Rehberg: 05er gegen Braunschweig "nicht ganz wach"

Bedient nach der Niederlage: Nicolai Müller und Zdenek Pospech.

Taktische Besonderheiten waren nicht der Grund für die 3:1-Niederlage des FSV Mainz 05 am Dienstagabend in Braunschweig. Woran es dann lag, erklärt Reinhard Rehberg in seinem...

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. Ein emotional bis an die Zähne bewaffneter Zweitligist empfängt im Pokal vor seinen zu allem entschlossenen Anhängern einen nicht ganz wachen Erstligisten. Die in diesem Fall oft erlebte Spielstruktur und Stadionatmosphäre hat sich der FSV Mainz 05 am Dienstagabend im Ligaspiel in Braunschweig aufzwingen lassen. Von daher muss man über taktische Besonderheiten nicht groß diskutieren, die haben nicht den Ausschlag gegeben in diesen 90 Minuten. Die spielerisch limitierte Mannschaft von Trainer Torsten Lieberknecht hat die 05er niedergekämpft. Mit einem von riesiger Leidenschaft getragenen Ansatz. Auf den das Team von Thomas Tuchel nach dem großen Fight gegen den FC Bayern nicht die angemessenen Antworten fand.

Darüber hinaus wurde diese Partie punktuell entschieden. Schlüsselsituationen. Die 05er verteidigten beim 0:1 und 1:2 zwei im Prinzip harmlose Standardsituationen in mehreren Luftduellen hintereinander schlecht, weit unter dem Niveau der in dieser Rückrunde gebotenen Abwehrleistungen. Der 1:2-Rückstand Sekunden vor dem Halbzeitpfiff kam aus dem Nichts. Die Tuchel-Elf war spielerisch überlegen, insbesondere auf der rechten Angriffsseite boten sich weit geöffnete Räume, doch es mangelte an Zielstrebigkeit und Durchsetzungskraft in Strafraumnähe. Yunus Malli als hängender Stürmer, später als Zehner und am Ende als linker Mittelfeldspieler den meisten Braunschweigern technisch überlegen, konnte einmal mehr sein Phlegma nicht überwinden.

Die Partie hätte noch eine andere Wendung nehmen können. In der 48. Minute. Da hätte der Schiedsrichter nach dem Ellbogenschlag von Domi Kumbela ins Gesicht von Niki Zimling im Braunschweiger Strafraum einen Foulelfmeter pfeifen m ü s s e n. Robert Hartmann aus Wangen zückte nicht mal die Gelbe Karte. Die einzige echte Torchance im Strafraum für die Gastgeber aus dem Spiel heraus verwertete jener Kumbela, der nach zwei rüden Aktionen mit hohem Fuß nach einer Verwarnung zum fälligen Zeitpunkt schon längst nicht mehr auf dem Platz gestanden hätte, mit einem überragenden Fallrückzieher zum 3:1. Da hatten die Mainzer kein Schiri-Glück.

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Und Tuchel hatte wenig Fortune mit seinem nach dem Kraft, Energie und Konzentration fordernden Kraftakt gegen die Bayern durchaus logischen Rotationsprinzip. Den in der Arbeit gegen den Ball zumindest ordentlich auftretenden Julian Koch und Elkin Soto unterliefen zu viele leichte Fehler in der Ballannahme, im Passspiel, in der Raumorientierung. Den neu in die Mannschaft gekommenen Profis, und dazu zählte auch der im Ballbesitz etwas bessere Zimling, war an diesem Abend anzusehen, dass ihnen - nach Wochen ohne Wettkampfpraxis - Belastungshärte und Spielrhythmus fehlten. Der beste Mann im Mittelfeldzentrum war der bekanntlich spielintelligente, aber nicht sonderlich dynamische Ex-05er Damir Vrancic. Das sagt viel aus über die Präsenz von Koch, Soto, Zimling - oder eben auch Malli. Tuchel erhoffte sich noch einen Impuls vom eingewechselten Debütanten Todor Nedelev, doch da tobte längst eine hektische, zerfahrene Schlussphase ohne jede spielerische Struktur.

Ob die 05er mit ihrer "Bayern-Startelf" besser ausgesehen hätten in Braunschweig - und welche Auswirkungen das auf das anstehende Heimspiel gegen den FC Augsburg gehabt hätte -, das werden wir nie erfahren. Von daher ist auch diese Diskussion müßig.

Dass sich die 05er in ihrer Spieleröffnung vom gar nicht mal perfekten Angriffspressing der Eintracht immer wieder beeindrucken ließen, das war in dieser krassen Form nicht zu erwarten. Die Stürmer Kumbela und Havard Nielsen liefen aggressiv an, aber in relativ weiten Abständen. Die 05er verlagerten früh auf die Flügel, da hatte insbesondere Linksverteidiger Junior Diaz Mühe, spielerische Lösungen zu finden. Und wenn die Innenverteidiger Stefan Bell und Nikolce Noveski die Kugel weit nach vorne prügelten, dann eroberten die überragend fightenden Braunschweiger die Mehrzahl der zweiten Bälle.

Dieses Ungleichgewicht hätte diese Partie aber nicht entscheiden müssen. Entscheidend waren die ungewöhnlichen Schwächen der Mainzer bei der Verteidigung von hohen Standardbällen. Und die vielen leichten Fehler im eigenen Ballbesitz. Was noch dazu kam: In Hoffenheim machte die Tuchel-Elf aus den ersten drei Chancen nach der Pause drei Tore. In Braunschweig verpasste Nicolai Müller die gute Chance zur 2:1-Führung (41.) und der eingewechselte Shinji Okazaki die 100-Prozent-Chance zum direkten 2:3-Anschlusstreffer (78.). Erklärungen für Niederlagen können manchmal sehr einfach sein.

Wobei man anerkennen muss: Torsten Lieberknecht hat seine Mannschaft unter einem immensen tabellarischen Druck in einem nervlich sehr guten Zustand auf den Platz gestellt. Vielleicht hat das der psychologisch sehr geschickt operierende Pfälzer gelernt in seinen vielen Schicksalsspielen als Spieler am Bruchweg - in den diversen erfolgreich bestandenen Abstiegskämpfen zu alten Zweitligazeiten.