernüchternden 1:2-Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach hat eine Stunde lang überhaupt nichts gestimmt. In einer Partie, die den Weg weisen sollte zu einem Saisonfinale ohne Endspielstress. Diese Chance ist vertan.

Trainer Martin Schmidt sprach später sogar schon von „drei Finals, die wir jetzt vor uns haben“. Das ist eine unnötige Dramatisierung. Denn das Kennzeichen eines Finales ist das Herbeiführen einer endgültigen Entscheidung. Die wird es am kommenden Wochenende in Hamburg nicht geben: Die 05er können sich mit einem Sieg beim direkten Konkurrenten HSV nicht retten – und sie können dort nach einer Niederlage auch nicht vorzeitig in die Relegation kippen oder gar direkt absteigen.

Irritierend war, dass die 05er an diesem sonnigen Samstag vor der tollen Kulisse in der ausverkauften Opel Arena nicht mal den Versuch unternommen haben, den Gegner an dessen Strapazen in dieser Woche zu erinnern. Martin Schmidt hat in seinem Matchplan darauf verzichtet. Defensiv gut stehen, Bälle erobern und umschalten, das war der Plan A des Trainers. Der habe nicht funktioniert, so der Schweizer, weil der Gegner sich nicht so verhalten habe, wie vorgesehen. Die Gladbacher hätten Balleroberungen nahezu unmöglich gemacht, weil sie nicht wie eine Ballbesitzmannschaft aufgetreten seien. Die Gladbacher hätten mit ihren vielen langen Bällen über die Mainzer Pressingzone hinweg eine 05-Balljagd nicht zu gelassen.

Vielleicht wollte der Trainer seine Spieler schützen. Vielleicht auch sich selbst. Tatsache ist: Die Analyse war zu einfach gestrickt - und sie beinhaltete auch alternative Fakten. Denn die Borussia zog in Seelenruhe ein sicheres Kombinationsspiel auf. Dem die 05er in Seelenruhe tatenlos zuschauten. Statt die Gladbacher, die ihren im Elfmeterschießen verlorenen 120-Minuten-Pokalfight gegen die Eintracht im Körper und im Kopf hatten, zu hetzen, zu jagen und zu quälen, boten die Mainzer dem Gegner eine Regenerationsstunde an. Statt den Gegner mit Angriffspressing unter Zeit- und Entscheidungsdruck zu setzen, statt zumindest in den Mittelfeldzonen mit physischer Wucht und Aggressivität dem Gegner einen ungemütlichen Nachmittag zu bereiten, übten sich die 05er lediglich im Begleitschutz. Das führte auf Mainzer Seite zu einer seelenlosen ersten Halbzeit, die nie eine Zündschnur auslegte für Lärm, Begeisterung und Kampfbereitschaft auf den Rängen. Eine vertane Chance, sich in die Wunden der Gladbacher hineinzubohren.

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Latza bekam keinen Zugriff

Schmidt wollte nicht ähnlich ausgekontert werden wie in einigen Szenen beim 2:2 in München. Was passierte? Die Gladbacher gingen in Führung mit einem Konterzug über gut 60 Meter. Linksverteidiger Nico Schulz nahm einen Fehlpass von Robin Quaison auf, sprintete davon und legte die Kugel am Ende des langen Weges quer auf den unbewachten Torschützen Lars Stindl. Bis dahin hatten die 05er im Mittelfeld überhaupt keine Zweikämpfe geführt, keine Balleroberungen erzwungen - und demzufolge auch überhaupt keine offensiven Umschaltgelegenheiten organisiert.

Danny Latza rannte im Zentrum hin und her, er bekam keinen Zugriff. Nebenmann Fabian Frei hatte wieder einen seiner Tage erwischt, an denen er ohne Körperspannung und ohne wilde Entschlossenheit unterwegs ist. In der Defensive gut stehen, diese Taktikfloskel nahmen die 05er wörtlich. Flache Anspiele der Gladbacher - über mehrere Linien hinweg mitten durchs Zentrum - fanden den Mitspieler.

Das 05-Angriffsspiel? Hohe Schläge auf die kleinen Yoshinori Muto und Bojan Krkic. Untauglich. Der zwei Meter hohe Yannick Vestergaard musste nicht mal springen, um die Luftduelle gegen den Mainzer Pygmäensturm zu kontrollieren. Das Spiel am Boden? Bojan versuchte es, doch ihm fehlten die Präzision und die Unterstützung von technisch ähnlich veranlagten Kollegen. Tempo an den Seitenplanken? Selten. Quaison, planlos im linken Halbraum, und Karim Onisiwo, ohne Durchsetzungskraft am rechten Flügel, fanden keine Tiefe für Geschwindigkeitsaktionen - und auch technisch waren beide Außenstürmer nicht in der Lage, in ihren Räumen Wirkung zu erzielen. Passive 05er ließen eine komplette Halbzeit dahin- und letztlich wegplätschern. Ein Kampfspiel im Abstiegsgetöse? Das war es nie in dieser Phase.

Die Mannschaft habe eben Schwankungen

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Verblüffend war, dass die 05er auch noch passiv aus der Pause kamen. Nach nur 41 Sekunden ereignete sich das 0:2. Stellungsfehler von Stefan Bell nach einer hohen Flanke, ein Riesenloch im Strafraumzentrum. Nico Schulz traf den unzureichend abgewehrten Ball optimal. Nach einer Stunde wechselte Schmidt aus. Mittelstürmer Jhon Cordoba kam, der engagierte Bojan agierte nun mehr von halblinks. Zehn Minuten später kam Pablo de Blasis. Erst mit dem wendigen und willensstarken Giftzwerg kam Bewegung in den Angriff. Jetzt entstand eine Druckphase. Die Anzahl der Strafraumszenen hätten ein 2:2 noch ermöglichen können. Doch Mutos Anschlusstor kam zu spät.

Bei Niederlagen schließt man gerne und schnell auf eine mangelnde Einstellung der Spieler. War das ein Faktor? Die Antwort darauf können nur die Profis geben. Die Mannschaft habe eben Leistungsschwankungen, sagt Schmidt. Schwankungen in der Bereitschaft, Kampf und Leistung zu mobilisieren, darf das aber nicht beinhalten. Schon gar nicht mitten in diesem engen Abstiegsturnier.