Kratzer im Lack

Foto: Sascha Kopp

Ein einmaliger Typ war Thomas Tuchel schon immer, jetzt hat er einen einmaligen Abgang hingelegt. Jenseits gegenseitiger Schuldzuweisungen bleiben Fakten, die bei Tuchel heftige...

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. Ein einmaliger Typ war Thomas Tuchel schon immer, jetzt hat er einen einmaligen Abgang hingelegt. Dass sich ein Fußballtrainer vor Vertragsende und nach einem phänomenalen sportlichen Erfolg eine Auszeit nimmt und auf diese Weise verabschiedet, hat es selten gegeben. Und der dadurch verursachte Schwebezustand beim Bundesligisten FSV Mainz 05 - Trainer weg, aber Klub löst Vertrag nicht auf - erst recht nicht.

Bei anderen Klubs hätte ein solcher Vorgang eine monatelange Schlammschlacht ausgelöst. Es ehrt die Beteiligten, besonders jene auf Vereinsseite, dass sie es dazu nicht kommen lassen wollen. Da wird Mainz 05 seinem Ruf als etwas anderer Bundesligist wieder einmal gerecht.

Den Fans vieles von der Europa-League-Freude geraubt

Jenseits gegenseitiger Schuldzuweisungen bleiben jedoch Fakten, die beim brillanten, eloquenten, aber zur Egozentrik neigenden Tuchel heftige Kratzer im Lack hinterlassen. Er hat lange vor Vertragsende mit anderen Klubs gesprochen - die Erklärungen, die er den 05ern hierfür gab, haben nicht alle befriedigt. Er hat seinen Verein in ein prekäres Führungsvakuum manövriert, das schnelles Reagieren erfordert und Risiken birgt. Und er hat mit seinem Handeln den Fans vieles von der Freude über die Europa-League-Qualifikation geraubt. Das alles mag der Coach nicht gewollt haben, vielleicht hat er die öffentliche Wirkung seines Tuns unterschätzt. Auch wenn seine Motive nachvollziehbar sind - ein gewisser Makel, ein ungutes Gefühl bleibt. Und klar ist auch: Das Geschehen um Tuchel am Wochenende ist in ganz Fußball-Deutschland mit höchster Aufmerksamkeit registriert worden.

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Gleichwohl reichen die Nebengeräusche von Tuchels Demission nicht dafür aus, jetzt die große Moralkeule zu schwingen. Im Profifußball hat es schon viel anrüchigere Vorgänge gegeben als den Abgang des Mainzer Übungsleiters. Thomas Tuchel ist ein spezieller Charakter, aber er ist auch klug genug, aus den letzten Monaten zu lernen. Er wird irgendwann seinen viel zitierten "nächsten Karriereschritt" tun - und man braucht kein Prophet zu sein um zu sagen: Es wird ein erfolgreicher sein.

Ulrich Gerecke