Julia Engelmann - sie kam, blendete und verschwand wieder

Millionenfach geklickt: Julia Engelmanns Vortrag beim Poetry-Slam. Foto: Screenshot von www.youtube.de

Was hat dieses Video mit uns angestellt? Die Psychologie-Studentin klagt beim Poetry-Slam eine vermeintlich mutlose, zögerliche Generation an. Tausende teilten das Video bei...

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. Ein grell leuchtender, heller, weißer Blitz zuckte durch das Land. Gefolgt von einem Donnergrollen, als ob eine massive Lawine sich in ein seelenruhig daliegendes Tal ergossen hätte. Danach war alles anders. Stille - gefolgt von einem leisen Murmeln. Ein Plätschern zunächst, dann ein reißender Strom. Alle wollten auf einmal leben. Richtig leben. Nicht eines Tages, sondern jetzt! Hatte ihnen erst dieses Licht die Augen geöffnet? Musste erst der Strom, an dessen Spitze vor Wut gischtschäumend eine Welle der Entrüstung sich den Weg durch die träge vor sich herdümpelnden Lande fräste, die fest verwurzelt geglaubten Beine vom Boden reißen?

Doch die Augen waren noch immer blind. Noch immer geblendet vom Licht suchten wir nach einem Halt, echoloteten die Umgebung aus. Eine leise, abgeklärt-zittrig inszenierte Stimme zeigte uns - noch immer unfähig einen Weg zu erkennen - eine grobe Richtung. Gefühlte Abermillionen, die einen gemeinsamen Atemzug der Erleichterung taten - und dieses in einer Sturmbö, einer Mischung aus Verzweiflung und einem nennen wir es den Anflug von Siegestrunkenheit mitteilten, teilten damit auch die Ansicht, dass dieses ja wohl einmal habe gesagt werden müssen.

Zu viel Zeit vor der Glotze?

Und wir offenbarten zugleich unsere eigene Feigheit. Unsere eigene Verwundbarkeit. In die Stille herein, nach einem Zuhörer tastend, tippend, teilend drang ein chorischer Ruf, ratternd wie ein Steinschlag:

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"Ja, ich bin auch genervt von dem ganzen Mist und ich - verplempere zu viel Zeit vor der Glotze, anstatt die - Liste an tiefgängigen Büchern und Artikeln abzuarbeiten, die - schon im Lauf einer Woche die Stärke einer handelsüblichen - Toilettenpapierrolle annehmen kann. Aber mir gefällt - das. Oder sollte ich statt aber lieber trotzdem sagen?"

Das Grollen der Lawine verstummt

Stille. Das Grollen der Lawine verstummte. Die Augen gewöhnten sich nach dem überraschenden Lichtzucken langsam wieder an das schummerige Licht des grauen Tages. Aus einer unbestimmten Richtung war ein Summen zu hören, ein Surren, das immer lauter wurde, ein Zischen, dass die Luft durchschnitt. Zielsicher, schon fast überheblich, fand der aus ehernem Holz geschnitzte Pfeil sein Ziel. Die mit dem Gift des Selbstzweifels getränkte Spitze bohrte sich tief in die Stelle, die wir unserem Feind, dem Schweinehund, dem verfluchten Blender so unüberlegt offenherzig gezeigt hatten. Beschämt wanden wir unsere Augen wieder in die Dunkelheit ab. Wo bleibt das Licht? Stille.

Christian Struck