Neue Debatte über Lockerungen in Darmstadt

aus Coronavirus-Pandemie

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Maskierte am Weißen Turm: Darmstadt könnte die Verantwortung für Schutzmaßnahmen selbst übernehmen, sagt der OB.   Foto: Torsten Boor

ECHO-Umfrage: Können die Darmstädter selbst Verantwortung übernehmen über Maske und Abstand? Wie Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen darüber denken.

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DARMSTADT. Können Bürger selbst entscheiden, wann sie Maske tragen, wie viel Abstand sie halten? Die Debatte um Lockerungen beim Infektionsschutz, die der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ins Rollen brachte, ist auch in Darmstadt angekommen. Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Gesundheitswesen schwanken zwischen Vorsicht und mutigem Vorangehen. Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) steht klar aufseiten der Zuversichtlichen.

Die Frage, die das ECHO, allen Gesprächspartnern stellte: "Wäre es zum jetzigen Zeitpunkt zu verantworten, dass Darmstadt die Verantwortung für die Schutzmaßnahmen beziehungsweise Lockerungen selbst in die Hand nimmt?" OB Partsch sagt: "Ja, mit Blick auf die stärkere regionale Betrachtung des Infektionsgeschehens und entsprechende Maßnahmen zu dessen Eindämmung ist dies in jeden Fall denkbar und auch verantwortbar." Aber so wenige Fälle es derzeit gebe: Aus Sicht der Stadt sei die Pandemie nicht beendet. "Das Virus ist nach wie vor da und alle Maßnahmen, die helfen, die Ausbreitung weiter zu verlangsamen, sind auch zum jetzigen Zeitpunkt sinnvoll und notwendig."

Grundsätzlich, so der OB, hätten die letzten Monate gezeigt, "dass die Bürgerinnen und Bürger in Darmstadt sich zu großen Teilen vorbildlich an die Vorgaben gehalten haben und dadurch auch entscheidend zur erfolgreichen Eindämmung des Infektionsgeschehens beigetragen haben". Dies erfolgte jedoch im Rahmen gesetzlicher Vorgaben. Die Entscheidung über die Rücknahme weiterer Anti-Corona-Maßnahmen liege beim Land Hessen.

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Solidarisch und vernünftig

Lob für die umsichtigen Darmstädter verteilt auch Tim Huß, Vorsitzender der SPD. Bei raschen Lockerungen sei er aber "skeptisch". "Die Masse ist solidarisch und vernünftig, aber es reichen einige wenige Ignoranten und der Handlungsspielraum ist wieder weg." Die bisherigen Lockerungen empfinde er als "sehr wirtschaftsnah und sehr familienfeindlich", das müsse künftig anders laufen.

Bei der IHK Darmstadt heißt es: "Keine Einzelgänge von Kommunen", so Sprecher Thomas Klein. "Die letzten Wochen haben gezeigt, dass schrittweises und behutsames Vorgehen richtig war." In jedem Falle sollten die Schutzmaßnahmen landesweit einheitlich sein, "um einen für die Unternehmen schwer überschaubaren Flickenteppich und Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden".

Auch Markus Hoschek vom Vorstand der Heag traut den Darmstädtern zu, dass sie selbst "verantwortungsvoll miteinander umgehen" - auch ohne staatlich verordneten Mundschutz und Abstandsregeln. Man sei "durch die erste Welle erstaunlich gut durchgekommen"; das sei Anfang März nicht abzusehen gewesen, als Bund und Länder die drastischen Beschränkungen verordneten. Allerdings: "Wenn wir aufgrund von übereilten Lockerungen in eine zweite Welle laufen, schadet uns das viel mehr", sagt Hoschek.

Er sieht das Land Hessen bei den Entscheidungen über Lockerungen indes auf teils nicht nachvollziehbarem Kurs. Rheinland-Pfalz weise ähnliche Fallzahlen bei den Infektionen auf. "Da waren aber beispielsweise die Tennis- und Golfplätze viel früher wieder offen." Bayern hatte die Kitas früher offen. Hessen sei, so sein gegenwärtiger Eindruck, "in einigen Bereichen hintendran, ohne dass es die Fallzahlen hergeben".

Selbst Verantwortung übernehmen

Auch am Klinikum glaubt man, dass Darmstadt die Verantwortung für Schutzmaßnahmen selbst übernehmen könnte. Der medizinische Geschäftsführer, Nawid Khaladj, sagt: "Ja, das ist zu verantworten, da das Klinikum Darmstadt als koordinierendes Krankenhaus für ganz Südhessen einen guten Überblick über die Zahl der Sars-Cov-2-Neuinfektionen nicht nur über Darmstadt, sondern auch über die anderen Versorgungsgebiete in Hessen hat." Über den Planungsstab Hessen und den Krisenstab der Stadt sei ein sehr enger Austausch gegeben. "So können wir etwaige Ausbrüche lokal sehr schnell sehen, Maßnahmen auf kommunaler Ebene treffen und gemeinsam gegensteuern." Aber er warnt auch: "Die freien Kapazitäten in den Krankenhäusern momentan dürfen uns keine falsche Sicherheit geben. Die gültigen Hygiene- und Abstandsregeln sollten wir alle weiter ernst nehmen und einhalten."

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Am Elisabethenstift heißt es: "Wir als Krankenhaus können die Schutzmaßnahmen keinesfalls lockern, sondern müssen weiterhin sehr aufmerksam und vorsichtig sein." Man müsse "sowohl sehr vulnerable Patienten versorgen und schützen als auch unsere Mitarbeitenden", sagt Mathias Pfisterer, Ärztlicher Direktor.

Nach Pfingsten werde in den Krankenhäusern der Regelbetrieb wieder hochgefahren, "was sinnvoll ist, da auch diese Patienten versorgt werden müssen und deren Behandlungsdruck steigt". Für Patienten, die an Sars-Cov-2 erkrankt sind, werde es weiterhin abgetrennte Isolationsbereiche geben. Die Krankenhäuser seien aber weiter verpflichtet, einen bestimmten Anteil der Bettenkapazitäten für Sars-Cov-2-Infizierte freizuhalten.