Rehberg: 05 vor der Krönung der seriösen Arbeit

Dirigent auf dem direkten Weg nach Europa: 05-Trainer Martin Schmidt. Foto: dpa

Schon ein Remis am Samstag gegen Hertha BSC würde Mainz 05 genügen für den direkten Einzug in die Gruppenphase der Europa League. Die Bedeutung dieses Schrittes kann man gar...

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. Samstagabend. Rückkehr aus Stuttgart. Die 05-Profis haben am Bruchweg aus dem Stand mit einigen Fans die Europapokal-Teilnahme gefeiert. Bengalos, Bierduschen, Gesänge. Wir wollen das nicht vertiefen. Das ist jetzt schon ein riesiger Erfolg. Aber die Mannschaft von Martin Schmidt hat sich noch mehr vorgenommen.

Am Samstag besteht die Chance, im Saisonfinale gegen Hertha BSC noch einen draufzusetzen: Schon ein Remis würde genügen für den direkten Einzug in die Gruppenphase der Europa League. Die Bedeutung dieses Schrittes kann man gar nicht hoch genug bewerten. Denn das würde Planungssicherheit bedeuten. Dann weiß Rouven Schröder, dass die Mannschaft 2016/17 mindestens sechs internationale Spiele zu bestreiten hat. Das kann Auswirkungen haben auf die Kadergestaltung. Mit den entsprechenden Mehreinnahmen von mindestens vier Millionen Euro ließe sich das Personalbudget dann auch moderat erhöhen. Unabhängig von möglichen Transfereinnahmen.

Quali-Spiele würden Sommervorbereitung stören

Und Trainer Martin Schmidt würde sich darüber freuen, die sicher ebenfalls spannende, aber eben von Unwägbarkeiten begleitete EL-Qualifikationstour vermeiden zu können. Vor allem schon deshalb, weil diese Quali-Spiele, die dem Bundesligastart vorgeschaltet sind, die Sommervorbereitung stören. Grundsätzlich wird es das Ziel der 05er sein zu beweisen, dass man auch als Mittelklassemannschaft im Europapokal tätig sein kann, ohne in der Liga bis zum letzten Spieltag um den Klassenverbleib bangen zu müssen. Das haben in den vergangenen Jahren nicht viele - in der Struktur mit Mainz 05 vergleichbare - Klubs geschafft. Selbst Etat-Riesen wie der VfL Wolfsburg und der FC Schalke 04 haben in dieser Saison Probleme gehabt, ihre internationalen Auftritte zu krönen mit konstant guten Leistungen in der Bundesliga.

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Die Chance, den größten Erfolg in der 111-jährigen Vereinsgeschichte zu bewerkstelligen, liegt am Samstag auf dem Tisch. Und dann werden sicher auch die Mainzer endlich bundesweit in den Fokus anerkennender Betrachtungen geraten. Bislang war nur vom „Wunder von Darmstadt“ die Rede oder von der sensationellen Saison des FC Ingolstadt. Die 05er fliegen da immer noch unter dem Radar. Welche eindrucksvolle Entwicklung diese Mannschaft genommen hat trotz der Trainerwechsel von Thomas Tuchel zu Kasper Hjulmand und danach zu Martin Schmidt verdeutlicht dieser Vergleich: In den drei Spielzeiten seit 2013 haben die Mainzer 25 Punkte mehr geholt als Werder Bremen, 41 Punkte mehr als der VfB Stuttgart und 42 Punkte mehr als der Hamburger SV. Womit sich belegen lässt: Mainz 05 hat diese drei einstmals sportlich um Lichtjahre entfernten Traditionsklubs nachhaltig überholt. Und das mit Personalausgaben, die Jahr für Jahr durch entsprechende Einnahmen gedeckt werden. Im zehnten Bundesligajahr nach dem Erstaufstieg 2004 stehen die 05er vor der Krönung ihrer ebenso sportlich erfolgreichen wie wirtschaftlich seriösen Arbeit.

Heidel hat einen großen Abschied verdient

Auch deshalb hat Christian Heidel einen großen Abschied verdient im Rahmen des Endspiels gegen Hertha BSC. Dass der 05-Manager mal zu einem Großklub wechseln würde, der in der Tabelle (Stand heute) hinter den Mainzern rangiert und der sich eventuell durch die EL-Quali quälen muss, das hätte man eigentlich nicht für möglich gehalten. Aber wenn man sich anschaut, dass die Schalker gerade mit ihrem Trikotsponsor Gazprom, das faktisch ein russisches Staatsunternehmen ist, einen Kontrakt abgeschlossen haben, der dem Ruhrpottklub 20 Millionen Euro pro Vertragsjahr garantiert, dann weiß man, welche Möglichkeiten sich dort für den scheidenden 05-Macher auftun. Was allerdings nichts daran ändert, dass Heidel bei S04 auch aufgefordert ist, einen riesigen Schuldenberg abzubauen. Dieses Problem hat Schröder am Bruchweg nicht.

Und Heidel hinterlässt seinem Nachfolger auch keine Mannschaft, die eine Baustelle wäre. Im Gegenteil. Wir können zwar noch nicht einschätzen, in welchen Dimensionen ab diesem Sommer die englischen Millionen den europäischen Transfermarkt verändern werden. Aktuell lässt sich festhalten: Verrenken müssen sich die 05er mit ihrem Einkaufszettel nicht, dieser Kader hat in diesem Moment auch in der Tiefe genügend Qualität, um ohne die ganz großen Sorgen die Dreifachaufgabe Bundesliga, DFB-Pokal und Europa League angehen zu können. Korrekturen inklusive Verbesserungsperspektiven wird es immer geben.

Wie sieht die künftige Führungsstruktur aus?

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Antworten liefern müssen die 05er noch, wie die künftige Führungsstruktur in der Nach-Heidel-Ära aussehen wird. Teile des Vorstands unter Führung von Harald Strutz beratschlagen darüber in einem Gremium, das auch mit Führungskräften aus der Mainzer Wirtschaft besetzt ist. Die Ergebnisse, die in den kommenden Tagen dem Alt-Vorstand vorgestellt werden sollen, müssen stimmig sein. Die Pläne müssen geprägt sein von Fachkompetenz auf allen Ebenen. Wer da faule Kompromisse eingeht, weil eventuell persönliche Eitelkeiten zu bedienen sind, der kann in kurzer Zeit dort landen, wo sich in diesen Tagen der VfB Stuttgart abstrampelt. Christian Heidel hinterlässt Lücken, die geschlossen werden müssen. Wer wird im Klub künftig auf der operativen Ebene der entscheidende Ansprechpartner sein für Rouven Schröder? Wir dürfen gespannt sein.